Hor­rorklicks

Ein neu­es Gen­re macht im Netz die Run­de: Schau­er­ge­schich­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Micha­el moor­stedt

Man kann Hof be­schei­ni­gen, dass es sol­che Fil­me Gott sei Dank ent­deckt. An­de­rer­seits passt de­ren Welt aus Brat­wurst und Fuß­ball mit dem, was am deut­schen Ki­no gera­de in­ter­es­sant ist, nicht so recht zu­sam­men. Da ist ei­ner­seits zum Bei­spiel „Brut“. Ein hoch­in­tel­li­gen­tes, klei­nes Mon­strum von ei­nem Film, der ein Sys­tem von Ges­ten der Un­ter­wer­fung und der sym­bo­li­schen Re­bel­li­on zwi­schen ei­ner Mut­ter und ei­ner Toch­ter ent­wirft. Auf der an­de­ren Sei­te steht ex­em­pla­risch „Der Ge­schmack von Le­ben“von Ro­land Re­ber, ein Ho­fer Ori­gi­nal und Ki­no­re­bell, wie er im Bu­che steht. Er wur­de im Roll­stuhl in den Saal ge­scho­ben, in Har­ley Da­vid­sonKut­te und mit wei­ßem Rau­sche­bart. Spre­chen konn­te er nach meh­re­ren Schlag­an­fäl­len nicht mehr, das über­nah­men sei­ne Frau­en für ihn. Sie tru­gen ro­te T-Shirts mit dem Auf­druck des Film­ti­tels, wie bei ei­nem Jung­ge­sel­lin­nen-Ab­schied.

Als jun­ger Be­su­cher kann man sich über man­che Ki­no-Sau­ri­er nur noch wun­dern

Der Film be­steht aus ei­ner Rei­he von „Fi(c)ktio­nen“, die um die Su­che zwei­er Frau­en nach „ech­ten Män­nern“krei­sen, heu­te ge­be es die ja lei­der nicht mehr. Da­bei be­geg­nen wir „Im­po­tenz“, dem „Schutz­hei­li­gen der Frau­en­be­we­gung“, und be­kom­men er­klärt, das Pro­blem sei die ge­gen­sei­ti­ge An­glei­chung der Ge­schlech­ter, da­bei sol­le doch „ver­dammt noch mal je­der der sein, der er ist“. Die hier pro­kla­mier­te se­xu­el­le Be­frei­ung der Frau durch un­ab­läs­si­ges Er­leich­tern männ­li­cher Ge­ni­ta­li­en ist für Män­ner na­tür­lich be­quem. Der Re­gis­seur hat das Dreh­buch nicht al­lein ge­schrie­ben, son­dern es sind wirk­lich „sei­ne“Frau­en, die so den­ken, das er­fährt man im Ge­spräch mit ih­nen. Sie sind sehr lieb, re­den von Frei­heit und ver­tei­len pe­nis­för­mi­ge Frucht­gum­mis.

Als jün­ge­rer Be­su­cher staunt man nur über die­se Ki­no-Di­no­sau­ri­er. Re­ber und sei­ne Frau­en ha­ben in Hof ih­re Fans, das Pu­bli­kum ist ja größ­ten­teils selbst nicht mehr ganz jung. Dann schwen­ken al­le zu­sam­men Knick­lich­ter und sin­gen „Ich geh mit mei­ner La­ter­ne“.

Thors­ten Schau­mann ist auch da und singt aus vol­ler Keh­le mit. Sein Vor­gän­ger Heinz Ba­de­witz hat den Kos­mos Hof als ei­ne Art gro­ßen Fa­mi­li­en­be­trieb ge­führt. Nun ist er der neue Pa­pa und stellt sich vor­be­halt­los hin­ter all „sei­ne“Fil­me­ma­cher. Es ist ein gu­tes Zei­chen, dass er bes­ser sin­gen kann als Fuß­ball spie­len und Würs­te es­sen. Aber er scheint auch zu ah­nen, wie schnell man als Patch­work-Dad­dy heut­zu­ta­ge in zu­ge­fro­re­ne Se­en ein­bre­chen kann, wenn man es wagt, sich an den Vor­rä­ten zu ver­grei­fen. Es ist ja nicht so, dass es dem In­ter­net an Schau­er­ge­schich­ten man­gelt. Wer dar­an zwei­felt, muss nur mal ei­nen Blick in die Kom­men­tar­spal­ten von Ar­ti­keln zu . . . ei­gent­lich al­lem wer­fen. Schier bo­den­los sind die mensch­li­chen Ab­grün­de, die sich dort auf­tun. Wer da­nach noch im­mer nicht ge­nug hat, den be­glück­te das New York Ma­ga­zi­ne in der ver­gan­ge­nen Wo­che pas­send zu Hal­lo­ween mit ei­ner Aus­wahl der 20 furcht­er­re­gends­ten Schau­er­ge­schich­ten des Net­zes.

