Der Not­aus­gang

Ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on hät­te vie­le Nach­tei­le. Trotz­dem wä­re sie jetzt die rich­ti­ge Lö­sung für Deutsch­land und Eu­ro­pa.

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Von Nor­bert Blüm

Ja, ich bin ge­gen ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on. Nach den Ge­set­zen der po­li­ti­schen Men­gen­leh­re zieht sie ei­ne klei­ne Op­po­si­ti­on nach sich, und das ist nicht gut für das de­mo­kra­ti­sche Kräf­te­spiel. Die Op­po­si­ti­on muss die kräf­ti­ge Al­ter­na­ti­ve zur Re­gie­rung bil­den. Sonst wer­den Re­gie­run­gen leicht über­mü­tig. In der jet­zi­gen Si­tua­ti­on wä­re zu­dem die AfD die stärks­te Op­po­si­ti­ons­par­tei mit al­len un­ge­schrie­be­nen Vor­tei­len, die da­zu­ge­hö­ren; sie wür­de in De­bat­ten den ers­ten Op­po­si­ti­ons­red­ner stel­len und den Vor­sitz des Haus­halts­aus­schus­ses über­neh­men.

Ich bin aber auch ge­gen Neu­wah­len. Wir ha­ben erst im Sep­tem­ber den neu­en Bun­des­tag ge­wählt. Der Sou­ve­rän, das Volk, hat ge­spro­chen. Al­le ha­ben die Par­tei ge­wählt, die ih­rer Mei­nung nach das Land re­gie­ren soll­te. Op­po­si­ti­on wählt man nicht. Ein paar Mo­na­te da­nach er­neut zur Stimm­ab­ga­be auf­zu­ru­fen, ist ei­ne Re­spekt­lo­sig­keit. Sie kommt der Un­ter­stel­lung gleich, die Wäh­ler wüss­ten nicht, was sie wol­len und müss­ten zur Stra­fe so lan­ge wäh­len, bis sie wis­sen, was die Par­tei­en wol­len, auf dass de­ren Wil­le zum Wil­len des Vol­kes wird.

Ich bin ge­gen ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung. Ei­ne sol­che ist we­der Fisch noch Fleisch. Die Op­po­si­ti­on, die dul­den soll, ist ei­ne Op­po­si­ti­on mit an­ge­zo­ge­ner Hand­brem­se. Dul­dung ist Zu­stim­mung oh­ne Mit­be­stim­mung. In ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung ist ein Schwar­zer-Pe­ter-Spiel ein­ge­baut. Die Re­gie­rung hat im­mer die Aus­re­de, dass sie am Schei­tern un­schul­dig ist. Ob ih­re ge­schei­ter­ten Vor­schlä­ge bes­ser wa­ren, muss sie nie be­wei­sen. Ei­ne Mehr­heits­re­gie­rung da­ge­gen ist im­mer für Er­folg oder Schei­tern ver­ant­wort­lich. Als Sym­bol ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung könn­te sich der Klin­gel­beu­tel an­bie­ten, mit dem Stim­men wie Al­mo­sen ge­sam­melt wer­den. Da­bei braucht man her­kömm­li­cher­wei­se gu­tes Zu­re­den, Dro­hun­gen und klei­ne Ge­schen­ke, je nach der Ge­müts­la­ge der Emp­fän­ger. Min­der­heits­re­gie­run­gen be­güns­ti­gen den Kuh­han­del.

Dass Min­der­heits­re­gie­run­gen die Macht des Par­la­men­tes stär­ken und da­durch die De­bat­ten leb­haf­ter wer­den, ist ein Mär­chen von Po­li­to­lo­gen. Das Feu­er der par­la­men­ta­ri­schen De­bat­ten wird we­ni­ger durch Mehr­heits­ver­hält­nis­se ent­facht, son­dern eher durch die Ge­gen­sät­ze, die Mehr­heit und Min­der­heit tren­nen. CDU/CSU und SPD auf der ei­nen Sei­te und AfD/FDP/Lin­ke auf der an­de­ren wür­de in Sa­chen Eu­ro­pa kla­re Kan­te be­deu­ten: Hie Be­für­wor­ter, dort fun­da­men­ta­lis­ti­sche Na­tio­na­lis­ten und li­be­ra­le Zö­ge­rer, ne­ben­her die Lin­ken, die zwi­schen In­ter­na­tio­na­le und Pro­vinz hin und her wu­seln. So kä­me wie­der Lei­den­schaft ins Par­la­ment. Ent­schei­dun­gen, die un­ter Min­der­heits­re­gie­run­gen zu­stan­de kom­men, sind sel­ten stra­te­gisch, son­dern bes­ten­falls ei­ne Art von Ka­ta­stro­phen­schutz, wenn den Be­tei­lig­ten das Was­ser bis zum Hal­se steht.

