Schulz bit­tet um Ent­schul­di­gung

Auf dem Par­tei­tag über­nimmt der SPD-Chef die Ver­ant­wor­tung für die „bit­te­re Nie­der­la­ge“. Sein Wer­ben für Son­die­rungs­ge­sprä­che mit der Uni­on stößt auf er­bit­ter­ten Wi­der­stand der Ju­sos

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Von ni­co fried

(SZ) Im Fi­na­le der Te­le­schach-Olym­pia­de von 1990 herrsch­te, so wird man das rück­bli­ckend wohl sa­gen müs­sen, End­zeit­stim­mung. Die kurz vor der Ab­wick­lung ste­hen­de DDR trat ge­gen die gleich­sam kurz vor dem his­to­ri­schen Ex­itus ste­hen­de UdSSR an, und dies in ei­nem Wett­be­werb, der zum drit­ten und eben­falls letz­ten Mal aus­ge­tra­gen wur­de: dem Te­le­schach. Die­se Sport­art hat­te in Zei­ten der sich von­ein­an­der ab­schot­ten­den Welt­blö­cke den Vor­teil, dass die Kon­tra­hen­ten ein­an­der nicht ge­gen­über­ste­hen bzw. -sit­zen muss­ten, son­dern ih­re Fi­gu­ren be­quem auf dem hei­mi­schen Brett be­we­gen konn­ten. Was der Geg­ner so ver­an­stal­te­te, wur­de per Te­le­fon oder Te­lex (Stich­wort End­zeit­stim­mung) über­mit­telt. Ein Fi­na­le da­ho­am für bei­de Sei­ten al­so, und dass die DDR sieg­te, lag, so wird be­rich­tet, vor al­lem dar­an, dass sich das Team UdSSR im fer­nen Mos­kau noch wäh­rend des Wett­kampfs auf­lös­te. Ei­ni­ge Spie­ler sei­en be­trun­ken ge­we­sen, an­de­re ein­fach nach Hau­se ge­gan­gen. Den DDR-Spie­lern ver­mit­tel­te sich das Dra­ma nur in­so­fern, als am an­de­ren En­de der Lei­tung ein­fach nichts mehr pas­sier­te. Am En­de, so will es die Le­gen­de, be­weg­te die rus­si­schen Fi­gu­ren der Haus­meis­ter.

Für al­le An­hän­ger des Fern­schachs ist die­ses En­de ein An­lass zur Trau­er, dem Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund da­ge­gen mag es in die­sen schwe­ren Zei­ten ei­nen Fun­ken Hoff­nung spen­den. Der Sach­wal­ter des olym­pi­schen Ge­dan­kens in Deutsch­land („Da­bei sein ist al­les“) ist so­eben schon in zwei­ter In­stanz mit dem Ver­such ge­schei­tert, der „Bau­ern­hof-Olym­pia­de“per Ge­richts­be­schluss den Gar­aus zu ma­chen. Ei­ne Münch­ner Event­fir­ma darf al­so auch wei­ter­hin un­ter die­sem Na­men we­ni­ger ed­le Wett­kämp­fe wie Heuga­bel­wer­fen, Wett­sä­gen und Trak­tor­par­cours aus­rich­ten. Ein Miss­brauch des olym­pi­schen Na­mens für ge­schäft­li­che Zwe­cke? Liegt nicht vor, fin­det das Ge­richt. Er­leich­tern dürf­te die­se Ent­schei­dung nicht nur die Ma­cher al­ler Ma­the-, Phy­sik- und Feu­er­wehr-Olym­pia­den, son­dern be­son­ders die Ver­an­stal­ter der Wald­solm­ser Win­ter­wald-Olym­pia­de, der Tros­sin­ger Mund­här­f­le-Olym­pia­de und der „Baye­ri­schen Olym­pia­de“(Dis­zi­pli­nen: Kuh mel­ken, Bier­fass­lSla­lom, Maß­krug stem­men). Dem DOSB bleibt da nur das Ver­trau­en dar­auf, dass – sie­he Te­le­schach – die Ge­schich­te und der tech­ni­sche Fort­schritt rich­ten wer­den, wo die Ge­rich­te ver­sag­ten.

Aus Sicht al­ler Alt­phi­lo­lo­gen rich­tet sich des­sen Kla­ge oh­ne­hin ge­gen das fal­sche De­likt. Viel schwe­rer als der an­geb­li­che Image­trans­fer wiegt doch der in­fla­tio­nä­re Miss­brauch des Wor­tes Olym­pia­de. Die be­zeich­net schließ­lich, ganz ge­nau, die Zeit­span­ne zwi­schen zwei Olym­pi­schen Spie­len, nicht die Spie­le selbst. So bie­tet das Schick­sal des Te­le­schachs ei­ne Bot­schaft, die tröst­lich für die Hü­ter der Spie­le und ver­söhn­lich für die Hü­ter der Spra­che ist: Ir­gend­wann en­det je­de Olym­pia­de. Ber­lin – Die SPD-Spit­ze hat sich für er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on über die Bil­dung ei­ner Bun­des­re­gie­rung aus­ge­spro­chen. Zugleich warb sie auf dem Par­tei­tag in Ber­lin um Ver­trau­en, dass sol­che Ge­sprä­che oh­ne Vor­fest­le­gung auf ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on ge­führt wür­den. Die Par­tei­spit­ze um SPD-Chef Mar­tin Schulz stieß mit die­ser Li­nie al­ler­dings auf er­bit­ter­ten Wi­der­stand vor al­lem des Par­tei­nach­wuch­ses. Ei­ne mehr­stün­di­ge De­bat­te er­gab am Don­ners­tag zu­nächst kein kla­res Mei­nungs­bild. Das Er­geb­nis der Ab­stim­mung stand bei Re­dak­ti­ons­schluss die­ser Aus­ga­be noch nicht fest. Schulz konn­te aber in je­dem Fall am Abend noch mit sei­ner Wie­der­wahl als Par­tei­vor­sit­zen­der rech­nen.

