Ner­ven­zu­sam­men­bruch am Syn­the­ziser

Die ka­na­di­sche In­die-Band „De­s­troy­er“schwelgt auf ih­rem Al­bum „Ken“in schöns­ter Acht­zi­ger-Pop-Nost­al­gie

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - An­nett schef­fel

Die­se Plat­te hat kei­ne Zeit zu ver­lie­ren. Das Er­öff­nungs­stück „Sky’s Grey“ist nicht ein­fach ein Pop­song, son­dern eher drei ver­schie­de­ne. Er be­ginnt mit dem un­ru­hig fla­ckern­de Takt ei­nes Drum-Com­pu­ters, da­zu ein paar ge­tra­ge­ne Pia­no­ak­kor­de und ei­ne sanf­te, leicht spöt­ti­sche Män­ner­stim­me. Und dann, als schon bei­na­he die Hälf­te des Songs vor­über ist, schep­pert plötz­lich ei­ne kna­cki­ge Syn­the­si­zer-Bass­li­ne in den ste­ti­gen Schwe­be­zu­stand der Bal­la­de, die auch von The Hu­man Le­ague stam­men könn­te, auf je­den Fall aus den Acht­zi­gern. Die Män­ner­stim­me stei­gert sich wäh­rend­des­sen in die Rol­le ei­nes Schau­spie­lers hin­ein, der ei­nen hit­zi­gen Pa­nik­mo­no­log ab­hält: „Gi­ve up ac­ting? Fuck no! I’m just star­ting to get the good parts” – Die Schau­spie­le­rei auf­ge­ben? Ver­dammt, nein! Ich fan­ge gera­de an, die gu­ten Rol­len zu be­kom­men.

Die Stim­me ge­hört dem 45-jäh­ri­gen Dan Be­jar aus Van­cou­ver, Kopf des ka­na­di­schen Band­pro­jekts De­s­troy­er. Und die vie­len schö­nen, ver­wir­rend zu­sam­men­hangs­lo­sen Zei­len, die noch fol­gen, be­vor die­ser ers­te Song sei­nes neu­en Al­bums „Ken“(Mer­ge/De­ad Oce­ans) vor­über ist, in­to­niert Be­jar wie ein Schau­spie­ler, der vorm Spie­gel fürs Vor­spre­chen probt: „I’ve be­en working on the new Oli­ver Twist.” Am En­de wirkt es, als sei in vier Mi­nu­ten ein schö­ner, klei­ner Ar­thouse-Film in Frag­men­ten an ei­nem vor­bei­ge­zo­gen. Nicht, weil es ums Schau­spie­lern geht, son­dern weil Be­jars Lie­der fil­misch funk­tio­nie­ren. Die Bil­der sind so ge­nau, dass man meint, man hät­te sie ge­se­hen.

Seit über 20 Jah­ren ist Be­jar der gro­ße Un­be­kann­te des In­die­rock. Ein rät­sel­haf­ter Kauz, des­sen Songs von Plat­te zu Plat­te ver­spon­ne­ner wer­den, im­mer an­ders klin­gen. Lan­ge galt er als Ge­heim­tipp, für die Ein­ge­weih­ten ei­ne fes­te Grö­ße im In­dieKos­mos, dar­über hin­aus wur­de er kaum wahr­ge­nom­men. Dann klet­ter­te er 2011 mit „Ka­putt“im­mer­hin bis auf Platz 62 der ame­ri­ka­ni­schen Al­bum-Charts. Dass sich der Be­kannt­heits­ra­di­us so un­ver­se­hens aus­dehn­te, lag an der klan­gäs­the­ti­schen Kehrt­wen­de der Plat­te: Be­jars bis­he­ri­ger In­die-Rock öff­ne­te sich hier den schwel­ge­ri­schen Qua­li­tä­ten von Yacht-Rock, Jazz und Acht­zi­ger-Pop, wie man es in die­ser Mi­schung auch noch nicht kann­te. Das letz­te Al­bum, „Poi­son Sea­son“, drang vor zwei Jah­ren noch ein biss­chen wei­ter in Rich­tung je­ner Ro­man­tik vor, in die der un­ver­hoh­le­ne Ein­satz von schwär­me­ri­schen Sa­xo­fon-So­li deu­tet.

