Auf der Spur von Ro­my Schneider

„66 Ki­nos“: ein Do­ku­men­tar­film über die deut­sche Ki­no­land­schaft

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Sofia glasl

„Hier ist das Licht­spiel Ki­no. Wir zei­gen heu­te um 15 Uhr den Film ’„Die­ses schö­ne Scheiß­le­ben‘“, flö­tet der Bam­ber­ger Ki­no­be­trei­ber wie ein Nach­rich­ten­spre­cher auf sei­nen An­ruf­be­ant­wor­ter. Je­den Tag spricht er sein Pro­gramm auf und lässt noch Platz für Nach­rich­ten und Re­ser­vie­run­gen. Hin­ter ihm steht ei­ne Schie­fer­ta­fel mit Ge­trän­ke­prei­sen, vor ihm auf dem Tre­sen bun­te Li­mo­na­den­fla­schen und Stroh­hal­me. Er ha­be ei­gent­lich Film­kri­ti­ker wer­den wol­len, jetzt sei er Ki­no­be­sit­zer und stolz dar­auf, in ei­ner klei­nen Stadt et­was zu be­we­gen. Er er­zählt von sei­ner Lei­den­schaft fürs Ki­no und wie aus ei­nem Stu­den­ten­job ein Be­ruf wur­de.

In sei­nem Do­ku­men­tar­film­es­say „66 Ki­nos“spricht der Re­gis­seur Phil­ipp Hart­mann mit Ki­no­be­trei­bern aus ganz Deutsch­land. Er nennt sein Pro­jekt auch ei­ne „Rei­se durch die deut­sche Ki­no­land­schaft“, al­so durch die Spiel­stät­ten, in de­nen die Fil­me erst rich­tig zum Le­ben er­weckt wer­den. Denn was ist schon ein Film oh­ne Pu­bli­kum? Des­halb tin­gel­te Hart­mann vor ein paar Jah­ren mit sei­nem Vor­gän­ger­werk „Die Zeit ver­geht wie ein brül­len­der Löwe“durch deut­sche Pro­gramm­ki­nos. Wäh­rend die­ser Tour ent­stand der neue Film. Mit ei­ner klei­nen Hand­ka­me­ra im Ge­päck por­trä­tier­te er je­des Ki­no, in dem er zu Gast war und in­ter­view­te die Be­trei­ber.

In die­ser „Mi­se en aby­me“, die aus dem Ab­fil­men ei­ner Ki­no­tour ei­nen neu­en Film macht und die­sen nun wie­der­um auf Tour schickt, ver­dich­tet sich ei­ner­seits das We­sen des Ki­nos als kul­tur­tech­ni­sches Steh­auf­männ­chen; aber an­de­rer­seits auch die Kri­se, in der sich der Ar­thouse­film und die Pro­gramm­ki­nos be­fin­den. Vie­le klei­ne, un­ab­hän­gig pro­du­zier­te Fil­me fin­den heu­te gar kei­nen Verleih mehr und schaf­fen es nicht ins Ki­no. Phil­ipp Hart­mann stellt sich mit sei­nem One-Man-Show-Kon­zept da­ge­gen – er hat nicht nur Re­gie ge­führt, son­dern den Film auch pro­du­ziert, im Selbst­ver­leih die Wer­be­trom­mel ge­rührt und ist letzt­end­lich wie ein Schau­stel­ler von Stadt zu Stadt ge­zo­gen, um den Film per­sön­lich zu prä­sen­tie­ren.

Im Me­tro­po­lis Ki­no in Ham­burg trifft er sein Schau­stel­ler-Al­ter-Ego, ei­nen Künst­ler der auf Rei­sen Fo­to­dau­men­ki­nos er­stellt und die­se per Li­ve-Vi­deo­pro­jek­ti­on als Dau­men­ki­no-Ki­no zeigt und wie ein Stumm­film-Er­zäh­ler be­glei­ten­de Ge­schich­ten zum Bes­ten gibt. Im Del­phin-Pa­last in Wolfs­burg wohnt Hart­mann in der an­ge­schlos­se­nen Ki­no­woh­nung, in der schon Ro­my Schneider über­nach­te­te und Heinz Er­hardt zu Gast war. In al­ten Fo­to­al­ben blät­tert er durch die Bil­der der ehe­ma­li­gen An­ge­stell­ten. Vie­le Ki­no­be­trei­ber zei­gen stolz ih­re ana­lo­gen Film­pro­jek­to­ren, ei­ni­ge durf­ten nur aus Nost­al­gie blei­ben, denn neue Fil­me wer­den fast nur noch di­gi­tal an­ge­lie­fert. Wo noch ana­lo­ge Ko­pi­en ge­zeigt wer­den, ist man stolz auf die film­mu­sea­le Ar­beit, die, so ei­ne Be­trei­be­rin der Karls­ru­her Ki­ne­ma­thek, we­nig ho­no­riert, al­so nicht ge­för­dert, wird. Das ist kaum ver­wun­der­lich, wenn man sich den stief­müt­ter­li­chen Um­gang von Bund und Län­dern mit dem ana­lo­gen Fil­mer­be an­schaut.

Zu­rück­ge­hen­de Be­su­cher­zah­len ma­chen vie­len Ki­no­be­trei­bern zu schaf­fen. Ei­ni­ge kön­nen sich ne­ben ei­nem gro­ßen ein klei­nes Pro­gramm­ki­no leis­ten, vie­le er­zäh­len, dass sie ihr Eta­blis­se­ment nur durch die an­ge­häng­te Gas­tro­no­mie er­hal­ten kön­nen. Ei­ner der vier Ma­cher des Münch­ner Werk­statt­ki­nos, die sich als „au­to­no­mes Kol­lek­tiv von Ein­zel­kämp­fern“se­hen, be­zeich­net sein Ki­no als „la­bour of lo­ve“, al­so als Her­zens­pro­jekt. Das ver­bin­det sie al­le, denn ih­re Au­gen leuch­ten, wenn sie nach ih­rer Film­so­zia­li­sie­rung ge­fragt wer­den. Das Ki­no als Kul­tur­tech­nik ist im­mer noch der Ort der Wahl da­für. Hart­mann nennt be­wusst nie die Na­men der Be­trei­ber, le­dig­lich das Ki­no und die Stadt, in der sie sich be­fin­den. Aus den vie­len Ein­zel­por­träts setzt er ein grö­ße­res Bild zu­sam­men. Ein Selbst­bild­nis des Ki­nos ist die­ser Film ge­wor­den, das den Zau­ber des be­weg­ten Bilds, aber auch den Zu­stand ei­ner Bran­che sicht­bar und greif­bar macht. Ge­mein­sam mit den Ki­no­be­sit­zern er­grün­det er die Zu­kunfts­aus­sich­ten der Film­kunst – bis­wei­len pes­si­mis­tisch, oft rea­lis­tisch, aber im­mer im Be­wusst­sein da­für, an wel­chem Zau­ber sie teil­ha­ben. 66 Ki­nos ist auf Ki­no­tour durch Deutsch­land, ak­tu­el­le Ter­mi­ne un­ter 66ki­nos.de.

FO­TO: ALEJANDRA ROCABADO KOYA

Der Re­gis­seur Phil­ipp Hart­mann auf sei­ner Ki­no­tour.

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