Schulz, der die SPD als Kanz­ler­kan­di­dat in die Bun­des­tags­wahl ge­führt hat­te, über­nahm in sei­ner Re­de zu­nächst die Ver­ant­wor­tung für das Er­geb­nis von 20,5 Pro­zent am 24. Sep­tem­ber. Er bat al­le, die auf die SPD ge­setzt hät­ten, um „Ent­schul­di­gung für mei­nen An­teil an die­ser bit­te­ren Nie­der­la­ge“. Die Po­li­tik lei­de ins­ge­samt an ei­nem Ver­trau­ens­ver­lust, der die So­zi­al­de­mo­kra­ten be­son­ders hart tref­fe. „Un­ser größ­tes Pro­blem ist, dass wir un­ser kla­res Pro­fil ver­lo­ren ha­ben.“Die Par­tei müs­se kon­kre­te Lö­sun­gen als Teil ei­ner so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ge­samt­stra­te­gie an­bie­ten.

Mit Blick auf die Re­gie­rungs­bil­dung warb Schulz für er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit CDU und CSU: „Wir müs­sen nicht um je­den Preis re­gie­ren. Wir dür­fen aber auch nicht um je­den Preis nicht re­gie­ren wol­len.“Die So­zi­al­de­mo­kra­ten müss­ten aus­lo­ten, wie sie ih­re For­de­run­gen durch­set­zen kön­nen. „Auf den In­halt kommt es an, nicht auf die Form. Ent­schei­dend ist, was wir durch­set­zen kön­nen“, sag­te er. Prak­tisch die gan­ze Par­tei­spit­ze, aber auch Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wie Ma­lu Drey­er und Ste­phan Weil, er­grif­fen in der De­bat­te das Wort. Sie plä­dier­ten durch­weg für er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on. Am deut­lichs­ten setz­te sich Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les da­für ein, auch für ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on of­fen zu sein. Sie for­der­te von der SPD, sich selbst­be­wusst auf die Durch­set­zung ih­rer Zie­le zu kon­zen­trie­ren. Es ge­be kei­ne Re­gel, wo­nach Op­po­si­ti­on zu ei­ner star­ken SPD füh­re und Re­gie­rung zu ei­ner schwa­chen.

Der neue Vor­sit­zen­de der Jung­so­zia­lis­ten, Ke­vin Küh­nert, sprach sich hin­ge­gen ve­he­ment ge­gen ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung der SPD aus. „Die Er­neue­rung der SPD wird au­ßer­halb ei­ner gro­ßen Ko­ali­ti­on sein oder sie wird nicht sein“, sag­te Küh­nert. Es ha­be in Deutsch­land im Bund und den Län­dern 16 gro­ße Ko­ali­tio­nen mit der SPD als klei­ne­rem Part­ner ge­ge­ben, nur aus vie­ren da­von sei die SPD als stärks­te Par­tei her­vor­ge­gan­gen. Er wol­le sei­ne Par­tei nicht im­mer vor die sel­be Wand fah­ren se­hen. Ge­ra­de aus der Sicht der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on, die in Zu­kunft die Ver­ant­wor­tung in der SPD über­neh­men müs­se, ge­be es ei­ne Ver­ant­wor­tung, „dass noch et­was üb­rig bleibt von die­sem La­den“.

Mar­tin Schulz skiz­zier­te in sei­ner Re­de auch sein eu­ro­pa­po­li­ti­sches Ziel: Er will die Eu­ro­päi­sche Uni­on bis 2025 in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa mit ei­nem ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­ver­trag um­wan­deln. Die EU-Mit­glie­der, die die­ser fö­de­ra­len Ver­fas­sung nicht zu­stim­men, müss­ten au­to­ma­tisch die EU ver­las­sen, sag­te Schulz, der bis 2016 Prä­si­dent des Eu­ro­pa­par­la­ments war. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) re­agier­te zu­rück­hal­tend auf die­sen Vor­stoß. Ihr ge­he es bis 2025 vor al­lem um mehr Hand­lungs­fä­hig­keit der EU. Die EUStaa­ten müss­te in vie­len Be­rei­chen stär­ker ko­ope­rie­ren. Ver­fah­ren Un­ser Au­tor fährt Die­sel. Ihm dro­hen: Fahr­ver­bo­te, Wert­ver­lust und ein Image als Um­welt­sün­der. Was soll er tun? Ver­wech­selt Nach dem At­ten­tat auf ei­nen Ber­li­ner Weih­nachts­markt vor ei­nem Jahr wur­de zu­nächst der fal­sche Mann fest­ge­nom­men. Wie geht es ihm heu­te? Ver­schie­den Was muss sich än­dern, da­mit die Welt bes­ser wird – die Po­li­tik oder der ein­zel­ne Mensch? Ein Streit­ge­spräch un­ter So­zio­lo­gen.

FO­TO: FABRIZIO BENSCH / REU­TERS

„Un­ser größ­tes Pro­blem ist, dass wir un­ser kla­res Pro­fil ver­lo­ren ha­ben“: SPD-Chef Mar­tin Schulz auf dem Par­tei­tag in Ber­lin.

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