Im Jahr der Schild­krö­te

Mar­tin Schulz ist von sich nicht be­geis­tert, und die So­zi­al­de­mo­kra­ten sind von ihm nicht be­geis­tert. Nur: Ei­nen bes­se­ren Chef gibt’s ge­ra­de nicht

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DIE SEITE DREI - Von chris­toph hick­mann

Ganz am An­fang steht die Beich­te. So ist das je­den­falls in der ka­tho­li­schen Kir­che, und weil die So­zi­al­de­mo­kra­tie letzt­lich auch ei­ne gro­ße Ge­mein­schaft der Gläu­bi­gen ist, steht nun der Rhein­län­der Mar­tin Schulz am Red­ner­pult und be­kennt erst ein­mal sei­ne Schuld.

Er ha­be, so be­ginnt er, schon man­ches Auf und Ab er­lebt in sei­nem Le­ben. Aber ein Jahr wie die­ses kön­ne man nicht ein­fach ab­schüt­teln. Er wis­se, wie ent­täuscht, wie wü­tend vie­le Men­schen sei­en, die Hoff­nung in ihn und die SPD ge­setzt hät­ten. Schulz at­met durch, kurz über­legt man, ob jetzt Trä­nen flie­ßen, dann ist der Mo­ment vor­bei. Schulz sagt: „Ich tra­ge als Kanz­ler­kan­di­dat die Ver­ant­wor­tung für die­ses Wah­l­er­geb­nis.“Des­halb bit­te er um Ent­schul­di­gung, „für mei­nen An­teil an die­ser bit­te­ren Nie­der­la­ge“. Er kön­ne, sagt Schulz, die Uhr nicht zu­rück­dre­hen. „Aber ich kann mei­nen An­teil da­für leis­ten, dass wir es bes­ser ma­chen.“Ap­plaus, al­so: Ab­so­lu­ti­on er­teilt. Zu­min­dest vor­erst.

Und da­mit kann es los­ge­hen. Denn das hier war noch der leich­tes­te Part des Ta­ges.

Don­ners­tag­nach­mit­tag, Bun­des­par­tei­tag der SPD auf dem Ber­li­ner Mes­se­ge­län­de, ge­nau­er: in ei­nem Ge­bäu­de na­mens Ci­ty­Cu­be. Der oder das Ci­ty­Cu­be sieht ein biss­chen so aus, wie die SPD gern wä­re, ir­gend­wie mo­dern, luf­tig, trans­pa­rent. Das Ein­zi­ge, was die­ses Bau­werk tat­säch­lich mit der SPD ge­mein­sam hat, ist al­ler­dings die Tat­sa­che, dass es ein biss­chen ab vom Schuss liegt, al­so in ei­ner Ge­gend, in die sich ga­ran­tiert kei­ne Men­schen ver­ir­ren, die da nicht un­be­dingt hin­müs­sen.

Hier geht es jetzt al­so um die Zu­kunft der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie. Und um die von Mar­tin Schulz. Bei­des hängt nicht not­wen­di­ger­wei­se zu­sam­men, wird an die­sem Tag al­ler­dings nicht im­mer sau­ber von­ein­an­der zu tren­nen sein. Und das ist durch­aus so be­ab­sich­tigt, vor al­lem von Schulz selbst.

Zur Er­in­ne­rung: Schulz, das ist der Mann, den die SPD im März, vor nicht ein­mal neun Mo­na­ten, mit 100 Pro­zent zu ih­rem Vor­sit­zen­den ge­wählt hat, der dann aber als Kanz­ler­kan­di­dat bei 20,5 Pro­zent lan­de­te. Par­tei­chef durf­te er da­nach trotz­dem blei­ben, weil er sei­nen re­gie­rungs­mü­den Ge­nos­sen noch am Wahl­abend gab, wo­nach sie sich sehn­ten: Er ver­sprach un­ter Ju­bel, Ap­plaus und Ge­joh­le, die SPD in die Op­po­si­ti­on zu füh­ren. Kei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on, nicht mit ihm. Und jetzt steht Schulz hier im Ci­ty­Cu­be und muss den De­le­gier­ten er­klä­ren, war­um man wo­mög­lich doch wie­der mit der Uni­on re­gie­ren muss. Gro­ße Ko­ali­ti­on, die nächs­te.

