Das Sein des Scheins

Greif­bar ist die­se Wäh­rung nicht. Sie exis­tiert nur in Form kom­pli­zier­ter Al­go­rith­men. Doch de­ren Wert ist sehr re­al

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Von chris­toph beh­rens und jan will­m­roth

DSeit Ta­gen knackt der Kurs der Di­gi­tal-Wäh­rung ei­ne Re­kord­mar­ke nach der nächs­ten. Wer früh ge­kauft hat, kann jetzt sa­gen­haf­te Ge­win­ne ma­chen. Auch an der Chi­ca­go­er Bör­se hält die Kunst­wäh­rung nun Ein­zug. Und in Deutsch­land ver­langt der Er­pres­ser des Pa­ket­diens­tes DHL Lö­se­geld in Bit­co­in. Was steckt hin­ter die­sem Zah­lungs­mit­tel des di­gi­ta­len Zeit­al­ters?

ie vir­tu­el­le Wäh­rung Bit­co­in löst ge­ra­de welt­weit Eu­pho­rie aus. Über Nacht springt der Kurs auf im­mer neue Hö­hen, buch­stäb­lich. Von der 14 000-Dol­lar-Mar­ke am Vor­abend dau­er­te es nur bis zum Don­ners­tag­mor­gen – da war der Wert ei­nes Bit­co­in be­reits um wei­te­re 1000 Dol­lar ge­stie­gen. Seit An­fang des Jah­res ist der Kurs um mehr als 1400 Pro­zent ge­stie­gen. War­um glau­ben plötz­lich so vie­le Men­schen an den Wert von Bit­co­in? Die wich­tigs­ten Ant­wor­ten auf die Fra­gen zu ei­nem rät­sel­haf­ten Phä­no­men:

Gibt es Bit­co­in in Mün­zen­form?

Bit­co­in exis­tiert rein di­gi­tal, es gibt al­so kei­ne Mün­zen oder Schei­ne, die man an­fas­sen kann. Es ist vir­tu­el­les Geld. Das Bit­co­inSys­tem muss man sich wie ein sehr lan­ges, fäl­schungs­si­che­res Buch vor­stel­len, in dem al­le ver­gan­ge­nen Trans­ak­tio­nen mit der Wäh­rung eben­so ver­merkt sind wie die In­for­ma­tio­nen dar­über, wel­chem Nut­zer wel­che Men­ge an Bit­co­in ge­hört. Die­ses Block­chain ge­nann­te Haupt­buch wird nicht zen­tral ver­wal­tet, son­dern ist auf den Com­pu­tern von Tau­sen­den Bit­co­in-Nut­zern gleich­zei­tig ge­spei­chert. Die Rech­ner sind über das In­ter­net mit­ein­an­der ver­bun­den und schrei­ben das Buch mit al­len neu­en Über­wei­sun­gen fort. Das soll ver­hin­dern, dass je­mand be­trü­gen kann.

Wer hat das Sys­tem Bit­co­in er­fun­den?

Auf dem Hö­he­punkt der Fi­nanz­kri­se im Jahr 2008, als Zen­tral­ban­ken und Staa­ten welt­weit Ban­ken vor dem Zu­sam­men­bruch be­wah­ren muss­ten, er­schien un­ter dem Pseud­onym Sa­to­shi Na­ka­mo­to ein neun­sei­ti­ges The­sen­pa­pier, das die Grund­la­gen für das Sys­tem Bit­co­in fest­leg­te. Bis heu­te ist nicht ge­klärt, ob es ein Ein­zel­ner oder ei­ne Grup­pe von Per­so­nen ge­schrie­ben hat. Das Ziel war, ei­ne neue Form von Geld zu schaf­fen, das oh­ne die Kon­trol­le durch zen­tra­le Stel­len und oh­ne In­ter­me­diä­re wie Ban­ken oder Kre­dit­kar­ten­fir­men aus­kommt. Seit­her ist auch fest­ge­legt, dass die Zahl der Bit­co­in be­grenzt ist, um In­fla­ti­on zu ver­hin­dern. Von Na­ka­mo­to hör­te man zu­letzt im Jahr 2011. Da­mals ver­kün­de­te er nur, sich von nun an an­de­ren Din­gen wid­men zu wol­len.

Was ist ei­ne Block­chain?

Die Block­chain ist das Herz von Bit­co­in und ei­ne viel­fäl­tig ein­setz­ba­re Tech­no­lo­gie im di­gi­ta­len Zeit­al­ter. Am einfachsten lässt sie sich mit ei­ner Ana­lo­gie er­klä­ren: Man stel­le sich sehr vie­le an­ein­an­der­ge­reih­te Kis­ten vor, die In­for­ma­tio­nen ent­hal­ten. Die Con­tai­ner lie­gen in ei­ner zeit­li­chen Ab­fol­ge hin­ter­ein­an­der. Ist ei­ne Kis­te voll, wird sie ver­schlos­sen, und ei­ne neue, lee­re Kis­te wird an die nächst­äl­te­re an­ge­hängt. Das Sys­tem lässt sich nur theo­re­tisch fäl­schen, da al­le Kis­ten mit­ein­an­der ver­ket­tet sind (da­her der Na­me, wörtlich über­setzt, Block­ket­te). Woll­te je­mand die In­for­ma­ti­on in ei­ner al­ten Kis­te än­dern, müss­te er gleich­zei­tig auch al­le neue­ren Con­tai­ner öff­nen und ma­ni­pu­lie­ren. Das wä­re nur mit un­be­grenz­ter Re­chen­leis­tung mach­bar – und wür­de trotz­dem lan­ge dau­ern.

Taugt Bit­co­in als Zah­lungs­mit­tel?

