Dop­pel­tes Spiel in Ber­lin

Wer schloss die Bal­kan­rou­te? Wohl nicht Se­bas­ti­an Kurz al­lein

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DAS POLITISCHE BUCH - Alex­an­dra fö­derl-schmid

Ras­se­ge­set­zen nie­der­ge­schla­ge­ne Blut­kult der Na­zis mach­te es für vie­le Deut­sche le­bens­not­wen­dig, Ah­nen­for­schung zu be­trei­ben und ei­nen „Ari­er-Nach­weis“bei­zu­brin­gen. So blieb es nicht aus, dass sich auch der Flüs­ter­witz mit dem „Ari­er“be­schäf­tig­te. „Was ist ein Ari­er?“Ant­wort: „Das Hin­ter­teil von ei­nem Pro­le­ta­ri­er“. In En­g­land lau­te­te die Po­in­te so: „The­re are on­ly two kinds of peop­le left in Ger­ma­ny: non-Aryans and bab-Aryans.”

Die deut­sche Be­völ­ke­rung, das darf man be­haup­ten, nahm die Ge­set­ze mehr­heit­lich oh­ne Wi­der­spruch hin, weil sie ei­ne Ab­son­de­rung der Ju­den ak­zep­tier­te. An­schei­nend wa­ren die Men­schen des­halb mit dem Ge­setz zu­frie­den, weil sie mein­ten, der an­ti­jü­di­sche Ter­ror wer­de nun­mehr auf­hö­ren. Schließ­lich hat­te Hit­ler selbst die Nürn­ber­ger Ge­set­ze als end­gül­ti­ge und ab­schlie­ßen­de Re­ge­lung der „Ju­den­fra­ge“be­zeich­net. Aus die­sem Grund wur­den sie auch von Ju­den zu­nächst nicht völ­lig ne­ga­tiv auf­ge­nom­men.

Mit den Nürn­ber­ger Ge­set­zen wa­ren die Ju­den in Deutsch­land – nicht mehr die deut­schen Ju­den, wie sie sich bis da­hin de­fi­nier­ten – zu ei­ner na­tio­na­len Min­der­heit de fac­to ge­wor­den, wel­che an die Mög­lich­keit glaub­ten, un­ter staat­li­chem Schutz ihr ei­ge­nes kul­tu­rel­les Le­ben zu be­wah­ren und dass ih­nen die wirt­schaft­li­che Exis­tenz ge­las­sen wer­de. Die Nürn­ber­ger Ge­set­ze wa­ren der fun­da­men­ta­le Bruch mit ei­ner jahr­zehn­te­lan­gen Rechts­tra­di­ti­on, die das Rad der Ge­schich­te zu­rück in die Zeit vor der Ju­de­n­eman­zi­pa­ti­on dreh­te. Sie mar­kier­ten so­zu­sa­gen den „bür­ger­li­chen“Tod der Ju­den lan­ge vor ih­rer phy­si­schen Ver­nich­tung und zeig­ten zugleich, dass die Idee der As­si­mi­la­ti­on und Eman­zi­pa­ti­on ge­schei­tert war.

Ei­ni­ge De­tails sind auch nach 82 Jah­ren noch im­mer nicht aus­rei­chend er­forscht

Die Nürn­ber­ger Ge­set­ze wirk­ten so­zu­sa­gen als „Brand­be­schleu­ni­ger“auf die Ju­den­po­li­tik der Nach­bar­län­der. Tho­mas Schlem­mer und Hans Wol­ler wi­der­le­gen die viel­fach ver­tre­te­ne An­nah­me, der ita­lie­ni­sche Fa­schis­mus sei a prio­ri frei von ras­sis­ti­schen und an­ti­se­mi­ti­schen Strö­mun­gen ge­we­sen. Dar­an än­dert auch der ät­zen­de, ge­gen die deut­sche Ju­den­po­li­tik ge­rich­te­te, Mus­so­li­ni zu­ge­schrie­be­ne Satz: „Ras­sis­mus ist et­was für Blon­de“nichts. Nach und nach über­nah­men Deutsch­lands Bünd­nis­part­ner, und nicht nur die­se, die Ras­sen­ge­set­ze nach deut­schem Vor­bild.

Der Sam­mel­band ist das Er­geb­nis ei­ner Ta­gung, die im Sep­tem­ber 2015 aus An­lass des 80. Jah­res­ta­ges der Ver­ab­schie­dung der Nürn­ber­ger Ge­set­ze im Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt statt­fand, in je­nem Saal, in dem die deut­sche Jus­tiz ih­ren mo­ra­li­schen Tief­stand er­reich­te, als Ro­land Freis­ler sei­ne von ter­ro­ris­ti­scher Will­kür ge­präg­ten Schau­pro­zess-„Ur­tei­le“nach dem 20. Ju­li 1944 sprach.