Wo­bei er das so na­tür­lich nicht sa­gen kann. Zu be­haup­ten, dass die gro­ße Ko­ali­ti­on in der SPD um­strit­ten ist, wä­re ei­ne in et­wa so fahr­läs­si­ge Un­ter­trei­bung wie die Be­haup­tung, Zäh­ne­put­zen und Le­ber­tran wä­ren un­ter Ki­ta-Kin­dern um­strit­ten. Die gro­ße Ko­ali­ti­on ist in der SPD ge­fürch­tet, un­be­liebt und in wei­ten Tei­len re­gel­recht ver­hasst. Das gilt auch für ein­zel­ne Leu­te in der Par­tei­spit­ze, wes­halb an­de­re, die ei­gent­lich am liebs­ten gleich am Ka­bi­netts­tisch Platz neh­men wür­den, die­ser Ta­ge im­mer wie­der her­un­ter­be­ten müs­sen, dass es sich, wenn man in der nächs­ten Wo­che mit der Uni­on spre­che, um „er­geb­nis­of­fe­ne“Ge­sprä­che han­de­le. Das soll hei­ßen, dass am En­de eben auch ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung oder, im Ex­trem­fall, die Neu­wahl ste­hen könn­te. Auch Schulz hat das vor die­sem Par­tei­tag im­mer wie­der be­tont – ob­wohl er, wenn nicht al­les täuscht, all­mäh­lich so­gar Ge­fal­len an dem Ge­dan­ken ge­fun­den hat, am En­de doch mit­zu­re­gie­ren. Al­so wo­mög­lich Mi­nis­ter zu wer­den.

Das ist der schma­le Grat, auf dem er jetzt in sei­ner Re­de wan­deln muss: die Not­wen­dig­keit ei­ner gro­ßen Ko­ali­ti­on zu be­grün­den, oh­ne für ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on zu plä­die­ren. Je­den­falls nicht all­zu of­fen.

Schulz ist of­fen­bar sehr be­wusst, wie schmal die­ser Grat ist. Das merkt man dar­an, dass er erst mal ziem­lich weit aus­holt, bei der Grün­dungs­ge­schich­te der So­zi­al­de­mo­kra­tie be­ginnt, über die an­ste­hen­de Er­neue­rung re­det und da­bei auch vor Ba­na­li­tä­ten nicht zu­rück­schreckt, die je­der Ge­nos­se nach dem zwei­ten Be­such in der Ju­so-Orts­grup­pe ver­in­ner­licht hat: Man müs­se, sagt Schulz, „das re­spekt­vol­le Strei­ten“wie­der ler­nen. Erst nach 23 Mi­nu­ten sagt er: „Wir müs­sen wie­der ge­stal­ten wol­len.“

Aber auch jetzt folgt nicht der gro­ße Ap­pell, doch bit­te aus der Op­po­si­ti­ons­ecke her­aus­zu­kom­men und sich ans Werk zu ma­chen. Statt­des­sen zi­tiert Schulz das Go­des­ber­ger Pro­gramm, wo­nach sich im de­mo­kra­ti­schen Staat „je­de Macht öf­fent­li­cher Kon­trol­le fü­gen“müs­se – um dann die Rea­li­tät da­ge­gen zu schnei­den, die nun ein­mal aus der Über­macht von App­le und der Spe­ku­la­ti­on mit Nah­rungs­mit­teln be­ste­he. „Ein Sys­tem, das sol­che Aus­wüch­se zu­lässt, muss ver­än­dert wer­den.“Ap­plaus.

