Trick­se­rei zum Auf­takt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FORUM & LESERBRIEFE -

Ne­ga­tiv­trends sind un­ge­bro­chen

Es hat ja nur ein ge­wis­ser Teil der Wäh­ler aus so­zia­len Grün­den die AfD ge­wählt. Ja, die Agen­da 2010 hat vie­le klei­ne Ver­bes­se­run­gen ge­bracht, aber die gro­ßen Ne­ga­tiv­trends wur­den nicht ge­bro­chen, als da sind: ei­ne wei­ter­hin stei­gen­de Kluft zwi­schen Ar­men und Rei­chen; mehr Mi­ni­job­ber und Men­schen, die auf ei­nen Zweit-Job an­ge­wie­sen sind; vie­le be­fris­te­te Jobs; ein ab­sin­ken­des Ren­ten­ni­veau; stei­gen­de Zu­zah­lun­gen im Ge­sund­heits-We­sen (IGeL, Me­di­ka­men­te, Bril­len, Zahn­er­satz); stark stei­gen­de Mie­ten vor al­lem in Uni­ver­si­täts­städ­ten und Bal­lungs­ge­bie­ten (nicht wir­ken­de Miet­preis­brem­se, Miet­spie­gel-Be­rech­nung zu eng und Er­hö­hung al­le drei Jah­re um 15 Pro­zent mög­lich, kei­ne Ab­sen­kung oder De­cke­lung bei der Mo­der­ni­sie­rungs-Um­la­ge). Bei vie­len der ge­nann­ten exis­ten­zi­el­len Fak­to­ren wer­den vor al­lem Rent­ner oder Ge­ring­ver­die­ner in die Zan­ge ge­nom­men. Das macht na­tür­lich Angst.

Diet­mar A. An­ge­rer, Mün­chen „Schäu­b­le: Streit muss sein“, „Grund­kurs In­te­gra­ti­on“und „Der Bun­des­tag wird wie­der zum Par­la­ment“vom 25. Ok­to­ber:

Schä­bi­ger Vor­gang

Mit ge­ra­de­zu tri­um­phie­ren­dem Aplomb ver­kün­den die Me­di­en nach der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des 19. Bun­des­tags die ers­te Nie­der­la­ge der AfD nach ih­rem Ein­zug ins Bun­des­par­la­ment. Das frag­wür­di­ge Ver­hal­ten der an­de­ren Par­tei­en wird da­bei weit­ge­hend aus­ge­blen­det. Und aus­ge­blen­det wird auch, dass die dritt­stärks­te Frak­ti­on im neu­en Bun­des­tag von ei­nem sehr be­acht­li­chen Teil der Deut­schen ge­wählt wur­de. Es ist gut, dass die AfD, die die­sen gro­ßen Be­völ­ke­rungs­an­teil ver­tritt, nun im 19. Bun­des­tag in nicht zu über­se­hen­der Frak­ti­ons­stär­ke ver­tre­ten ist. Das Schei­tern des AfD-Ab­ge­ord­ne­ten (und ehe­ma­li­gen Frank­fur­ter CDU-Kom­mu­nal­po­li­ti­kers) Al­brecht Gla­ser in drei Wahl­gän­gen zum Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­den­ten ist kein Ruh­mes­blatt der im Par­la­ment ver­tre­te­nen an­de­ren Par­tei­en. Schon der al­te Bun­des­tag hat­te die Ge­schäfts­ord­nung ge­än­dert, um nicht Ge­fahr zu lau­fen, ei­nen AfD-Ab­ge­ord­ne­ten als Al­ters­prä­si­den­ten zu Be­ginn der neu­en Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ak­zep­tie­ren zu müs­sen – ein schä­bi­ger, die ei­ge­ne de­mo­kra­ti­sche Schwä­che auf­zei­gen­der Vor­gang. Wenn die so­ge­nann­ten De­mo­kra­ten nicht schnell ler­nen, sich sach­ge­recht statt mit ge­schäfts­ord­nen­der Trick­se­rei zu be­schäf­ti­gen, wird sie das zu­recht wei­ter schwä­chen und den Wi­der­stand ge­gen das Sys­tem Mer­kel wie des­sen Sturz för­dern.

Wolf­gang D. Weit­häu­ser, Düs­sel­dorf

Be­rech­tig­te Is­lam­kri­tik

Al­brecht Gla­ser sei ein „Is­lam­feind“, schreibt He­ri­bert Prantl, und es sei rich­tig, dass ein sol­cher „Aus­gren­zer“den Bun­des­tag nicht re­prä­sen­tie­ren sol­le. Nun grenzt ja Gla­ser nicht die ein­zel­nen mus­li­mi­schen Men­schen aus, wenn er sich hart und un­di­plo­ma­tisch zur Re­li­gi­on Is­lam äu­ßert, wo­bei er sich im­mer­hin auf ei­nen Ha­mad Ab­del-Sa­mad be­ru­fen kann. Wur­de Gla­ser wirk­lich in de­mo­kra­tisch kor­rek­ter Wei­se be­han­delt? Kei­ne Fra­ge: Der Is­lam ist ei­ne Welt­re­li­gi­on, und im Koran ste­hen schö­ne Su­ren, die sich je­der Christ übers Bett hän­gen könn­te. Aber auf der an­de­ren Sei­te darf nicht über­se­hen wer­den, dass Mo­ham­med ein Staats­mann, Feld­herr und Ero­be­rer war, dass er bis­wei­len Din­ge tat (sie­he die Bio­gra­fie von Ibn Is­haq aus dem ach­ten Jahr­hun­dert), die man heu­te als Ver­bre­chen be­zeich­nen wür­de, dass vie­le Su­ren mit un­se­rem Grund­ge­setz nicht ver­ein­bar sind, dass zwi­schen Je­sus und Mo­ham­med ein ge­wis­ser Un­ter­schied be­steht. Wer dar­auf hin­weist, ist auch der ein „Is­lam­feind“?

