Trotz und Tech­nik

Der Ar­chi­tekt Ma­thieu Bu­j­now­skyj war­tet beim Fo­re­cast-Fes­ti­val in Ber­lin mit Wohn­mö­beln auf, die Ru­he ge­ben – sie schüt­zen ih­re Nut­zer vor je­der Kom­mu­ni­ka­ti­on

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von pe­ter rich­ter

Kann es sein, dass man schon ein biss­chen rei­fer sein muss, um sich über die ver­schie­de­nen Strah­lun­gen Sor­gen zu ma­chen, die sich in ei­nem Schlaf­zim­mer heu­te so kreu­zen? Auch dass es bei Tisch mit­un­ter nett wä­re, wenn mal kei­ner am Han­dy her­um­fum­melt, ist auf den ers­ten Blick vi­el­leicht nicht die ju­gend­lichs­te al­ler An­sich­ten. Aber das Schö­ne ist ja ge­ne­rell, dass ver­schie­de­ne Ge­ne­ra­tio­nen gleich­zei­tig auf der Welt sind, und das Schö­ne an ei­nem Ide­en-Schau­fens­ter wie dem Fo­re­cast-Fes­ti­val, das im Ber­li­ner Haus der Kul­tu­ren der Welt statt­fand, ist nun wie­der­um im Spe­zi­el­len, dass dort aus Prin­zip jun­ge Ta­len­te mit ge­setz­ten Men­to­ren zu­sam­men­ge­spannt wer­den, auf dass die Er­fah­rung der ei­nen die Ide­en der an­de­ren be­fruch­te und in Bah­nen len­ke.

Da war die­ses Jahr zum Bei­spiel die jun­ge pol­ni­sche Künst­le­rin Li­lia­na Pis­kors­ka, die auf­grund der auf­ge­heiz­ten La­ge in ih­rem Land et­was über De­mons­tra­tio­nen und Pro­test­for­men ma­chen woll­te; und da war als ihr Men­tor der Vi­deo­künst­ler Björn Mel­hus, der of­fen­sicht­lich da­für ge­sorgt hat, dass aus dem po­li­ti­schen Im­pe­tus ein bei al­ler Wucht sehr zu­rück­ge­lehn­tes, of­fe­nes und nicht zu­letzt hu­mor­hal­ti­ges Kunst­werk ge­wor­den ist: Die De­mons­tran­ten sieht man jetzt auf Fo­tos in ver­schie­de­nen For­ma­tio­nen des Un­ter­ge­hakt­seins in der Land­schaft ste­hen, und die­se ge­gen po­li­zei­li­che Zu­grif­fe ge­rich­te­ten Cho­reo­gra­fi­en ha­ben da­bei tat­säch­lich et­was von po­li­tisch ge­la­de­nen Schwa­nen­see-Rei­hen, wäh­rend ein Vi­deo vier Po­li­zis­ten­dar­stel­ler zeigt, die in schwe­rer Kampf­mon­tur mit slap­stick­haf­ten Fol­gen in ei­ner viel zu en­gen Neu­bau­woh­nung das Auf­mar­schie­ren üben. Oder da war die Mo­de­de­si­gne­rin Flo­ra Mi­ran­da, die mit­hil­fe des Tech­no­lo­gie-De­si­gners Max Wolf ei­ne Art IT-Cou­ture ent­wi­ckeln konn­te, bei der über ei­ne App Brow­ser­ver­läu­fe und an­de­re Da­ten zur Er­mitt­lung der ge­schmack­li­chen Prä­fe­ren­zen ge­nutzt wer­den, und zwar bis zur Markt­rei­fe; nach nur sechs Mo­na­ten Ent­wick­lungs­zeit konn­ten die Sa­chen beim Fes­ti­val schon ge­kauft wer­den.

Aber dann war da eben auch die­ses Tan­dem, das sol­che Tech­no­lo­gie­freu­dig­keit mit ei­ner ge­wis­sen Un­wil­lig­keit am di­gi­ta­len Dau­er­zu­griff kom­bi­nier­te. Und um­ge­kehrt.