Es ist nur lo­gisch, dass der Hor­ror von heu­te im Netz spielt. Das Grau­en sucht die Men­schen in ih­rem na­tür­li­chen Le­bens­raum heim. Das ver­meint­lich Ver­trau­te ist nicht mehr si­cher. So sind die Fil­me, vor de­nen Leh­rer und El­tern frü­her noch ge­warnt ha­ben, zu ziem­lich ak­ku­ra­ten Zeit­kap­seln ge­wor­den.

In den Sieb­zi­ger­jah­ren ließ Ge­or­ge Ro­me­ro sei­ne Zom­bies noch in Ein­kaufs­zen­tren ma­ro­die­ren, spä­ter dien­ten ent­we­der Vor­städ­te („Hal­lo­ween“), Fe­ri­en­la­ger („Frei­tag der 13.“) oder Schu­len („Scream“, „Ich weiß, was du letz­ten Som­mer ge­tan hast“) als Schau­platz. Das Mons­ter wird zur Me­ta­pher. Es spukt auf dem Smart­pho­ne statt auf dem Spei­cher. Das Ge­spenst rückt kei­ne Mö­bel mehr, son­dern rum­pelt im Macbook.

Da­bei spie­len die Ge­schich­ten nicht nur im Netz, sie wer­den dort auch ver­fasst: Auf der be­lieb­ten Gru­sel-Web­site cree­py­pas­ta.com gibt es hun­der­te Bei­spie­le in den Ka­te­go­ri­en Com­pu­ter und In­ter­net. Hier schrei­ben Fans und Au­to­ren Hor­ror­ge­schich­ten für das 21. Jahr­hun­dert. Ak­teu­re und Re­qui­si­ten re­kru­tie­ren sich aus der Le­bens­welt der Di­gi­tal Na­ti­ves: Dort gibt es bös­ar­ti­ge Soft­ware, ver­hex­te Da­tei­en und Youtube-Vi­deo­blogs aus der Gruft, die Tex­te tra­gen viel­sa­gen­de Ti­tel wie „Fri­end Re­quest“oder „Un­k­nown User“.

In ei­ner Zeit, in der schein­bar al­les be­kannt ist, wird das Un­kon­kre­te zum Gru­sel­fak­tor

Die Fo­ren, auf de­nen die Ge­schich­ten zu fin­den sind, ha­ben Hun­dert­tau­sen­de Le­ser. Aus­ge­feil­te Tex­te ma­chen sich selbst­ver­ständ­lich die In­ter­ak­ti­vi­tät des Me­di­ums zu Nut­ze. Da wird das Schau­er­mär­chen mit ei­gens pro­du­zier­ten Youtube-Vi­de­os an­ge­rei­chert, da wer­den Links ge­setzt zu üp­pig aus­ge­stat­te­ten Blogs, die an­geb­lich als Be­leg für das Über­na­tür­li­che die­nen, es gibt ent­spre­chen­de Twit­ter-Ac­counts. Es ist die lo­gi­sche Fort­ent­wick­lung von bil­lig pro­du­zier­ten Found-Foo­ta­ge-Fil­men wie „Blair Witch Pro­ject“oder „Pa­ra­nor­mal Ac­tivi­ty“. Die Gren­zen von harm­lo­sen Me­men, Gue­ril­la Mar­ke­ting und Fa­ke News ver­schwim­men.

Das Netz schafft sich auch sei­ne ei­ge­nen Hor­ror­ge­stal­ten wie zum Bei­spiel den „Slen­der­man“oder ei­ne Alb­traum­fi­gur mit dem Na­men „This Man“. Sie ste­hen längst gleich­be­rech­tigt ne­ben Fred­dy Krue­ger oder Ja­son mit der Eis­ho­ckey­mas­ke. An­ders als ih­re Vor­gän­ger blei­ben sie aber er­staun­lich va­ge, es sind schat­ten­haf­te Ge­stal­ten. In ei­ner Zeit, in der schein­bar al­les be­kannt und über­sicht­lich ist, wird gera­de das Un­kon­kre­te zum Gru­sel­fak­tor.

In­ter­es­sant ist, dass nie­mand ein Ur­he­ber­recht an den Ge­schich­ten be­an­sprucht. Die Sto­rys wer­den von un­ge­zähl­ten Nut­zern fort­ge­schrie­ben. Wie in vor­di­gi­ta­len Zei­ten ent­wi­ckeln die Ge­schich­ten ei­ne Ei­gen­dy­na­mik, sie wer­den nur nicht mehr von Nach­barn zu Nach­bar wei­ter­ge­ge­ben, son­dern „ge­li­ked“und ge­teilt, bis ihr Ur­sprung nicht mehr auf­find­bar ist. Die Geis­ter von heu­te sind „Open Sour­ce“.

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