Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen See­le der Welt

Bach­tyar Alis zwei­ter Ro­man „Die Stadt der wei­ßen Mu­si­ker“ist ein auf­ge­bläh­tes Epos ge­wor­den

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - In­sa wil­ke

Man­che Men­schen mag die Vor­stel­lung be­ru­hi­gen, dass ei­ner al­le Sün­den auf sich nimmt. Dass es ei­nen Ort gibt, an dem die To­ten Frie­den fin­den, und dass ir­gend­wo je­mand die Fä­den zieht und den Über­blick hat. Für die­se Men­schen mag Bach­tyar Alis Ro­man „Die Stadt der wei­ßen Mu­si­ker“das rich­ti­ge Buch sein.

Als Au­tor des ers­ten ira­kisch-kur­di­schen Ro­mans in deut­scher Über­set­zung wur­de Bach­tyar Ali im ver­gan­ge­nen Jahr für „Der letz­te Gra­nat­ap­fel“ge­fei­ert. Der Uni­ons­ver­lag hat nun rasch ein zwei­tes Buch über­set­zen las­sen, von ei­nem neu­en Team: Pe­scha­wa Fa­tah und Hans-Ul­rich Mül­ler-Schwe­fe ha­ben den als Epos an­ge­leg­ten Ro­man, der wie­der vom Schick­sal der ira­ki­schen Kur­den im 20. Jahr­hun­dert er­zählt, ins Deut­sche über­tra­gen.

War die Trieb­kraft des letz­ten Ro­mans die Su­che ei­nes Va­ters nach sei­nem Sohn, ist es die­ses Mal die Su­che ei­nes au­ßer­ge­wöhn­lich be­gab­ten Jun­gen na­mens Dscha­la­da­ti Kotr, des­sen Flö­ten­spiel „die Mau­ern des To­des zu spren­gen“ver­mag, nach sei­ner Be­stim­mung. Ei­gent­lich aber sucht er nach der See­le der Welt.

Das ist aber schon der Über­bau. Auf dem Pa­pier ist „Die Stadt der wei­ßen Mu­si­ker“

Sie schil­dern ei­ne Zeit der to­ta­len Zer­stö­rung – und zugleich der sub­ti­len Ord­nungs­sys­te­me. Nicht nur an den Hö­fen, son­dern et­wa auch beim Fol­tern – was darf man, wann und wie lan­ge. Wie la­bil ist die Ord­nung un­se­rer Welt heu­te?

erst mal ei­ne Art Hei­li­gen­ge­schich­te, in­klu­si­ve Stig­ma­ta. Und auch: ei­ne Fan­ta­sie über Rein­heit, Eh­re und Op­fer­be­reit­schaft. Schließ­lich noch ei­ne Er­lö­sungs­ge­schich­te als Pa­ra­bel über die Kraft der Kunst. Und zum Schluss han­delt der Ro­man dann, in ei­ner sei­ner stärks­ten Sze­nen, von et­was ganz an­de­rem, näm­lich von Ge­rech­tig­keit. Vi­el­leicht aber ist er zu gu­ter Letzt doch eher ein phi­lo­so­phi­sches Spiel über die Kon­kur­renz zwi­schen Schön­heit und Wahr­heit?

Ein bun­tes Fi­gu­renen­sem­ble tritt auf, wie aus la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Ro­ma­nen