Schulz ver­sucht sich hier an ei­nem grö­ße­ren Bo­gen. Statt mit der Tür ins Haus zu fal­len, malt er ein ziem­lich düs­te­res Panorama der na­tio­na­len, eu­ro­päi­schen, ach was, der glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen. Da kann ei­nem schon ein we­nig an­ders wer­den – schließ­lich gilt es Schulz zu­fol­ge, grob zu­sam­men­ge­fasst, den Kli­ma­wan­del ein­zu­he­gen, Goog­le und Face­book zu bän­di­gen, Steu­er­flucht und Ter­ro­ris­ten zu be­kämp­fen, so­wie auch noch die Sa­che mit den Flücht­lin­gen zu lö­sen. Das al­les aber kön­ne man gar nicht mehr im Bun­des­tag durch­set­zen, da­für brau­che man Eu­ro­pa, ge­nau­er: „Das so­zia­le Eu­ro­pa, das de­mo­kra­ti­sche Eu­ro­pa!“Schulz ruft: „Wir brau­chen das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Eu­ro­pa!“

Und wie schafft man das nun, ein so­zi­al­de­mo­kra­ti­sches Eu­ro­pa? Wohl nur, in­dem die SPD auch mit­be­stimmt. Al­so: mit­re­giert. Al­les klar?

Die Welt ist schlecht, al­so wer­den wir ge­braucht – so geht die Ar­gu­men­ta­ti­on. Weil aber, wie ge­sagt, die gro­ße Ko­ali­ti­on in die­ser

Er spricht über vie­les. Aber auf das The­ma, das al­le auf­regt, kön­nen sie lan­ge war­ten

Par­tei­tags­hal­le eher un­be­liebt ist, legt Schulz jetzt noch ein biss­chen was drauf – schließ­lich wird die SPD nicht nur in Eu­ro­pa und der Welt ge­braucht, son­dern na­tür­lich auch hier, im Land: be­fris­te­te Stel­len, Leih­ar­beit, Flucht aus Ta­rif­ver­trä­gen. Muss al­les bes­ser wer­den.

Nach der Re­de klat­schen sie lan­ge, sehr lan­ge. Aber dar­an lässt sich erst ein­mal nichts ab­le­sen

Zwei Pro­ble­me zei­gen sich hier. Zum ei­nen mö­gen all die Din­ge, die Schulz vor­trägt, rich­tig und wich­tig und eh­ren­wert sein. Sie sind aber, von der „Ab­schaf­fung der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung“über das „Rück­kehr­recht von Teil­zeit in Voll­zeit“bis zur „Ab­schaf­fung des Ko­ope­ra­ti­ons­ver­bots“ent­we­der ziem­lich klein­tei­lig – oder sie klin­gen, wie die „Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa“, zu vi­sio­när, um mal eben die Skep­sis ge­gen­über der gro­ßen Ko­ali­ti­on in Be­geis­te­rung zu ver­wan­deln.

Vor vier Jah­ren, als die SPD auch schon kei­ne Lust auf ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on hat­te, da konn­te der da­ma­li­ge Vor­sit­zen­de Sig­mar Ga­b­ri­el stolz den Min­dest­lohn prä­sen­tie­ren, die Ren­te mit 63 – Din­ge al­so, die je­der Ge­nos­se ver­stand. Sol­che Her­zens­an­lie­gen feh­len bei Schulz bis­lang.

