Kif­fen und ku­scheln

Can­na­bis-Kon­su­men­ten ha­ben häu­fi­ger Sex als Ab­sti­nen­te

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Se­bas­ti­an herr­mann

Das Kli­schee ei­nes Kif­fers be­schreibt ei­nen an­triebs­lo­sen, schläf­ri­gen Ty­pen, der in sel­te­nen aler­ten Mo­men­ten da­zu neigt, Un­fug zu la­bern und den Kühl­schrank zu plün­dern. Ei­gen­schaf­ten wie die­se, die ja nicht völ­lig aus der Luft ge­grif­fen sind, pas­sen schlecht zur Vor­stel­lung se­xu­ell be­son­ders ak­ti­ver Men­schen. Im Ge­gen­teil, der Can­na­bis-Nut­zer gilt nicht nur als an­triebs­lo­ses, son­dern auch als trieb­lo­ses We­sen. Das scheint je­doch ei­ne Fehl­vor­stel­lung zu sein. Uro­lo­gen von der Uni­ver­si­ty of St­an­ford be­rich­ten näm­lich im Fach­ma­ga­zin Jour­nal of Se­xu­al Me­di­ci­ne, dass Kif­fer häu­fi­ger Sex ha­ben als Men­schen, die kein Ma­ri­hua­na oder Ha­schisch kon­su­mie­ren. Ob das Gras je­doch der un­mit­tel­ba­re Aus­lö­ser ge­stei­ger­ter ge­schlecht­li­cher Ak­ti­vi­tä­ten ist, kön­nen die Wis­sen­schaft­ler nicht sa­gen. Es sprä­chen zwar ei­ni­ge In­di­zi­en da­für, so ar­gu­men­tiert der Uro­lo­ge Micha­el Ei­sen­berg, aber er mahnt zu wis­sen­schaft­lich ge­bo­te­ner Zu­rück­hal­tung. Man ha­be zu­nächst nur ei­ne Kor­re­la­ti­on iden­ti­fi­ziert. „Die Da­ten sa­gen nicht, dass man au­to­ma­tisch mehr Sex hat, je mehr Ma­ri­hua­na man raucht“, sagt der Uro­lo­ge.

Im Fo­kus der meis­ten Un­ter­su­chun­gen zum The­ma Can­na­bis-Ge­brauch ste­hen ge­sund­heit­li­che Ri­si­ken. Das gilt auch für die Wir­kun­gen des THC-hal­ti­gen Krau­tes auf die se­xu­el­le Ak­ti­vi­tät. So be­rich­ten Stu­di­en da­von, dass männ­li­che In­ten­siv-Kon­su­men­ten ein er­höh­tes Ri­si­ko für Erek­ti­ons­stö­run­gen ha­ben. In an­de­ren Stu­di­en heißt es, dass auch Men­ge und Qua­li­tät der Sper­mi­en durch Ma­ri­hua­na lei­den. Be­fun­de wie die­se pas­sen gut zum Bild des schlaf­fen Kif­fers, der lie­ber döst, als sei­nem Part­ner nä­her­zu­kom­men. An­de­rer­seits ha­ben Ver­su­che an Tie­ren und Men­schen of­fen­bart, dass Can­na­bis je­ne Ge­hirn­re­gio­nen sti­mu­liert, die mit se­xu­el­ler Er­re­gung und Ak­ti­vi­tät as­so­zi­iert wer­den. Zu letz­te­ren Be­fun­den passt nun die ak­tu­el­le Stu­die.

Gras ver­stärkt wohl das Ge­fühl von Ver­bun­den­heit und

Nä­he zu ver­trau­ten Men­schen

Die Uro­lo­gen Ei­sen­berg und And­rew Sun wer­te­ten Da­ten des Na­tio­nal Sur­vey of Fa­mi­liy Growth aus, ei­ner Lang­zeit­un­ter­su­chung, an der mehr als 50 000 US-Ame­ri­ka­ner teil­neh­men. Jähr­lich ge­ben die Pro­ban­den un­ter an­de­rem dar­über Aus­kunft, wie oft sie in den ver­gan­ge­nen vier Wo­chen Sex mit ei­nem Part­ner des an­de­ren Ge­schlechts hat­ten. Au­ßer­dem wird ab­ge­fragt, wie oft ein Teil­neh­mer in den ver­gan­ge­nen zwölf Mo­na­ten ge­kifft hat.

24,5 Pro­zent der Män­ner und 14,5 Pro­zent der Frau­en ga­ben an, dass sie im frag­li­chen Zei­t­raum Can­na­bis kon­su­miert hat­ten – und den meis­ten Sex hat­ten of­fen­bar die re­gel­mä­ßi­gen Kif­fer. Frau­en, die täg­lich Gras kon­su­mier­ten, hat­ten im Schnitt 7,1-mal Sex bin­nen vier Wo­chen, wäh­rend die ab­sti­nen­ten Teil­neh­me­rin­nen im glei­chen Zei­t­raum nur sechs­mal Ge­schlechts­ver­kehr hat­ten. Un­ter den Män­ner zeig­te sich ein ähn­li­ches Ver­hält­nis: Die Ge­wohn­heits­kif­fer hat­ten 6,9-mal Sex im Mo­nat, die Ab­sti­nen­ten 5,6-mal. In an­de­ren Wor­ten, so Ei­sen­berg, ha­ben re­gel­mä­ßi­ge Kif­fer um 20 Pro­zent häu­fi­ger Sex. Zwi­schen Can­na­bis-Kon­sum und Koi­tus-Fre­quenz be­stand ein li­nea­rer Zu­sam­men­hang, das heißt, mit dem Aus­maß des Kon­sums stieg par­al­lel die se­xu­el­le Ak­ti­vi­tät; ei­ne do­sis­ab­hän­gi­ge Kor­re­la­ti­on, die für ei­nen ur­säch­li­chen Zu­sam­men­hang spre­chen könn­te.

Wenn Ma­ri­hua­na-Lieb­ha­ber For­schern von der Wir­kung des Krau­tes be­rich­ten, dann ge­ben sie häu­fig an, ei­ne be­son­de­re Nä­he und in­ni­ge Ver­bun­den­heit zu ver­trau­ten Per­so­nen zu emp­fin­den. Das könn­te für ei­ne aphro­di­sie­ren­de Wir­kung der Dro­ge spre­chen. So oder so, man soll­te sich den Kif­fer an und für sich wohl als hung­ri­gen Men­schen vor­stel­len, der ger­ne den Kühl­schrank plün­dert und ein enor­mes Seh­nen nach Nä­he zu sei­nen Liebs­ten spürt. Aber vi­el­leicht wä­re das doch arg ro­man­ti­sie­rend.

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