Mas­ken der Poe­sie

Die Darm­städ­ter Aka­de­mie ver­leiht ih­re Prei­se

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Vol­ker brei­de­cker

„Harm­los“, „un­ernst“, „ge­fäl­lig“und „zu we­nig po­li­tisch“lau­ten die Ein­wän­de, die ge­gen Jan Wa­g­ners Ver­se von der Bit­ter­ernst­frak­ti­on des Li­te­ra­tur­be­triebs als Kri­tik an der Ver­ga­be des Ge­org-Büch­nerP­rei­ses an den Ly­ri­ker vor­ge­bracht wur­den. Doch man täu­sche sich nicht: In der Uni­on von „spie­le­ri­scher Sprach­freu­de und meis­ter­haf­ter Form­be­herr­schung“, die sei­nen Ge­dich­ten at­tes­tiert wird, ist es Jan Wa­gner mit der Sa­che der Poe­sie durch­aus ernst, auch und gera­de dann, wenn die­se sich – wie es in der Prei­sur­kun­de wei­ter heißt – „in neu­gie­ri­gen, sen­si­blen Er­kun­dun­gen des Klei­nen und Ein­zel­nen“ma­ni­fes­tiert.

Die „Wahr­neh­mung des un­end­lich Klei­nen, Mo­bi­len und Leich­ten“stell­te der ita­lie­ni­sche Schrift­stel­ler Ita­lo Cal­vi­no am En­de des al­ten Jahr­tau­sends mit Blick auf das Neue ins Zen­trum ei­ner be­rühm­ten Vor­le­sung über „Leich­tig­keit“. Sie trans­por­tiert nicht nur ei­nen sehr al­ten Strang in der Ge­schich­te der Dich­tung in die Mo­der­ne und über sie hin­aus, son­dern ist mit­nich­ten un­po­li­tisch. Mit je­nem „Sinn für Takt und Ton“, den Wa­gner sein Lau­da­tor, der schwe­di­sche Schrift­stel­ler Aris Fio­re­tos be­schei­nig­te, hat die­ser ein­mal höf­lich be­merkt: „Wer an­setzt, ein Ge­dicht über das The­ma Frei­heit zu schrei­ben, mag schei­tern. Wer sich auf ei­nen fal­len­ge­las­se­nen wei­ßen Hand­schuh im Rinn­stein kon­zen­triert, wird vi­el­leicht Au­tor ei­nes groß­ar­ti­gen Ge­dichts über die Frei­heit.“

Der Sa­che des frei­heits­lie­ben­den, steck­brief­lich ge­such­ten Ge­org Büch­ner hat sich Jan Wa­gner in sei­ner ful­mi­nan­ten Dan­kes­re­de für den Emp­fang des wich­tigs­ten deut­schen Li­te­ra­tur­prei­ses mit ei­ner bei­spiel­lo­sen In­ten­si­tät an­ge­nom­men, die als Aus­gangs­ma­te­ri­al al­ler Poe­sie gleich­sam de­ren Na­tur­ge­schich­te ent­fal­tet: Das be­schrif­te­te Blatt, das – als „Hes­si­scher Land­bo­te“– in ei­ner „Bo­ta­ni­sier­trom­mel“, von flo­ra­len „Blät­tern“un­ge­schie­den, ver­steckt ist, bis ihm Fü­ße und Flü­gel wach­sen, um als sub­ver­si­ves „Flug­blatt“von Hand zu Hand zu ge­hen.

Wa­gner stellt sich Büch­ner als Mann vor, der die Fe­der hielt wie ein Skal­pell

Poe­sie als fort­ge­setz­te Hand­rei­chung bei Büch­ner, der von sich sag­te: „Ver­se kann ich kei­ne ma­chen“und der an den letz­ten Fluchtor­ten sei­nes kur­zen Le­bens mit Skal­pell und Pin­zet­te Ana­to­mie und Ner­ven­sys­tem von Fluss­bar­ben stu­dier­te. Jan Wa­gner stellt sich das so vor, „dass der Prä­zi­si­ons­künst­ler Büch­ner die Schreib­fe­der des Nachts in der nach Fisch duf­ten­den Schreib­hand hält wie, ja: ein Skal­pell.“

