Spiel­ge­fähr­tin

Das fran­zö­si­sche Mo­del Ines Rau ist im Kör­per ei­nes Man­nes ge­bo­ren. Nun hat der „Play­boy“sie zum Play­mate des Mo­nats ge­kürt. Über ei­nen Auf­tritt ir­gend­wo zwi­schen Pro­vo­ka­ti­on, se­xu­el­ler Re­vo­lu­ti­on und kal­tem Kal­kül

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - PANORAMA - Von sil­ke wi­chert

Aus der Rei­he „Din­ge, die man nie für mög­lich ge­hal­ten hät­te:“Der Play­boy gibt sich als Or­gan zur Be­frei­ung der Frau, wo­mit aus­nahms­wei­se nicht das Ent­klei­den ge­meint ist, son­dern tat­säch­lich der Ein­satz für die Rech­te und Ak­zep­tanz der­sel­ben, je­den­falls die ei­ner ganz be­stimm­ten Frau. Ge­meint ist Ines Rau, Play­mate der ak­tu­el­len No­vem­ber-De­zem­berAus­ga­be. Für al­le, die das Blatt län­ger nicht in der Hand hat­ten: Das sind nicht die nor­ma­len Nack­ten, son­dern die mit den be­rühm­ten Ha­sen­oh­ren auf dem Kopf, zu fin­den in der Heft­mit­te, auf­klapp­bar.

Ge­hört ha­ben dürf­ten die meis­ten be­reits von der 26-jäh­ri­gen Fran­zö­sin mit nord­afri­ka­ni­schen Wur­zeln. Rau ist das ers­te Trans­gen­der-Play­mate al­ler Zei­ten. Heißt grob über­setzt, die „Spiel­ge­fähr­tin“wur­de im Kör­per ei­nes „Spiel­ge­fähr­ten“ge­bo­ren, was auf den ers­ten Blick nicht ganz der he­te­ro­nor­ma­ti­ven Blatt­li­nie ent­spricht.

Der al­te „Hef“hät­te das mit die­sem Trans­ma­te „nie zu­ge­las­sen“, twit­ter­ten Le­ser

Ei­gent­lich soll­te Rau, wie bei Play­mates üb­lich, auch aufs Ti­tel­bild. Aber dann starb der le­gen­dä­re Play­boy-Grün­der Hugh Hef­ner zwei Ta­ge vor Re­dak­ti­ons­schluss mit 91 Jah­ren. Und ziert nun selbst das Co­ver, was dem Heft üb­ri­gens ein wei­te­res No­vum be­schert: In sei­ner 64-jäh­ri­gen Ge­schich­te war nicht nur „das Bun­ny“noch nie bio­lo­gisch ge­se­hen ehe­mals männ­lich, es gab auch noch nie ei­nen Mann al­lein auf dem Co­ver.

Der al­te „Hef“hät­te das mit die­sem ‚Trans­ma­te‘ „nie zu­ge­las­sen!“, twit­ter­ten so­fort auf­ge­brach­te Le­ser. Ei­ner schrieb, er gra­tu­lie­re dem Heft da­zu, dass es sich of­fi­zi­ell zur po­li­ti­schen Kor­rekt­heit duck­mäu­se­re – fort­füh­ren wer­de er sein Abo da­für nicht. Hef­ners Sohn Co­oper, 26 Jah­re alt und mitt­ler­wei­le Chief Crea­ti­ve Of­fi­cer des Hef­tes, sag­te da­ge­gen, er ha­be Rau be­reits zwei Mo­na­te zu­vor aus­ge­wählt, als sein Va­ter noch am Le­ben war. Weil sie „lovely“und ei­ne „be­mer­kens­wer­te Per­sön­lich­keit“sei. Ih­re Ver­pflich­tung ent­spre­che, im Ge­gen­teil, ge­nau dem Er­be des Play­boy, der „Gleich­be­rech­ti­gung und den of­fe­nen Dis­kurs über Sex“im­mer un­ter­stützt ha­be. So kann man den ho­hen Frau­en­an­teil im Heft und den in­halt­li­chen Schwer­punkt na­tür­lich auch se­hen. „Es ist un­glaub­lich, wie we­nig die Leu­te ver­ste­hen, was mein Va­ter ver­such­te zu er­rei­chen“, sagt Co­oper.