Die so­ge­nann­ten jun­gen Leu­te da­bei: Der Ar­chi­tekt Ma­thieu Bu­j­now­skyj, ge­bo­ren 1990 in Lyon und heu­te an­ge­stellt im Schwei­zer Groß­bü­ro von Her­zog und de Meu­ron, so­wie als Mit­ar­bei­ter Ti­touan Ch­a­pou­ly, eben­falls aus Frank­reich, Jahr­gang 1991, und im New Yor­ker Bü­ro von Rem Kool­haas’ Ar­chi­tek­tur­fir­ma OMA be­schäf­tigt. Der ih­nen von Fo­re­cast ver­ord­ne­te vä­ter­li­che Freund: Phil­ip­pe Rahm. Da­bei war es so, dass die Fra­gen, mit de­nen sich der Theo­rie-Ar­chi­tekt aus der Schweiz häu­fig be­fasst, auch den jun­gen Fran­zo­sen in sei­ner Di­plom­ar­beit schon um­ge­trie­ben hat­ten: „Bey­ond Di­gi­tal: An ex­plo­ra­ti­on of post­di­gi­tal pheno­me­na for the ar­chi­tec­tu­re of the next de­ca­des.“Die An­pas­sung der Ar­chi­tek­tur an ei­ne post­di­gi­ta­le, al­so weit­ge­hend ir­re­ver­si­bel durch­di­gi­ta­li­sier­te Welt ist ein sehr Rahm’sches The­ma, ge­nau­so wie die For­de­rung, dass un­ser Ver­ständ­nis von Ar­chi­tek­tur auch Grö­ßen wie die At­mo­sphä­re, das Wet­ter, Funk­strah­len und elek­tro­ma­gne­ti­sche Net­ze mit ein­schlie­ßen müs­se; in Bu­j­now­sky­js Ar­bei­ten ist et­wa von der „In­fo­sphä­re“die Re­de und von „Full­spec­trum“-Ar­chi­tek­tur. Was er im Rah­men von Fo­re­cast nun ge­tan hat, war, die­sen theo­re­ti­schen Er­wä­gun­gen in ein paar Bei­spie­len sehr an­schau­li­che und ge­brauchs­taug­li­che For­men zu ge­ben, die sich an­ge­nehm in que­ru­la­to­ri­schem Selbst­be­wusst­sein zur tech­no­lo­gi­schen La­ge ver­hal­ten und sie mit äl­te­ren Tra­di­tio­nen des Woh­nens und der mensch­li­chen In­ter­ak­ti­on kurz­schlie­ßen.

Die Mö­bel­pro­to­ty­pen, die er ent­wi­ckelt hat, krei­sen mehr oder we­ni­ger al­le um das An­lie­gen, den Nut­zer bei Be­darf vor dem Zu­griff sei­ner mo­bi­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­rä­te ab­zu­schir­men. Ei­ne Schreib­tisch­lam­pe, die ne­ben ih­ren LED-Röh­ren auch ei­nen so­ge­nann­ten GPS-Spoo­fer ent­hält, der das Mo­bil­te­le­fon durch ge­ziel­te Ma­ni­pu­la­ti­on der Stand­ort­ko­or­di­na­ten ge­wis­ser­ma­ßen vir­tu­ell auf die Rei­se schickt: Das ist ei­ne nicht nur phi­lo­so­phisch ganz reiz­vol­le Ve­run­klä­rung des Plat­zes, an dem man sitzt und ar­bei­tet; es kann in Zu­kunft auch prak­tisch von Nut­zen sein, da, wo man mal in Ru­he sit­zen und et­was tun will, nicht gleich schon wie­der punkt­ge­nau lo­ka­li­sier­bar zu sein. Oder: Ein Schränk­chen ne­ben der Ein­gangs­tür, in das das Han­dy kommt, wäh­rend man im Raum ist, schall­iso­liert, da­mit man nicht dau­ernd von ein­tru­deln­den Nach­rich­ten auf­ge­scheucht wird und ei­ni­ger­ma­ßen ab­hör­si­cher re­den kann; so wie Bu­j­now­skyj es dar­stellt, kann die Box über ei­ne Soft­ware auf sub­ti­le­re We­ge über ein­ge­gan­ge­ne Neu­ig­kei­ten oder An­ru­fe in­for­mie­ren, durch mi­ni­ma­le Ve­rän­de­run­gen der Be­leuch­tung et­wa. Der Re­spekt vor ei­nem Raum und den Mit­men­schen da­rin ist et­was, das sich Bu­j­now­skyj sicht­lich von ei­nem Auf­ent­halt in Ja­pan mit­ge­nom­men hat.

Er schlägt auch tech­nisch auf­ge­rüs­te­te „byo­bus“vor, die ge­fäl­tel­te ja­pa­ni­sche Va­ri­an­te der spa­ni­schen Wand, als ein Sicht­schutz, der auch die ma­schi­nel­len Mög­lich­kei­ten des Se­hens mit ein­schließt, al­so zum Bei­spiel Wär­me­bil­der blo­ckiert. Sein idea­ler Tee-Tisch ist ei­ner, der un­tendrun­ter Schlau­fen aus ei­nem Hi-Tech-Ge­we­be hat, in das man wäh­rend der Zeit des Ge­sprächs sein Han­dy schla­fen legt. Vor al­lem aber hat er ein Bett ge­baut, das wie ei­ne Mi­schung aus mit­tel­al­ter­li­chem Al­ko­ven und Him­mel­bett mit Mü­cken­schutz wirkt: Das Ge­stell ist von ei­nem fei­nen Draht­ge­flecht der Fir­ma Aa­ro­nia AG um­ge­ben, das nur Luft und Licht durch­lässt – und al­les an­de­re zu fast hun­dert Pro­zent ab­blockt, ein klei­ner „elek­tro­ma­gne­ti­scher Bun­ker“, der noch da­zu die kind­li­chen Ge­bor­gen­heits­ge­füh­le in den aus Bett­de­cken ge­bau­ten Höh­len evo­ziert.