Aus sol­chen Ur­sze­nen an­ge­wand­ter Poe­tik er­schließt Wa­gner Büch­ners li­te­ra­ri­schen Kos­mos, bis er am En­de sei­ner Re­de selbst dar­an an­dockt. Als Vers­schmied ei­nes ernst­haf­ten Spiels „mit Klän­gen und For­men nicht als Kin­de­rei . . ., son­dern als krea­ti­ve Rei­bung, als ei­nen Akt des Lo­ckerns und Lö­sens er­starr­ter Zu­sam­men­hän­ge, ein frei­es, mei­net­we­gen: ein när­ri­sches Spiel, das kein ly­ri­scher Wohl­fahrts­aus­schuss ver­bie­ten dürf­te und könn­te.“

Von Wa­g­ners Hand­schuh im Rück­griff auf Büch­ners pa­pier­ne Hand­rei­chun­gen ist es nicht weit zu der Dank­re­de, mit der Jens Bis­ky, Feuille­ton­re­dak­teur die­ser Zei­tung, sich für den „Jo­hann-Hein­richMerck-Preis für li­te­ra­ri­sche Kri­tik und Es­say“be­dank­te: Des Na­men­ge­bers Stich­wort ei­ner „Ide­en­post“mit „Rück­fracht“auf­grei­fend, hol­te Bis­ky zur Ver­tei­di­gung von Kri­tik als In­stanz des Feuille­tons und der Zei­tungs­re­zen­si­on aus. Ein zwei­ter Weg führt von der ly­ri­schen Poe­sie zu dem, was der So­zi­al­an­thro­po­lo­ge Clif­ford Geertz die an ri­tu­el­les und sym­bo­li­sches Han­deln, an Ze­re­mo­ni­en und Li­t­ur­gi­en ge­bun­de­ne „Poe­tik von Kul­tur“nann­te.

Der „Sig­mund-Freud-Preis für wis­sen­schaft­li­che Pro­sa“ging an die His­to­ri­ke­rin Bar­ba­ra Stoll­berg-Ri­lin­ger für die mit „er­zäh­le­ri­scher Kraft“ver­bun­de­ne, „eben­so prä­zi­se wie an­schau­li­che Darstel­lung ih­rer For­schun­gen“. Ih­re Dank­re­de han­del­te da­von, wie nah der For­scher an his­to­ri­sche Ge­stal­ten her­an­kom­men kann – „nicht nä­her als an ih­re Spra­che.“

Mit ei­nem Fest der Poe­sie war die Herbst­ta­gung der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung er­öff­net wor­den: „Eu­ro­pa – nur an­ders“(an­ders als Eu­ro­pa sich ge­gen­wär­tig selbst prä­sen­tiert oder de­mon­tiert) lau­te­te das Mot­to, das Ly­ri­ker aus Bos­ni­en, Slo­we­ni­en, Po­len, En­g­land, Schwe­den und Dä­ne­mark – dar­un­ter Al­f­red Bren­del, Ka­ta­ri­na Fros­ten­son und Aleš Šte­ger zu Le­sun­gen und Ge­sprä­chen zu­sam­men­brach­te.

Der Poe­sie ei­ne grö­ße­re li­te­ra­ri­sche Öf­fent­lich­keit zu ver­lei­hen und das ge­fähr­de­te Pro­jekt Eu­ro­pa auf der Ebe­ne in­ter­na­tio­na­ler Ver­net­zung mit aus­wär­ti­gen Schrift­stel­lern, In­tel­lek­tu­el­len und Wis­sen­schaft­lern zu­sam­men­zu­hal­ten, dies sind nach den Wor­ten des schei­den­den Prä­si­den­ten Hein­rich De­te­ring mit­ein­an­der ver­schränk­te Auf­ga­ben der Aka­de­mie. Zu­letzt hat­te sie in die­sem Früh­jahr in Sa­ra­je­wo ge­tagt, das am Ein­gang wie am Aus­gang sei­nes Jahr­hun­derts die Haupt­stadt zwei­er eu­ro­päi­scher Ka­ta­stro­phen ge­we­sen ist.

FO­TOS: FES­TI­VAL

Ho­fer Ur­ge­stei­ne wie der Re­gis­seur Ro­land Re­ber mit sei­nem Film „Der Ge­schmack von Le­ben“(oben) tref­fen

auf jun­ge Pro­duk­tio­nen wie „Brut“.

FO­TO: IMAGO/GER­HARD LE­BER

Eben­falls aus­ge­zeich­net wur­de die His­to­ri­kern Bar­ba­ra Stoll­berg-Ri­lin­ger, die seit 1997 den Lehr­stuhl für Ge­schich­te der Frü­hen Neu­zeit an der Uni­ver­si­tät Müns­ter be­klei­det.

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