Es lie­ße sich aber ge­nau­so gut ar­gu­men­tie­ren, dass der Play­boy mit ei­nem Trans­gen­der-Mo­del im Grun­de sei­ner Li­nie voll­kom­men treu bleibt. Denn wenn für ge­wis­se Le­ser Ines Rau kei­ne „ech­te“Frau ist, weil sie sich zwar schon im­mer so fühlt, aber erst mit 18 hat ope­rie­ren las­sen, kann man um­ge­kehrt ja mal fra­gen, wie echt ei­gent­lich die an­de­ren Da­men in der Ge­schich­te des Hef­tes wa­ren. Auch bei Pa­me­la An­der­son zum Bei­spiel, die sich acht­mal da­für aus­zog, be­durf­te es of­fi­zi­ell meh­re­rer Ope­ra­tio­nen, bis ihr Äu­ße­res ih­rem in­ne­ren Ide­al ent­sprach. Oder bei La Toya Jack­son, En­de der Acht­zi­ger auf dem Ti­tel, war der ein oder an­de­re Kör­per­teil ope­ra­tiv be­ar­bei­tet. Und ganz ge­ne­rell gilt: Die Frau­en im Heft mö­gen zwar häu­fig zu se­hen sein „wie Gott sie schuf“, ihr Ab­bild al­ler­dings ist stets bis ins kleins­te De­tail in­sze­niert. Da fügt sich die Weib­lich­keit der Fran­zö­sin Rau ei­gent­lich kon­se­quent ein. „Frau zu sein be­deu­tet ein­fach nur Frau zu sein“, sagt sie selbst im Heft.

In der Mo­de lie­gen Trans­gen­der so­zu­sa­gen im Trend, wie al­les „Viel­fäl­ti­ge“in der Bran­che ge­fei­ert wird. Der An­teil asia­ti­scher und far­bi­ger Mäd­chen war bei den letz­ten Lauf­steg­schau­en so hoch wie nie. Äl­te­re Mo­dels, Plus-Si­ze oder eben Trans­gen­der – al­les geht, je­den­falls so lan­ge die Da­men gut ge­nug aus­se­hen. Die trans­se­xu­el­le Bra­si­lia­ne­rin Va­len­ti­na Sam­paio er­schien im März die­ses Jah­res auf dem Co­ver der fran­zö­si­schen Vo­gue, Cait­lyn Jen­ner, frü­her Bru­ce Jen­ner, po­sier­te vor zwei Jah­ren in Cor­sa­ge für die ame­ri­ka­ni­sche Va­ni­ty Fair. Jetzt legt der Play­boy noch ein­mal nach, in­dem er Ines Rau­so pro­mi­nent frei­zü­gig wie nie prä­sen­tiert. Es liegt al­so na­he, dass das der ei­gent­li­che, et­was we­ni­ger re­vo­lu­tio­nä­re Grund für ih­re Ver­pflich­tung ist. So viel PR hat das Heft je­den­falls nicht mehr ge­ne­riert seit es im Ok­to­ber 2015 aus­rief: „Kei­ne Nack­ten mehr!“, be­zie­hungs­wei­se ein Jahr spä­ter, als es ent­schied: „Okay, doch wie­der Nack­te.“Zugleich könn­te das ers­te Trans­gen­der-Play­mate iro­ni­scher­wei­se für in Män­ner­kör­pern ge­bo­re­ne Frau­en tat­säch­lich ei­ne Art wei­te­rer Be­frei­ungs­schlag sein. Auch sie „dür­fen“sich end­lich aus­zie­hen. Der ul­ti­ma­ti­ve Rit­ter­schlag der Weib­lich­keit?