Stör­mo­du­le der Zu­kunft: Die Mo­de ent­wi­ckelt Mus­ter, die den Ka­me­ras die Ar­beit er­schwe­ren

Ein be­mer­kens­wer­ter Tech­no-Trotz zieht sich durch die­se Ar­bei­ten, und das Schöns­te dar­an ist vi­el­leicht, dass der al­le Kli­schees von pa­ra­no­iden Al­ten und un­be­küm­mert auf Pri­vat­heit pfei­fen­den Jun­gen noch ein­mal sehr grund­sätz­lich über den Hau­fen wirft. Vi­el­leicht ist es ja ge­ne­rell so, dass de­mons­tra­ti­ver Tech­no­lo­gie­opti­mis­mus zu­min­dest dann et­was ge­nau­so Ält­li­ches und Mut­lo­ses an sich hat wie die stump­fe Mo­der­ni­täts­ver­ach­tung, wenn er ei­gent­lich nur ei­ne Stra­te­gie ist, es sich in ei­nem schul­ter­zu­cken­den Stoi­zis­mus be­quem zu ma­chen, um dem ei­ge­nen Bam­mel pfei­fend aus dem Weg zu ge­hen.

Die Ge­ne­ra­ti­on, die sich jetzt mit mid­life­cri­sis­ar­ti­gem Wil­len zur Ju­gend­lich­keit ei­ne ent­schlos­se­ne Freu­de dar­über ver­ord­net hat, bald in voll­ver­netz­ten „Smart Ho­mes“le­ben zu dür­fen, die be­kommt es je­den­falls ein paar Eta­gen dar­un­ter mit ei­ner Ge­ne­ra­ti­on zu tun, die smart ge­nug ist, jetzt schon an den Stör­mo­du­len die­ser Zu­kunft zu ar­bei­ten. Es ist im­mer­hin auch das grund­kon­ser­va­ti­ve Team „Wer nichts zu ver­ber­gen hat, hat auch nichts zu be­fürch­ten“, das der Ära der Ge­sichts­er­ken­nung in­dif­fe­rent bis be­grü­ßend ge­gen­über­steht. An­de­re ar­bei­ten wäh­rend­des­sen an Mo­de, de­ren Mus­ter den Ka­me­ras die Ar­beit schwer macht. Und es ist prak­tisch nur ei­ne Fra­ge der Zeit, wann ver­tei­di­gungs­be­rei­te Au­to-Tu­ner und auf Kra­wall ge­bürs­te­te Ha­cker die fah­rer­lo­sen Ve­hi­kel­chen, die uns als Zu­kunft der Mo­bi­li­tät ver­schrie­ben wer­den, mit al­len Mit­teln der Tech­nik so­wie der mensch­li­chen Per­fi­die ver­wir­ren, ir­re füh­ren, aus­brem­sen, ver­sä­gen und von der Stra­ße drän­geln wer­den, in ver­mut­lich ver­geb­li­chen, aber trotz­dem wohl un­ver­meid­li­chen Ak­ten ei­nes, nen­nen wir es mal, hu­ma­nis­ti­schen Hoo­li­ga­nis­mus.

Man kann die­se Bo­ckig­keit auch pro­duk­tiv ma­chen und ge­stal­ten. Und man könn­te ein paar der Ide­en von Ma­thieu Bu­j­now­skyj Se­ri­en­fer­ti­gung und Kom­mer­zia­li­sie­rung wün­schen. Der Be­darf ist da und das Be­wusst­sein für das The­ma wach­send. Wenn Ma­nu­fac­tum, nur mal so zum Bei­spiel, sich nicht in Wort und Wa­re so oft da­mit be­gnü­gen wür­de, sich als das Kauf­haus ge­wor­de­ne Tweed-Sak­ko von Alex­an­der Gau­land zu ge­rie­ren, dann müss­ten die so et­was ei­gent­lich um­ge­hend in ihr Pro­gramm neh­men. Denn, wie man sieht, gibt es sie ge­le­gent­lich noch, die gu­ten neu­en Din­ge.

FO­TO: KERS­TIN SCHOMBURG

Ge­bor­gen im elek­tro­ma­gne­ti­schen Bun­ker – wer in die­ser von Ma­thieu Bu­j­now­skyj ge­stal­te­ten Woh­nung lebt und in dem Bett schläft, ist bes­tens ab­ge­schirmt. Hier kom­men nur Luft und Licht hin­ein.

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