„Die Stadt der wei­ßen Mu­si­ker“will al­les auf ein­mal sein. Das führt da­zu, dass sich Bach­tyar Alis Fi­gu­ren stän­dig ver­wan­deln müs­sen und zu­neh­mend an Über­zeu­gungs­kraft ver­lie­ren, be­gon­nen mit dem eit­len Schrift­stel­ler, der am Flug­ha­fen von ei­ner Er­schei­nung aus eben­je­ner sa­gen­um­wo­be­nen wei­ßen Stadt heim­ge­sucht wird, dem für Mu­si­ker re­ser­vier­ten To­ten­reich. Er wird zu Dscha­la­da­ti Kotr ge­führt und da­mit be­auf­tragt, des­sen Ge­schich­te auf­zu­schrei­ben. Dscha­la­dat ist ein Au­ser­wähl­ter, ein tum­ber Tor, den früh ein hei­li­ges Licht, spä­ter ein Schwarm hei­li­ger Vö­gel um­gibt. Ihm zur Sei­te ste­hen ne­ben di­ver­sen Lehr­meis­tern, Bo­ten und an­de­ren Ro­man­ab­schnitts­be­glei­tern vor al­lem ei­ne Pro­sti­tu­ier­te, die Mi­nia­tur-En­gel sieht, ein Arzt, der ein ge­heim­nis­um­wo­be­nes Bild in ei­nem noch ge­hei­me­ren Kel­ler hü­tet, und ein reui­ger Schläch­ter, ein Oberst, der nach Oran­gen duf­tet. Das ist ein bun­tes En­sem­ble, wie man es auch aus la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Ro­ma­nen kennt. Letz­te­re ste­hen be­kannt­lich für ei­ne welt­li­te­ra­ri­sche Tra­di­ti­on, die auf ei­ne be­stimm­te Wei­se, meis­tens aus dem Exil, al­so auf der Schwel­le zwi­schen Le­ben und Tod ge­schrie­ben, von Krieg, Fol­ter und kol­lek­ti­ven Trau­ma­ta er­zählt: Ma­gi­scher Rea­lis­mus ist das Stich­wort.

Es gibt ihn längst in der ara­bi­schen Welt. In Be­zug auf Ali wä­re als Vor­bild zum Bei­spiel der Ro­man „Der letz­te der En­gel“zu nen­nen, den der eben­falls im Nord­irak ge­bo­re­ne, al­ler­dings ara­bi­sche Schrift­stel­ler Fad­hil al-Az­za­wi An­fang der 90er-Jah­re schrieb. Was bei die­sem aber ei­ne Er­lö­sungs­sa­ti­re ist, wirkt bei dem auf Kur­disch schrei­ben­den Bach­tyar Ali trotz post­mo­der­ner Spie­le­rei­en ernst ge­meint: die Hoff­nung auf Trost und der Glau­be an den er­zäh­len­den Men­schen. Wie sonst soll­te man das wei­he­vol­le Prä­te­ritum ver­ste­hen, in dem Ali durch den zwei­ten ira­kisch-kur­di­schen Krieg, den Iran-Irak-Krieg und

Schnell lässt sich Ab­nei­gung emp­fin­den, wenn li­te­ra­risch an der Er­lö­sung ge­ar­bei­tet wird

den Bür­ger­krieg der 90er-Jah­re führt? Wie sonst die­se Haupt­fi­gur be­grei­fen, die „Schön­heit und Lie­be“ret­ten soll, de­ren Arche­ty­pen man aus der Bi­bel, aus Wolf­ram von Eschen­bachs „Par­zi­val“, aus der grie­chi­schen An­ti­ke und, in ver­jüng­ten For­men, aus J. R. R. Tol­ki­ens „Herr der Rin­ge“oder Micha­el En­des „Unend­li­che Ge­schich­te“kennt.

Man kann, in Si­cher­heit und fern der Ka­ta­stro­phen auf­ge­wach­sen, schnell Ab­nei­gung emp­fin­den, wenn li­te­ra­risch an der Er­lö­sung ge­ar­bei­tet wird. Aber ist die blo­ße, noch vom Kahl­schlag des deutsch­spra­chi­gen Er­zäh­lens her­rüh­ren­de Be­schrei­bung des­sen, was ist, die al­so rein ra­tio­na­le Ein­sicht in den dunk­len Grund der Welt so viel we­ni­ger na­iv? Sich auf das Ar­gu­ment zu­rück­zu­zie­hen, man hät­te das doch schon al­les ge­habt, ist schwach. Bach­tyar Alis lei­der viel zu auf­ge­bläh­ter Ro­man wä­re ein An­lass, um zum Bei­spiel mit jün­ge­ren Au­to­ren wie den Sy­rern Ha­med Ab­boud („Der Tod backt ei­nen Ge­burts­tags­ku­chen“, er­schie­nen 2017) und Na­ther Hena­fe Ala­li, der mit poe­ti­schen Ko­lum­nen im Spie­gel auf­ge­fal­len ist und gera­de an ei­nem Ro­man ar­bei­tet, so­wie mit ih­ren Über­set­ze­rin­nen dar­über zu re­den, wie sie sich in wel­chen er­zäh­le­ri­schen Tra­di­tio­nen ver­or­ten und auf wel­che Wei­se sie auf­grund ih­rer Er­fah­run­gen mit ih­nen bre­chen wol­len und vi­el­leicht müs­sen.

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