Die Nürn­ber­ger Ge­set­ze er­wie­sen sich als der An­fang ei­ner in der Ge­schich­te prä­ze­denz­lo­sen Ju­den­ver­fol­gung. Auch wenn die Kern­fra­gen in­zwi­schen trans­pa­rent be­schrie­ben sind, so blei­ben doch, das zeigt der Band, wei­te­re Fra­gen zu den in­ter­na­tio­na­len Ein­flüs­sen und Wir­kun­gen of­fen für wei­te­re Ent­de­ckun­gen. Auch die Per­son Glob­ke hat neu­er­lich kei­ne ge­nü­gen­de Ana­ly­se ge­fun­den und ist aus den Ak­ten noch nicht hin­rei­chend er­forscht. Das ist um­so be­dau­er­li­cher, als der Qu­el­len­zu­gang nach­ge­ra­de ge­sperrt ist: Es ist ein ar­chi­va­li­scher Skan­dal, dass ein ho­her Staats­be­diens­te­ter wie Hans Glob­ke (1898 – 1973) Do­ku­men­te aus sei­nem Amt mit nach Hau­se neh­men und gleich­sam „pri­va­ti­sie­ren“– und da­mit der his­to­ri­schen For­schung ent­zie­hen konn­te.

Man kann nur hof­fen, dass hier das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ei­ne ge­ne­rel­le Än­de­rung der Pra­xis auch für Bun­des­kanz­ler (wie Hel­mut Kohl) be­wir­ken wird. Aber das ist ein an­de­res The­ma.

Lud­ger Heid ist Neu­zeit­his­to­ri­ker und lebt in Duis­burg. Dass er die Bal­kan­rou­te für den Durch­zug von Flücht­lin­gen 2016 ge­schlos­sen hat, da­mit hat Se­bas­ti­an Kurz in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten in Ös­ter­reich Wahl­kampf ge­macht und mit der von ihm an­ge­führ­ten ÖVP die Na­tio­nal­rats­wahl am 15. Ok­to­ber ge­won­nen. In dem kurz vor dem Wahl­ter­min er­schie­ne­nen Buch räu­men drei Jour­na­lis­ten der kon­ser­va­ti­ven ös­ter­rei­chi­schen Zei­tung Die Pres­se je­doch mit dem My­thos auf, dass er der Ur­he­ber die­ser Ak­ti­on war: „Die Slo­we­nen hat­ten als Ers­te die Idee auf­ge­bracht und über Mo­na­te die Po­li­zei­ko­ope­ra­ti­on ent­lang des Flücht­lings­trecks im ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en vor­an­ge­trie­ben“, schrei­ben die Au­to­ren: der Chef­re­dak­teur des Blat­tes, Rai­ner No­wak, des­sen Au­ßen­po­li­tik-Chef Chris­ti­an Ultsch und In­nen­po­li­tik-Re­dak­teur Tho­mas Pri­or. Aber der mit ei­nem Ge­spür für Stim­mun­gen aus­ge­stat­te­te da­mals 30-jäh­ri­ge Au­ßen­mi­nis­ter war es, der sich zur Ga­li­ons­fi­gur der Grenz­schlie­ßer auf­schwang und auf Um­set­zung dräng­te.

Die Au­to­ren zeich­nen in dem flott ge­schrie­be­nen Buch, das mit vie­len De­tails auf­war­tet, die Chro­nik der Flücht­lings­be­we­gung seit dem Som­mer 2015 nach. Auch wenn vie­les aus ös­ter­rei­chi­scher Per­spek­ti­ve ge­schil­dert wird, so könn­te die­ses Buch auch in Deutsch­land für Dis­kus­sio­nen sor­gen. Denn die Au­to­ren un­ter­stel­len – als Fra­ge for­mu­liert – Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ein dop­pel­tes Spiel: Ent­ge­gen der of­fi­zi­el­len Po­si­ti­on, dass man Flücht­lin­ge wei­ter auf­neh­men wol­le, sei Mer­kel die Grenz­schlie­ßung sehr recht ge­we­sen: „Sie woll­ten uns nicht stop­pen. Sie woll­ten nur nicht selbst als die­je­ni­gen gel­ten, die schlie­ßen“, wird ein rang­ho­her Di­plo­mat – aus wel­chem Land bleibt of­fen – zi­tiert. Der da­ma­li­ge ma­ze­do­ni­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ni­ko­la Po­poski sagt of­fen: „Es gab ei­ne stil­le Zu­stim­mung Deutsch­lands zur Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te. Die deut­schen Po­li­ti­ker wünsch­ten, dass wir es tun, aber sie än­der­ten ihr Vo­ka­bu­lar nicht.“

Laut den Au­to­ren zäh­len zu den Ver­bün­de­ten des ös­ter­rei­chi­schen Au­ßen­mi­nis­ters in Ber­lin Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en und In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re, die er ge­be­ten ha­ben soll, bei der ma­ze­do­ni­schen Re­gie­rung an­zu­ru­fen. „Ein Husa­ren­stück: Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter or­ga­ni­siert An­ru­fe deut­scher Mi­nis­ter in Ma­ze­do­ni­en, da­mit sie dort auf in­for­mel­lem Weg die öf­fent­li­che Po­si­ti­on ih­rer Kanz­le­rin un­ter­lau­fen.“Selbst Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le soll Kurz ge­fragt ha­ben, ob sich Mer­kel schon be­dankt ha­be.

Da Kurz nächs­ter Re­gie­rungs­chef in Wien wer­den dürf­te, ist auch in­ter­es­sant zu er­fah­ren, zu wem er in Deutsch­land en­gen Kon­takt hält: zu CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er, CDU-Fi­nanz­staats­se­kre­tär Jens Spahn und zu Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg.

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