„Ken“ist be­reits das elf­te De­s­troy­er-Al­bum und klingt nun wie­der küh­ler und ge­schmei­di­ger: nach dem düs­ter-me­lo­di­schen, bri­ti­schen In­die-Pop der spä­ten Acht­zi­ger, in dem sich auch die blei­er­ne Schwe­re der That­cher-Ära er­ah­nen ließ, New Or­der, The Cu­re, The Smiths. Der Bass wird nach vor­ne ge­spielt, die Drum-Com­pu­ter und Se­quen­cer be­ben sehn­suchts­voll. Die­ser Sound, heißt es in ei­nem State­ment zur neu­en Plat­te, sei da­mals für Be­jar das ers­te Mal ge­we­sen, „dass Pop­mu­sik über mich kam wie ei­ne Krank­heit.“

Das er­gibt Sinn, weil sei­ne ei­ge­ne Mu­sik im­mer ei­ne gro­ße Ge­mein­sam­keit mit die­sem bri­ti­schen Sound ver­band und ei­ne Ver­wei­ge­rung der ame­ri­ka­ni­schen In­dieÄs­t­he­tik war. Im Her­zen ist Dan Be­jar Eu­ro­pä­er. Und als die­ser leiht er sich die düs­ter­ro­man­ti­sche New Or­der-Stim­mung und über­trägt sie in sei­ne ei­ge­ne Sound-Äs­t­he­tik. Im neu­en Song „Tin­sel­town Swim­ming in Blood“schei­nen die Gi­tar­ren­ak­kor­de erst un­ter ei­nem ver­reg­ne­ten Acht­zi­gerMan­ches­ter-Him­mel fest­zu­hän­gen, bis er sie Stück für Stück in ei­ne Art Pop-Ner­ven­zu­sam­men­bruch

De­s­troy­er, aus Sa­xo­phon- und Syn­the­ziser-Me­lo­di­en führt. Und „La Reg­le du Jeu“ist so et­was wie sein per­sön­li­ches „Blue Mon­day“, nur dass er hier die end­lo­sen, ma­ge­ren Mög­lich­kei­ten ei­nes Don­ners­tags be­singt: „Thurs­day pos­si­bi­li­ties that are slim and end­less.”

Was das ge­nau zu be­deu­ten hat, bleibt bei sei­nen Tex­ten oft im Un­kla­ren. Auch das ist so ei­ne ty­pi­sche Ei­gen­schaft von De­s­troy­er-Songs: Sie sind gleich­zei­tig pro­vo­zie­rend di­rekt und sinn­lich, trau­rig und ko­misch und kom­plett ver­wir­rend. Es ist schwer zu be­nen­nen, was man fühlt, wenn ei­nem zu Kla­vier und Jazz­gi­tar­ren fol­gen­de Zei­len ent­ge­gen­tö­nen: „Co­me one, co­me all, de­ar young re­vo­lu­tio­na­ry ca­pi­ta­lists! The groom’s in the gut­ter and the bri­de just pis­sed her­s­elf!” – Kommt her­bei, ihr jun­gen, re­vo­lu­tio­nä­ren Ka­pi­ta­lis­ten! Der Bräu­ti­gam liegt in der Gos­se, die Braut hat sich ein­ge­macht. Oder wenn an an­de­rer Stel­le ein blon­der Che Gue­va­ra nachts im Park Sha­ke­speare re­zi­tiert. Oder in ei­nem blut­ver­schmier­ten Hol­ly­wood ei­ne Wein­ver­kos­tung an­be­raumt wird. Trotz­dem hat man am En­de von „Ken“das Ge­fühl, mehr über die Schön­heit und Trost­lo­sig­keit die­ser Welt ge­lernt zu ha­ben als auf al­len an­de­ren ge­lob­ten In­die-Plat­ten des Jah­res

„Blue Mon­day“war ges­tern, Dan Be­jar be­singt lie­ber die Lei­den ei­nes Don­ners­tags

Denn egal, was ge­nau hin­ter den Zei­chen­sys­te­men von Be­jars Lie­dern steckt, im­mer spürt man deut­lich, dass er der Welt da drau­ßen nicht ent­flie­hen, son­dern sie in die­sen wahn­wit­zi­gen Ge­schich­ten bes­ser ver­ste­hen will. Ganz so wie ein gu­ter Film den mo­der­nen Men­schen manch­mal in den ab­sur­des­ten Sze­nen bes­ser zu pa­cken be­kommt als je­de Rea­li­tät.

FO­TO: FABIOLA CARRANZA

Dan Be­jar ist der Kopf des Band­kol­lek­ti­ves das lan­ge ein Ge­heim­tipp der In­die-Sze­ne war, mitt­ler­wei­le aber im­mer mehr Fans hat.

(Ar­ca­de Fi­re, The Na­tio­nal, LCD So­und­sys­tem).

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