Ein be­weg­li­cher Geist

Der Schrift­stel­ler Ernst Au­gus­tin wird neun­zig

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - Ha­rald eg­ge­brecht

Bach­tyar Ali: Die Stadt der wei­ßen Mu­si­ker. Ro­man. Aus dem Kur­di­schen (Sora­ni) von Pe­scha­wa Fa­tah und Hans-Ul­rich Mül­lerSchwe­fe. Uni­ons­ver­lag, Zü­rich 2017. 432 Sei­ten, 22,99 Eu­ro. Welch ei­ne tref­fen­de Selbst­be­schrei­bung – und zugleich, welch ein gran­dio­ser Ro­ma­n­an­fang: „Ich bin ein be­weg­li­cher Geist, ich be­we­ge mich schnell, fast schwe­re­los, und bin kaum zu tref­fen. Weil ich nie dort bin, wo man mich ver­mu­tet. Ich ge­he durch die Stra­ßen, mich selbst so­zu­sa­gen wie ei­ne ver­steck­te Waf­fe mit mir füh­rend, sonst ei­gent­lich gar nicht rich­tig an­we­send, und es sind dunk­le Stra­ßen, durch die ich ge­he, schwar­ze und streng rie­chen­de.“Und schon ist man drin im „ame­ri­ka­ni­schen Traum“, dem Ro­man um Hawk Steen, der sich er­eig­net in je­nen Se­kun­den, in de­nen sich das Rad des Bi­kes noch dreht, auf dem ein elf­jäh­ri­ger Jun­ge im Som­mer 1944 von ei­ner zwei­mo­to­ri­gen Dou­glas nie­der­ge­schos­sen wird und der in der kur­zen Zwi­schen­zeit bis zu sei­nem Tod eben je­nen Traum von der Su­che nach den drei Män­nern er­schafft, die in je­ner Dou­glas-Ma­schi­ne sa­ßen und schos­sen.

Ernst Au­gus­tin ist von Be­rufs we­gen Arzt und Psych­ia­ter, nach sei­ner Be­ru­fung aber Bau­meis­ter kon­se­quent fan­tas­ti­scher Ro­m­an­ge­bil­de, de­ren Ar­chi­tek­tur sich beim Le­sen ins leuch­tend La­by­rin­thi­sche hin­ein ent­wi­ckelt. Da schim­mern Je­an Paul’sche Fan­tas­men ge­nau­so durch wie sich gro­tesk-ko­mi­sche, kaf­ka­es­ke Ab­grün­de auf­tun kön­nen. Mas­ken, Ve­xier­spie­gel, Täu­schun­gen sind Vor­aus­set­zun­gen, um je­ne hö­he­ren Wahr­hei­ten zu er­rin­gen, die mit li­te­ra­ri­schem Klein­mut und bra­vem Nie­der­schrei­ben des­sen, was an­geb­lich „ist“, un­er­reich­bar blei­ben.

So hat Ernst Au­gus­tin von Be­ginn an al­le Haupt­stra­ßen ge­wöhn­li­chen Er­zäh­lens ver­mie­den und sich ei­nen ei­ge­nen, eben­so ele­gan­ten wie ge­schmei­dig zu ge­hen­den Weg in je­ne Wel­ten ge­bahnt, in de­nen sich we­der „das häss­li­che Haupt der Wahr­schein­lich­keit“er­he­ben noch die Ba­na­li­tät des ver­meint­li­chen Rea­lis­ti­schen herr­schen darf. Adolf Muschg hat über die Vir­tuo­si­tät die­ses ganz be­son­de­ren Au­gus­tin’schen Sur­rea­lis­mus, in dem un­ter an­de­rem al­les auch mit rech­ten Din­gen zu­ge­hen kann und dann doch ganz wo­an­ders lan­det, ge­staunt, über „die Frech­heit und Ar­tis­tik von Au­gus­tins Ba­lan­ce­akt“, über „die Bo­den­lo­sig­keit, über die er sich er­hebt“. Muschg ver­lieh Au­gus­tin 1989 den Kleist-Preis.

