Geld von ges­tern

War­um Bit­co­in längst schon star­ke Kon­kur­renz hat

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Jan will­m­roth

Kann man Bit­co­in wirk­lich weg­schmei­ßen – sie exis­tie­ren doch nur di­gi­tal?

Bei Bit­co­in gibt es kei­ne pri­va­ten Kon­ten, son­dern „öf­fent­li­che Adres­sen“, die mit Bit­co­in-Gut­ha­ben ver­knüpft sind. Bit­co­in zu be­sit­zen, be­deu­tet le­dig­lich, ein Pass­wort zu ken­nen, das die­se Adres­sen kon­trol­liert – ähn­lich wie ein Schlüs­sel für ein Schloss. Die­sen pri­va­ten Schlüs­sel, ei­ne 64-stel­li­ge Kom­bi­na­ti­on aus Zif­fern und Buch­sta­ben, müs­sen Bit­co­in-Be­sit­zer auf­be­wah­ren und ge­heim hal­ten. Wie sie das tun, ist ih­nen über­las­sen. Man kann den pri­va­ten Schlüs­sel in spe­zi­el­len Com­pu­ter­pro­gram­men si­chern oder auf ei­nem USB-Stick. Man kann ihn auch aus­dru­cken und das Blatt Pa­pier un­ter das Kopf­kis­sen le­gen. Das er­for­dert gro­ße Sorg­falt, im­mer wie­der ge­hen da­her gro­ße Men­gen Bit­co­in ver­lo­ren. Wenn Be­sit­zer die Fest­plat­te weg­wer­fen, auf der ihr pri­va­ter Schlüs­sel ge­spei­chert war, ver­lie­ren sie den Zu­griff auf ihr Gut­ha­ben. Die ent­spre­chen­den In­for­ma­tio­nen sind zwar noch auf der Block­chain vor­han­den, aber nie­mand hat mehr Zu­griff dar­auf – wie bei ei­nem (sehr gu­ten) Sa­fe, für den man den Schlüs­sel ver­liert. Der bri­ti­sche Te­le­graph be­rich­te­te kürz­lich über ei­nen In­for­ma­ti­ker, der 2013 ei­ne Fest­plat­te mit 7500 Bit­co­in ver­se­hent­lich ent­sorg­te. Mitt­ler­wei­le wä­ren die­se mehr als 100 Mil­lio­nen Dol­lar wert. Nun über­legt der Un­glück­li­che laut der Zei­tung, die Müll­de­po­nie auf­gra­ben zu las­sen, um nach sei­nem Schatz zu su­chen. Ei­ne Stu­die der Ana­ly­se-Fir­ma Chain­ana­ly­sis er­gab, dass schon min­des­tens 1,7 Mil­lio­nen Bit­co­in durch Schlam­pe­rei ver­lo­ren ge­gan­gen sind.

Wer be­sitzt die meis­ten Bit­co­in?

Als ers­te Bit­co­in-Mil­li­ar­dä­re gel­ten heu­te die US-Ge­schäfts­leu­te Ty­ler und Ca­me­ron Win­k­le­voss. Die Zwil­lin­ge lie­fer­ten sich ei­nen jah­re­lan­gen Rechts­streit mit Mark Zu­cker­berg, weil er die Idee für Face­book bei ih­nen ab­ge­kup­fert ha­ben soll. Ein US-Ge­richt sprach den Brü­dern mehr als 65 Mil­lio­nen Dol­lar Scha­den­er­satz zu. Elf Mil­lio­nen in­ves­tier­ten sie im Jahr 2013 in Bit­co­in. Zu­letzt wur­de be­kannt, dass das Win­k­le­voss-In­vest­ment nun mehr als ei­ne Mil­li­ar­de US-Dol­lar wert ist, ei­ne Stei­ge­rung von rund 10 000 Pro­zent in vier Jah­ren. Pri­vat­an­le­ger soll­ten sich da­von nicht lo­cken las­sen: Spe­ku­la­tio­nen mit dem di­gi­ta­len Geld sind ris­kant. Zu den frü­hen Bit­co­in-Ein­stei­gern, von de­nen vie­le in­zwi­schen Mil­lio­nä­re sind, wird man oh­ne­hin nicht mehr ge­hö­ren. Wirk­lich ge­wal­tig ist der Reich­tum des Bit­co­in-Er­fin­ders. Sa­to­shi Na­ka­mo­to wer­den mehr als ei­ne Mil­li­on Bit­co­in zu­ge­rech­net. Der­zei­ti­ger Markt­wert: mehr als 17 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. An den Fi­nanz­märk­ten gibt es ei­ne spe­zi­el­le Form der Angst, die so ziem­lich je­der An­le­ger schon ein­mal ge­spürt hat. Es ist die Furcht, zu spät dran zu sein, da­bei zu­se­hen zu müs­sen, wie an­de­re das gro­ße Geld ma­chen mit ei­nem Trend, den man selbst ver­passt hat. Mo­men­tan lässt sich das wie­der ein­drück­lich be­ob­ach­ten: In der Hoff­nung auf schnel­le Ren­di­te stei­gen welt­weit Pri­vat­an­le­ger ein; die atem­be­rau­ben­den Wert­zu­wäch­se des Bit­co­in ha­ben eta­blier­te Fi­nanz­kon­zer­ne auf den Plan ge­ru­fen.