Sie sei in Freu­den­trä­nen aus­ge­bro­chen, als das Play­mate-An­ge­bot kam, sag­te Rau der New York Ti­mes. „Ich ha­be schon vie­le net­te Kom­pli­men­te be­kom­men, aber noch nie fühl­te ich mich so be­son­ders, schön und weib­lich.“

Ines Rau ist kei­nes­wegs ei­ne Un­be­kann­te in der Mo­de­bran­che, sie mo­del­te be­reits für Mar­ken wie Bal­main und war in der ita­lie­ni­schen und ame­ri­ka­ni­schen Vo­gue zu se­hen. Trotz­dem trat sie bis­lang längst nicht so pro­mi­nent in Er­schei­nung wie die Trans­gen­der-Stars And­re­ja Péjic, Ha­ri Nef oder Va­len­ti­na Sam­paio. Be­kannt ist ei­gent­lich nur, dass sie in Pa­ris ge­bo­ren wur­de und dort „im Ghet­to“auf­wuchs, wie sie im er­zählt. Mit 18 ging sie nach Ibi­za, um für DJs wie Da­vid Gu­et­ta zu tan­zen. Nach Hor­mon­the­ra­pie und Ge­schlechts­an­glei­chung ha­be sie erst ein­mal Zeit ge­braucht, sich mit sich selbst zu be­schäf­ti­gen. Jetzt sei sie be­reit, als „Ak­ti­vis­tin“auf­zu­tre­ten. Gera­de hat sie ei­nen Buch­ver­trag un­ter­schrie­ben und ei­nen Film ab­ge­dreht. Gern wä­re sie Schau­spie­le­rin, am liebs­ten „Ac­tion-Hel­din“, wie sie sagt. Spä­tes­tens mit dem Nackt-Auf­tritt als Play­mate dürf­te ih­re Kar­rie­re jetzt noch ein­mal an Fahrt auf­neh­men.

Dass sie in ei­nem Män­ner­kör­per ge­bo­ren wor­den war, mach­te sie erst vor drei Jah­ren of­fi­zi­ell – in­ter­es­san­ter­wei­se nach­dem sie sich das ers­te Mal für den Play­boy aus­ge­zo­gen hat­te. Da­mals nicht als pro­mi­nen­tes Play­mate, son­dern für ein ein­zel­nes Fo­to in ei­ner Bei­la­ge. Streng ge­nom­men war sie nicht ein­mal da­mals die ers­te Trans­gen­der-Frau im Play­boy. Be­reits 1981 er­schien die En­g­län­de­rin Ca­ro­li­ne „Tu­la“Cos­sey in ei­nem Grup­pen­fo­to zum Film­start des Ja­mes Bond Films „For your Eyes On­ly“. Kurz dar­auf wur­de sie von ei­ner bri­ti­schen Zei­tung als trans­se­xu­ell ge­ou­tet. Hef­ner ha­be sie dar­auf­hin Jah­re spä­ter wie­der für den Play­boy ab­lich­ten las­sen, sag­te Cos­sey der Huf­fing­ton Post. Als ein Wer­be­kun­de mit dem An­zei­gen­boy­kott droh­te, wur­de die Stre­cke zu­nächst zu­rück­ge­zo­gen. Jah­re spä­ter ha­be Hef­ner die Fo­tos dann trotz­dem ver­öf­fent­licht.

In­so­fern darf man durch­aus glau­ben, dass Hef­ner auch Ines Raus­ei­nen Se­gen gab. Ei­gent­lich ist sei­ne be­rühm­te Wort­mar­ke „Play­mate“im Eng­li­schen ja so­wie­so ge­schlechts­neu­tral.

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