Ra­sier­schaum an Ketch­up

Wie ein Bri­te ein Re­stau­rant-Be­wer­tungs­por­tal narr­te

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Cath­rin kahl­weit

Oo­bah But­ler ist ein Ha­cker. Aber wäh­rend In­ter­net-Ha­cker in frem­de Sys­te­me ein­bre­chen, mo­gelt sich der 26-Jäh­ri­ge mit Tricks durchs wirk­li­che Le­ben. „Life Hacks“heißt die­se lus­ti­ge Dis­zi­plin auf Eng­lisch, und But­ler, bri­ti­scher Jour­na­list, ist ein Meis­ter dar­in. Auf klei­nen Vi­de­os gibt er An­lei­tun­gen, wie man zu viert ein Buf­fet leer es­sen kann, aber nur ein­mal zahlt. Oder wie man sich – in ei­nem Kof­fer – ins Ki­no tra­gen lässt, um kein Ti­cket kau­fen zu müs­sen.

Jetzt hat But­ler den Life Hack auf die Spit­ze ge­trie­ben: Er hat ein Re­stau­rant, das es gar nicht gab, auf der Tou­ris­tik­web­site Tri­pad­vi­sor zur Num­mer eins der Re­stau­rant-Emp­feh­lun­gen für Lon­don ge­macht. Und zum Schluss, als Krö­nung der Ak­ti­on, ser­vier­te er ech­ten Gäs­ten in ei­nem Gar­ten­schup­pen Fer­tig­mahl­zei­ten. Die wa­ren be­geis­tert. Der Glau­be an das In­ter­net und die Sehn­sucht nach dem Ein­zig­ar­ti­gen mach­ten es mög­lich.

But­ler sagt, das sei nur ein gro­ßer Witz ge­we­sen, „es macht Spaß, Leu­te da­zu zu brin­gen, al­les zu glau­ben“. Aber die Sa­che wur­de ihm zum Schluss un­heim­lich, weil sie all­zu gut lief; „sie ist mir aus dem Ru­der ge­lau­fen“, gibt But­ler zu, der für das Ma­ga­zin Vice ar­bei­tet. Als die ers­ten Jo­bBe­wer­bun­gen für sein Re­stau­rant ka­men und der Be­zirk sein fik­ti­ves Lo­kal an ei­nen bes­se­ren Platz um­sie­deln woll­te, fand er, nun müs­se Schluss sein. Zu die­sem Zeit­punkt war „The Shed“in Dul­wich, wo man nur te­le­fo­nisch ei­nen Tisch bu­chen konn­te, mit 96 her­vor­ra­gen­den Be­wer­tun­gen ein­sa­me Spit­ze un­ter et­wa 18 000 Lo­ka­len bei Tri­pad­vi­sor.

Ei­gent­lich ging al­les ganz leicht, sagt But­ler: Man kauft ei­ne Do­main und ein Pre­paid-Te­le­fon, stellt ei­ne Spei­se­kar­te und Fo­tos ins Netz (in sei­nem Fall be­stand das „Es­sen“aus hübsch an­ge­rich­te­tem Ra­sier­schaum, Ketch­up, Blei­che und ein­mal so­gar sei­nem Fuß) und bit­tet Freun­de und Ver­wand­te, ein­falls­rei­che, de­tail­rei­che, glaub­wür­di­ge Be­wer­tun­gen zu schrei­ben. Schnell ka­men die ers­ten Gäs­te-An­fra­gen für ei­nen Tisch, zum Schluss wa­ren es mehr als 100 täg­lich, But­ler sag­te im­mer: Sor­ry, wir sind aus­ge­bucht.

Schließ­lich be­schloss er ge­mein­sam mit Freun­den, den Jux für ei­nen Tag Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen: Sie räum­ten den Schup­pen auf, in dem But­ler tat­säch­lich lebt, kauf­ten Fer­tig­mahl­zei­ten beim Dis­coun­ter, or­ga­ni­sier­ten ei­nen DJ („da­mit man un­se­re Mi­kro­wel­le nicht hört“) und setz­ten zwi­schen die ech­ten Gäs­te Schau­spie­ler, die laut das Es­sen lob­ten. Es ge­lang: Ein Paar, das ge­ra­de aus Pa­ris ge­kom­men war und nun das bes­te Re­stau­rant in Lon­don such­te, wä­re gern wie­der­ge­kom­men. Aber „The Shed“ist zu.

Oo­bah But­ler hat mit dem St­unt sei­ne Kar­rie­re be­för­dert, die er als Au­tor ge­fälsch­ter Be­wer­tun­gen für ex­akt sol­che Tou­ris­tik-Sei­ten be­gon­nen hat­te wie je­ne, der er jetzt arg mit­spiel­te. Tri­pad­vi­sor re­agiert auf An­fra­ge cool: Mit ei­ner Spe­zi­al­tech­no­lo­gie fil­te­re man mehr als 90 Pro­zent al­ler fal­schen Be­wer­tun­gen aus dem Netz; es sei nun mal die ab­so­lu­te Aus­nah­me, dass es ein Re­stau­rant gar nicht ge­be. „Sol­che Tricks ver­su­chen in der Re­gel nur Jour­na­lis­ten, die uns vor­füh­ren wol­len.“

Oo­bah But­ler gibt sich zer­knirscht, aber nur ein we­nig. Über Fa­ke News oder die Ma­ni­pu­lier­bar­keit von Web­sites sol­len an­de­re dis­ku­tie­ren; er hat­te sei­nen Spaß.

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