Vom kom­men­den Sonn­tag an wird der US-Bör­sen­be­trei­ber Cboe Glo­bal Mar­kets erst­mals so­ge­nann­te Fu­tures auf den Bit­co­in-Kurs an­bie­ten, Fi­nanz­pro­duk­te al­so, mit de­nen In­ves­to­ren auf den zu­künf­ti­gen Kurs­ver­lauf des Bit­co­in wet­ten kön­nen. In der Wo­che dar­auf folgt die welt­weit größ­te Wa­ren­ter­min­bör­se CME aus Chi­ca­go mit ei­nem ähn­li­chen An­ge­bot. Die­se bei­den An­kün­di­gun­gen ha­ben den Wert des vir­tu­el­len Gel­des in den ver­gan­ge­nen Ta­gen zu­sätz­lich nach oben ge­trie­ben. Al­len War­nun­gen vor ei­ner Spe­ku­la­ti­ons­bla­se zum Trotz kommt die Bit­co­in-Eu­pho­rie nun in der obers­ten Li­ga der Fi­nanz­in­dus­trie an.

Der prak­ti­sche Nut­zen der be­rühm­tes­ten Di­gi­tal­wäh­rung hält sich da­ge­gen in Gren­zen, so­wohl in ih­rer Funk­ti­on als Zah­lungs­mit­tel als auch hin­sicht­lich der zu­grun­de lie­gen­den Tech­no­lo­gie. „Als In­ves­ti­ti­ons­ve­hi­kel ist sie gut ge­eig­net“, sagt der Frank­fur­ter Un­ter­neh­mer Oli­ver Na­e­ge­le, Ge­schäfts­füh­rer der Fir­ma Block­chain He­lix, „für an­de­re Zwe­cke gibt es bes­se­re Block­chain-Al­ter­na­ti­ven.“Es hat zum Bei­spiel kei­nen Sinn mehr, mit Bit­co­in ei­nen Kaf­fee zu be­zah­len, weil die Über­wei­sung in­zwi­schen teu­rer ist als der Kaf­fee.

Die neue Tech­no­lo­gie kann hoch­sen­si­ble Da­ten fäl­schungs­si­cher spei­chern

Mitt­ler­wei­le gibt es mehr als 1300 Kryp­towäh­run­gen. Und von de­nen kann ei­ne gan­ze Rei­he mehr, als nur In­ves­ti­tio­nen zu er­mög­li­chen. Hin­ter den Ku­lis­sen be­schäf­ti­gen sich eta­blier­te Tech­nik­kon­zer­ne, Ban­ken und Bör­sen­be­trei­ber längst selbst mit den Mög­lich­kei­ten der Block­chain-Tech­no­lo­gie (sie­he ne­ben­ste­hen­den Text). Ein Bei­spiel un­ter vie­len ist die Bit­co­in-Al­ter­na­ti­ve Et­he­re­um. Die Tech­no­lo­gie, die da­für ge­nutzt wird, ist viel­fäl­ti­ger ein­setz­bar und schnel­ler als die der Bit­co­in. Vor we­ni­gen Mo­na­ten ha­ben sich 30 Fir­men wie Mi­cro­soft und die Bank JP Mor­gan Cha­se zu­sam­men­ge­schlos­sen, um Et­he­re­um für den Auf­bau ei­ner ei­ge­nen „Bu­si­ness-Block­chain“zu nut­zen, über die sie Ge­schäf­te ab­wi­ckeln wol­len. Markt­for­scher er­war­ten, dass Ban­ken mit der Tech­no­lo­gie Mil­li­ar­den ein­spa­ren kön­nen: Zum Bei­spiel wür­den An­ge­stell­te, die bis­her Kre­dit­ver­trä­ge prü­fen, durch Com­pu­ter er­setzt.

Die Ein­satz­mög­lich­kei­ten sind na­he­zu un­be­grenzt. „Die Block­chain ist pro­gram­mier­tes Ver­trau­en“, sagt Na­e­ge­le. In Zu­kunft wer­de die Block­chain die Grund­la­ge des­sen dar­stel­len, wie Wer­te im In­ter­net ab­ge­bil­det wer­den. Die Ver­hei­ßung der Tech­no­lo­gie liegt al­so nicht nur dar­in, neue Arten von Geld zu er­zeu­gen. Son­dern hoch­sen­si­ble Din­ge fäl­schungs­si­cher zu spei­chern, die ein ho­hes Maß an Ver­trau­en vor­aus­set­zen. Das kön­nen Wäh­rungs­sys­te­me sein, aber auch per­sön­lichs­te Da­ten, es kön­nen Her­kunfts­nach­wei­se von Pro­duk­ten sein oder Grund­buch­ein­trä­ge und Ge­sund­heits­da­ten. So ge­se­hen ist der Bit­co­inBoom nur ein Zei­chen da­für, wel­che Re­vo­lu­ti­on sich mit der Kom­bi­na­ti­on aus Re­chen­leis­tung und Ver­schlüs­se­lungs­tech­nik ge­ra­de ab­spielt.

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