Wolf­gang Il­lau­er, Neu­säß

Un­glaub­wür­di­ge Grü­ne

Die Grü­nen sind seit Jah­ren für ei­ne Än­de­rung der Be­fra­gung der Re­gie­rung. Nun steht wäh­rend der ers­ten Sit­zung des 19. Deut­schen Bun­des­ta­ges ein Än­de­rungs­an­trag im Raum. Die SPD stellt ei­nen An­trag, der in­halt­lich auch im Sin­ne der Grü­nen ist. Trotz­dem stimmen die Grü­nen da­ge­gen. Sie ste­hen Ja­mai­ka-stramm, be­vor es über­haupt ei­ne Ko­ali­ti­on gibt. Dies ist die Art von Un­glaub­wür­dig­keit eta­blier­ter Par­tei­en, wel­che die Bür­ger zu­tiefst ab­leh­nen. Aber den Rea­lo-Grü­nen geht es um Mi­nis­ter­pos­ten – das wird ganz deut­lich, in je­dem Ge­spräch, schon vor der Wahl.

Nicht ganz sau­ber for­mu­liert ist dies­be­züg­lich in der SZ, die „SPD stimmt ge­mein­sam mit AfD und Lin­ken“. Die SPD stell­te den An­trag. Soll sie jetzt, weil AfD und Lin­ken für den An­trag stimmen, da­ge­gen stimmen? Sau­ber for­mu­liert wä­re: AfD und Lin­ke stimmen mit der SPD.

Ul­rich Lhotz­ky-Kne­busch, Kel­ling­hu­sen

Statt ei­ner zwei ei­ne eins

Der neu­ge­wähl­te Bun­des­tag zählt 709 Mit­glie­der, 111 mehr als die Nor­mal­grö­ße von 598 Man­da­ten. Grund sind 46 Über­hang­man­da­te, die durch 65 Aus­gleichs­man­da­te kom­pen­siert wer­den. Durch Än­de­rung nur ei­ner Zif­fer im Bun­des­wahl­ge­setz könn­te man Über­hang und Aus­gleich be­he­ben und da­durch das gut be­währ­te Zwei-Stimmen-Sys­tem bei­be­hal­ten. Dies wird er­reicht durch die Re­du­zie­rung der Zahl der Di­rekt­man­da­te von 299, in Ar­ti­kel 1, Ab­satz 2, auf (et­wa) 199.

Dr. Thor­kell Hel­ga­son, Reyk­ja­vík/Is­land

Viel Nicht­wis­sen ums Stot­tern

Als ich am 23. Ok­to­ber die Über­schrift „Vom Stot­te­rer zum Star der Pra­ger Rech­ten“las, fühl­te ich mich ge­ohr­feigt. Stot­tern steht hier als das Ne­ga­ti­ve schlecht­hin. Vie­len er­wach­se­nen Stot­tern­den, die sich mit die­ser Be­hin­de­rung seit ih­rer Kind­heit her­um­schla­gen und die um ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung rin­gen, wird es ähn­lich ge­hen. Wir fin­den es gut, wenn je­mand trotz sei­nes Stot­terns re­üs­siert. In dem Ar­ti­kel wird das Stot­tern des tsche­chi­schen Po­li­ti­kers To­mio Oka­mu­ra als Fol­ge sei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen sei­nes asia­ti­schen Aus­se­hens be­schrie­ben.

Die Ur­sa­che des Stot­terns ist noch nicht aus­rei­chend er­forscht. Die meis­ten Be­trof­fe­nen ha­ben aber wahr­schein­lich ei­ne Ver­an­la­gung zum Stot­tern, das auch aus­ge­löst wird durch psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren in ih­rer Um­ge­bung. Stot­tern ist ei­ne an­er­kann­te Be­hin­de­rung. Stot­tern­de Schü­ler ha­ben An­spruch auf ei­nen Nach­teils­aus­gleich.

Die Über­schrift sug­ge­riert auch, dass das Pro­blem im Lau­fe der Ent­wick­lung zum Star ver­schwin­det. Das ist aber ei­ne Mär. Stot­tern lässt sich zwar gut the­ra­pie­ren, aber die Rück­fall­quo­te ist sehr hoch. Ge­wöhn­lich bleibt die Be­hin­de­rung im Kern be­ste­hen.

Eli­sa­beth Bahl­mann, Ham­burg Lan­des­verb. Stot­tern & Selbst­hil­fe e.V. Nord Le­ser­brie­fe sind in kei­nem Fall Mei­nungs­äu­ße­run­gen der Re­dak­ti­on. Wir be­hal­ten uns vor, die Tex­te zu kür­zen. Au­ßer­dem be­hal­ten wir uns vor, Le­ser­brie­fe auch in der di­gi­ta­len Aus­ga­be der Süd­deut­schen Zei­tung und bei Süd­deut­sche.de zu ver­öf­fent­li­chen. Es kön­nen nur Zu­schrif­ten ver­öf­fent­licht wer­den, die sich auf be­nann­te Ar­ti­kel der Süd­deut­schen Zei­tung be­zie­hen.

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