Das zwei­te Pro­blem be­trifft sei­nen Auf­tritt. Nach ei­ner gu­ten hal­ben St­un­de sei­ner Re­de stellt sich ein ers­ter leich­ter Kopf­schmerz ein. Das liegt we­ni­ger an dem, was er sagt, son­dern vor al­lem an der Ton­la­ge. Frü­her, da konn­te Schulz in sei­nen Re­den mo­du­lie­ren, da sprach er mal laut und be­geis­ternd, mal lei­se und nach­denk­lich – und vor al­lem im­mer wie­der wit­zig, selbst­iro­nisch. Das ist kom­plett weg, nun ist al­les sehr ernst, sehr laut und ge­presst. Nicht ein­mal die Kanz­le­rin be­kommt ein paar Sei­ten­hie­be oder Ka­lau­er ab – ob­wohl das die einfachsten Punk­te sind, die man auf ei­nem SPD-Par­tei­tag ma­chen kann. Es wirkt ein we­nig, als hät­te man ei­nen En­ter­tai­ner wie Tho­mas Gott­schalk ins Kor­sett des „Heu­te Jour­nals“ge­presst. Wie aber soll ein Vor­sit­zen­der, der nicht von sich selbst und sei­ner Rol­le über­zeugt ist, sei­ne wi­der­stre­ben­de Par­tei über­zeu­gen?

Schulz ist nicht ganz Schulz, das zeigt sich end­gül­tig an der Pas­sa­ge mit der Schild­krö­te. Da er­zählt er von ei­nem Er­leb­nis im Wahl­kampf, das ihn „be­son­ders auf­ge­wühlt“ha­be: Im Ozea­ne­um in Stral­sund ha­be man ihm ei­ne al­te Schild­krö­te ge­zeigt, „ein ma­jes­tä­ti­sches We­sen, das mich in sei­ner Ru­he und in sei­ner Kraft be­ein­druckt hat“. Man ha­be ihm dort, im Ozea­ne­um, aber auch er­klärt, dass die Welt­mee­re vol­ler Plas­tik sei­en, und dass die Mee­res­tie­re die­ses Plas­tik frä­ßen, wes­halb sie dann kei­nen Hun­ger mehr hät­ten und, den Ma­gen vol­ler Plas­tik, kläg­lich ver­en­de­ten.

Man fühlt sich spon­tan an Ka­trin Gö­ring-Eckardt von den Grü­nen er­in­nert, die neu­lich die Bie­nen, Vö­gel und Schmet­ter­lin­ge des Lan­des ih­rer Un­ter­stüt­zung ver­si­chert hat. Bei Schulz fällt das nicht ganz so psy­che­de­lisch aus, er sagt: „Wir ha­ben ei­ne Ver­ant­wor­tung in die­ser Welt, und ich möch­te, dass wir die­se Ver­ant­wor­tung ernst neh­men.“Trotz­dem denkt man kurz, man ha­be sich auf den fal­schen Par­tei­tag ver­irrt. An­de­rer­seits gibt es an die­ser Stel­le den vor­erst kräf­tigs­ten Ap­plaus. Viel­leicht hat sich al­so nicht nur der Vor­sit­zen­de ver­än­dert, son­dern auch sei­ne Par­tei.

Erst nach deut­lich mehr als ei­ner St­un­de nimmt Schulz das bö­se Wort dann doch end­lich mal in den Mund. Es ge­he doch nicht um die Fra­ge „GroKo oder nicht GroKo“oder Min­der­heits­re­gie­rung oder wel­ches Kon­strukt auch im­mer. Statt­des­sen sei die Fra­ge: „Wie wer­den wir un­se­rer Ver­ant­wor­tung auch der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on ge­gen­über ge­recht?“Und: „Wie set­zen wir das durch?“In wel­cher Form, das müs­se nun aus­ge­lo­tet wer­den. „Da­für wol­len wir er­geb­nis­of­fen re­den und schau­en, zu wel­chen in­halt­li­chen Lö­sun­gen wir kom­men kön­nen.“Denn auf den In­halt kom­me es an. „Wir müs­sen nicht um je­den Preis re­gie­ren. Wir dür­fen aber auch nicht um je­den Preis nicht re­gie­ren wol­len. Ent­schei­dend ist, was wir durch­set­zen kön­nen.“