Die ein­fachs­te Ant­wort ist: nicht mehr. Vom ur­sprüng­li­chen Ge­dan­ken, ei­ne al­ter­na­ti­ve Wäh­rung als Er­satz für Dol­lar oder Eu­ro zu schaf­fen, ist nicht viel ge­blie­ben. Das hat tech­ni­sche Grün­de. Weil die Zahl der Nut­zer im Bit­co­in-Netz­werk so ra­sant ge­stie­gen ist, dau­ert es im­mer län­ger, bis Trans­ak­tio­nen be­stä­tigt sind. Je vol­ler das Netz­werk, des­to teu­rer sind au­ßer­dem Über­wei­sun­gen. Für ei­ne ein­zel­ne Zah­lung in Bit­co­in wer­den bis zu 20 Eu­ro an Ge­büh­ren fäl­lig, die die­je­ni­gen er­hal­ten, die die Trans­ak­ti­on über­prü­fen und im Netz­werk ab­spei­chern.

Wie kauft und ver­kauft man Bit­co­in?

Bis­lang fin­det der Han­del auf spe­zia­li­sier­ten, häu­fig we­nig re­gu­lier­ten Markt­plät­zen im Netz statt, auf de­nen sich her­kömm­li­che Wäh­run­gen in Bit­co­in tau­schen las­sen, ver­gleich­bar mit dem De­vi­sen­han­del. Da­bei han­delt es sich um Web­sites, die bör­sen­ähn­lich den Han­del or­ga­ni­sie­ren. Das Sys­tem er­laubt Stü­cke­lun­gen von bis zu neun De­zi­mal­stel­len, man muss Bit­co­in al­so nicht in gan­zen Ein­hei­ten er­wer­ben oder ver­kau­fen.

Wie ent­ste­hen neue Bit­co­in?

Die Schöp­fung neu­er Bit­co­in ist ei­ne Kern­in­no­va­ti­on der Tech­nik. Sie fußt auf ei­nem Al­go­rith­mus, der et­wa al­le zehn Mi­nu­ten neue Bit­co­in ent­ste­hen lässt (ak­tu­ell 12,5 Bit­co­in pro zehn Mi­nu­ten). Da die­ses Protokoll die Men­ge der neu er­zeug­ten Bit­co­in zu­dem et­wa al­le vier Jah­re hal­biert, ist die Men­ge ins­ge­samt ge­de­ckelt – auf 21 Mil­lio­nen Stück; der letz­te Bit­co­in wird erst in mehr als 100 Jah­ren ent­ste­hen. Öko­no­misch be­trach­tet ist Bit­co­in al­so de­fla­tio­när. Es kann nie­mand in die Geld­schöp­fung ein­grei­fen. Das Gan­ze funk­tio­niert al­ler­dings nur, wenn sich mög­lichst vie­le Com­pu­ter an dem Al­go­rith­mus be­tei­li­gen. Die­se Rech­ner wer­den Mi­ner (Schür­fer) ge­nannt. Sie lö­sen al­le gleich­zei­tig ein ma­the­ma­ti­sches Rät­sel, das der Al­go­rith­mus auf­gibt. Die­ses Rät­sel ist so ge­strickt, dass es sich nur durch das Pro­bie­ren von Zu­falls­zah­len lö­sen lässt. Wer das Rät­sel als Ers­ter löst, be­kommt die neu er­zeug­ten Bit­co­in als Be­loh­nung aus­ge­zahlt. Je bes­ser die ein­ge­setz­te Hard­ware ist, um­so hö­her sind die Chan­cen auf die Be­loh­nung. Das dient als An­reiz, um teu­re Re­chen­leis­tung in das Bit­co­in-Netz­werk zu in­ves­tie­ren.

War­um ver­braucht Bit­co­in so viel Strom?

Ur­sprüng­lich lie­ßen sich Bit­co­in mit haus­halts­üb­li­chen Com­pu­tern schür­fen, doch das ist lan­ge vor­bei. Denn das ma­the­ma­ti­sche Rät­sel, das die Geld­schöp­fung steu­ert, wird mit der Zeit im­mer kom­ple­xer und er­for­dert im­mer mehr Re­chen­leis­tung. Da­her schür­fen mitt­ler­wei­le fast nur noch Pro­fis nach neu­en Bit­co­in, in­dem sie spe­zia­li­sier­te Hard­ware zu gro­ßen Re­chen­zen­tren, so­ge­nann­ten Mi­ning-Far­men, zu­sam­men­schal­ten. Am lu­kra­tivs­ten ist die­ses Ge­schäft dort, wo Strom we­nig kos­tet, wes­halb die meis­ten Bit­co­in in Chi­na ent­ste­hen. Auch kal­te Or­te, an de­nen sich Re­chen­zen­tren ein­fa­cher küh­len las­sen, eig­nen sich gut. Des­halb blüht das Bit­co­in-Mi­ning et­wa in Is­land – we­gen des bil­li­gen Stroms, der nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren und der schnel­len In­ter­net­ver­bin­dun­gen. Bit­co­in mag in­no­va­tiv sein; ef­fi­zi­ent oder gar öko­lo­gisch un­be­denk­lich ist die Wäh­rung nicht. Ei­ne ein­zel­ne Über­wei­sung ver­braucht heu­te so viel Strom wie ein ty­pi­scher US-Haus­halt in ei­ner Wo­che, schließ­lich muss sie von al­len Mi­nern ve­ri­fi­ziert wer­den, um zu gel­ten. Das Bit­co­in-Netz­werk ver­schlingt der­zeit 32 Te­ra­watt­stun­den Elek­tri­zi­tät pro Jahr, et­wa so viel wie Dä­ne­mark. Je wert­vol­ler ein Bit­co­in wird, um­so mehr Strom wird ver­braucht.

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