Schon für sei­nen Erst­ling „Der Kopf“, des­sen eben „bo­den­lo­sen Scherz, der sei­nes­glei­chen sucht“Hans Magnus En­zens­ber­ger lob­te, er­hielt Au­gus­tin 1962 den Her­mann-Hes­se-Preis, auch spä­ter wur­de er mit Aus­zeich­nun­gen be­dacht, un­ter an­de­rem mit dem Preis „Von Au­to­ren für Au­to­ren“im Jahr 2013. Aufs Gan­ze ge­se­hen ist die­ser Schrift­stel­ler ein „aut­hor’s aut­hor“, das heißt ei­ner, des­sen un­ge­heu­res Kön­nen in der Er­zeu­gung von Leich­tig­keit, aber nie von Leicht­ge­wich­ti­gem, von Ko­mi­schem, aber nie Tri­via­lem, von ech­tem Ernst, aber nie fal­schem Tief­sinn von den Kol­le­gen vor­be­halt­los be­wun­dert wird.

Au­gus­tin wur­de am 31. Ok­to­ber 1927 im schle­si­schen Hirsch­berg ge­bo­ren, er wuchs in Schwe­rin auf, stu­dier­te in Ros­tock und Ost­ber­lin Me­di­zin und wur­de Fach­arzt für Psych­ia­trie und Neu­ro­lo­gie. Er lei­te­te zwi­schen 1958 und 1961 ein ame­ri­ka­ni­sches Wüs­ten­hos­pi­tal in Af­gha­nis­tan und lan­de­te schließ­lich in Mün­chen, wo er seit­her lebt und wo er je­ne zwölf Ro­ma­ne ge­schrie­ben hat, die man am bes­ten mit sei­nen Wor­ten be­schreibt: „Träu­me. Ver­schlüs­sel­te Bot­schaf­ten, Brot­bäu­me, die Ein­gangs­pfor­ten bil­den, her­ab­hän­gen­de Was­ser­schlei­er, so wie sie ein­mal – wie lan­ge ist es her – aus­ge­dacht wur­den.“

Zu die­sen Schöp­fun­gen ge­hört auch Au­gus­tins Haus im Stadt­teil Neu­hau­sen. Wer es be­tritt, glaubt sich in ei­nem Au­gus­tin-Ro­man. Man blickt über an­ti­ke Ba­lus­tra­den, will den Ho­ri­zont süd­li­cher Mee­re su­chen, zwi­schen Pal­men wil­des Ge­tier er­war­ten, sich zwi­schen Spie­gel­tü­ren, in in­ne­ren und äu­ße­ren Trep­pen­häu­sern ver­lau­fen, dann er­leich­tert auf ei­ner „New Yor­ker“Dach­ter­ras­se oder in der glit­zern­den Dis­co des Sal­sa­lieb­ha­bers Au­gus­tin im Kel­ler lan­den. Die­se be­geh­ba­re Ro­man-Ar­chi­tek­tur soll­te un­be­dingt er­hal­ten wer­den.

In den letz­ten Jah­ren traf ihn das Schick­sal hart: Sei­ne Frau, die Künst­le­rin In­ge Au­gus­tin, die das Haus aus­ge­stat­tet hat und die Ti­tel­bil­der für die Wer­k­aus­ga­be des C.H.-Beck-Ver­la­ges schuf, starb. Ihm selbst wur­de 2009 bei der Ope­ra­ti­on ei­nes gut­ar­ti­gen Tu­mors der Seh­nerv durch­trennt, und er er­blin­de­te. Sein letz­tes Buch von 2015 „Das Mons­ter von Neu­hau­sen“nennt Au­gus­tin ein „Pro­to­koll“. In ihm wird Ra­che am Chir­ur­gen ge­nom­men, ein schwarz-ko­misch-bit­te­res Buch. Nun wird die­ser ein­zig­ar­ti­ge Er­zähl­vir­tuo­se neun­zig Jah­re alt: Sa­lut!

FO­TO: RE­GI­NA SCHMEKEN

Ein Bau­meis­ter fan­tas­ti­scher Ro­m­an­ge­bil­de: Ernst Au­gus­tin.

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