Min­der­heits­re­gie­run­gen sind gut für den All­tag, nicht aber für stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen

Für All­tags­ge­schäf­te ist die Min­der­heits­re­gie­rung ein sanf­tes Ru­he­kis­sen. Klappt et­was, war es ein Er­folg der Re­gie­rung, geht et­was schief, war die Op­po­si­ti­on schuld. Min­der­heits­re­gie­run­gen sind Ge­sell­schaf­ten mit be­schränk­ter Haf­tung. Für die SPD er­gä­be sich jetzt noch die pi­kan­te Kon­stel­la­ti­on, dass sie sich ih­re Dul­dungs­auf­ga­be mit der Lin­ken und der AfD tei­len müss­te. Pre­kär wür­de es, wenn die AfD das Züng­lein an der Waa­ge wird oder die SPD sich gar zwi­schen den bei­den an­de­ren Dul­dungs-Kon­kur­ren­ten, Lin­ke und AfD, ent­schei­den muss. In die­sem Fall wird die SPD nicht das Züng­lein an der Waa­ge, son­dern der ge­jag­te Ha­se aus dem Mär­chen, der mit dem Igel ei­nen Wett­lauf ver­an­stal­tet. An wel­chem Fur­che­n­en­de die SPD auch an­kommt: Ei­ner von bei­den, AfD oder Lin­ke, wird schrei­en: „Ich bin schon hier“. Hin- und her­ge­hetzt wird der SPD, wie in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern, wo Ver­gleich­ba­res ge­schah, schließ­lich die Luft aus­ge­hen. Für den ge­plan­ten Langstre­cken­lauf zur Er­neue­rung der Par­tei reicht es dann nicht mehr.

Ich selbst bli­cke auf zwei Jah­re Er­fah­rung als Mit­glied ei­ner Min­der­heits­se­nats in West­ber­lin un­ter Richard von Weiz­sä­cker (1981 und 1982) zu­rück. Rück­bli­ckend war es die be­quems­te Re­gie­rungs­zeit, die ich er­lebt ha­be. Für al­les, was nicht ans Ziel kam, wa­ren die zu­stän­dig, die uns nicht dul­de­ten, son­dern blo­ckier­ten. Für das Dul­den wur­den die Dul­der nicht be­lohnt. Die Dul­der sind im Schwitz­kas­ten, nicht die Ge­dul­de­ten. Das sah da­mals in Ber­lin die dul­den­de FDP nach zwei Jah­ren Lehr­zeit als Dul­der ein und nahm Zuflucht un­ter das Dach ei­ner Ko­ali­ti­on, der sie da­mit zur Mehr­heit und sich zu Ein­fluss ver­half.

Was al­so tun? Po­li­to­lo­gen kön­nen end­los dis­ku­tie­ren. Po­li­ti­ker müs­sen han­deln. Die Welt bleibt nicht ste­hen, weil wir rat­los sind. Wir müs­sen han­deln – auch un­ter Be­din­gun­gen, die wir nicht wol­len. Po­li­tik ist oft die Wahl des ge­rings­ten Übels. Es geht um Gü­ter­ab­wä­gung. Glück hat der, der Grün­de und Ge­gen­grün­de rich­tig ab­zählt.

Ich wäh­le die gro­ße Ko­ali­ti­on als Not­aus­gang aus ei­ner ver­zwick­ten La­ge. Al­le Zei­chen spre­chen da­für, dass wir an ei­nem Epo­chen-En­de ste­hen. Ein neu­es Ka­pi­tel wird auf­ge­schla­gen. Ame­ri­ca first si­gna­li­siert den Ab­schied von dem, was man ein­mal „west­li­che Ge­mein­schaft“nann­te, und ei­ne ver­spä­te­te Zu­ckung des un­heil­vol­len Na­tio­na­lis­mus aus dem 19. Jahr­hun­dert, von dem wir uns eman­zi­piert hat­ten – so glaub­ten wir je­den­falls. Die Welt wird neu sor­tiert. Eu­ro­pa wird ver­schwin­den oder mit­spie­len.

Nie­mand war­tet, bis Eu­ro­pa zu ei­ner neu­en Selbst­ver­stän­di­gung ge­kom­men ist. Die Fra­ge ent­schei­det sich nicht an Steu­er­sät­zen oder an an­de­ren her­kömm­li­chen Streit­the­men, in die wir uns ein­ge­ar­bei­tet ha­ben. Für de­ren Be­wäl­ti­gung reicht mög­li­cher­wei­se die Kraft ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung. Für die eu­ro­päi­sche Epo­chen-Wen­de je­doch sind Re­gie­run­gen von­nö­ten, die ge­ge­be­nen­falls auch mo­di­schen Stim­mun­gen und po­pu­lis­ti­schen Ver­füh­run­gen stand­hal­ten kön­nen. Ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung mit dem Klin­gel­beu­tel des Stim­men­samm­lers, der je­dem Que­ru­lan­ten ei­nen Ge­fal­len tun muss, ist mehr mit sich und ih­rem Über­le­ben be­schäf­tigt als mit den Her­aus­for­de­run­gen der Zeit. „Dul­dung“mit ei­ner Hand-in-den-Mun­dPo­li­tik reicht nicht zur Be­wäl­ti­gung der Epo­chen­auf­ga­be, die sich jetzt (und nicht spä­ter) stellt.

So hat die Ver­le­gen­heit, in die uns das Schei­tern der Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on ge­bracht hat, doch noch ei­ne gu­te Sei­te. Mit der neu­en FDP wä­re wahr­schein­lich kei­ne mu­ti­ge Eu­ro­pa-Po­li­tik zu ma­chen ge­we­sen. In der gro­ßen Ko­ali­ti­on wä­re die SPD Mit­be­stim­mer. Bei ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung blie­be ihr nur, gu­te Mie­ne zu bö­sem oder bö­se Mie­ne zu gutem Spiel zu ma­chen. Ne­ben­säch­lich­kei­ten tre­ten zu­rück. Eu­ro­pa ist die Haupt­sa­che. Da­für brau­chen wir, zur Not, die gro­ße Ko­ali­ti­on.

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