Es ge­be „kei­nen Au­to­ma­tis­mus in ir­gend­ei­ne Rich­tung“. Das sagt er zwei­mal. Er weiß, dass es die­sen Ver­dacht gibt, dass das Miss­trau­en groß ist. Er wird das spä­ter in der De­bat­te noch zu hö­ren be­kom­men. Al­so fügt er jetzt noch hin­zu: „Für die­ses Vor­ge­hen ge­be ich euch mei­ne Ga­ran­tie.“

Er sagt aber auch: Dem Land ge­he es schlecht, wenn die SPD ih­re Zie­le nicht durch­set­ze. „Ei­ne star­ke Par­tei, ei­ne star­ke SPD ist not­wen­dig, um Deutsch­land stark zu ma­chen. Und ein star­kes Deutsch­land, um Eu­ro­pa stark zu ma­chen.“Und das ist dann na­tür­lich, er­geb­nis­of­fen hin oder her, doch ein ziem­lich ein­deu­ti­ges Plä­doy­er da­für, wie­der mit­zu­re­gie­ren.

Schließ­lich sagt Schulz: „Wir tra­gen al­le gro­ße Ver­ant­wor­tung.“Er selbst sei sich die­ser Ver­ant­wor­tung be­wusst. „Und ich weiß, ihr seid das auch.“En­de der Re­de.

Es folgt das üb­li­che Ri­tu­al. So si­cher, wie im Fuß­ball­sta­di­on ge­sun­gen wird, so si­cher wird auf SPD-Par­tei­ta­gen nach der Re­de des Vor­sit­zen­den kräf­tigst ap­plau­diert, gern mi­nu­ten­lang. Am Ap­plaus lässt sich des­halb noch gar nichts ab­le­sen. Trotz­dem wird ei­nem nach die­ser nicht un­be­dingt be­geis­tern­den, stel­len­wei­se flos­kel­haf­ten, manch­mal fla­chen Re­de noch ein­mal klar, wie wich­tig die Rol­le von Schulz der­zeit für die SPD ist. Trotz al­ler Feh­ler, die er sich in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ge­leis­tet hat, trotz al­ler Schwä­chen und Schwan­kun­gen. Trotz der 180-Grad-Wen­de, die er in Sa­chen Re­gie­rung oder Op­po­si­ti­on hin­ge­legt hat. Und ob­wohl er sich sei­ner Sa­che selbst nicht wirk­lich si­cher zu sein scheint.

Um das zu ver­ste­hen, muss man sich kurz vor­stel­len, die­se Re­de hier hät­te je­mand an­de­res ge­hal­ten. Ham­burgs Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz zum Bei­spiel, der bei den Ge­nos­sen un­ge­fähr so be­liebt ist, wie Klas­sen­stre­ber eben be­liebt sind: So­lan­ge sie ei­nen ab­schrei­ben las­sen, geht’s. Oder Andrea Nah­les, die jetzt zwar an der Spit­ze der Bun­des­tags­frak­ti­on steht, für vie­le hier aber mut­maß­lich im­mer die bö­se Lin­ke blei­ben wird, die einst den Par­tei­vor­sit­zen­den Franz Mün­te­fe­ring ge­stürzt hat – was man auch dar­an ab­le­sen kann, dass Nah­les zwar spä­ter in der Aus­spra­che die kla­re­re, bes­se­re Re­de hält als Schulz, da­für aber nicht mehr als ei­nen kur­zen Höf­lich­keits­ap­plaus er­hält. Oder Sig­mar Ga­b­ri­el: Sie al­le hät­ten es hier in die­sem Saal deut­lich schwe­rer als Schulz.

Weil er eben trotz al­lem noch der Mar­tin ist, den sie ins Herz ge­schlos­sen ha­ben und nicht ein­fach fal­len las­sen wol­len – weil sie dann ja auch zu­ge­ben müss­ten, sich da­mals, als sie ihn mit 100 Pro­zent wähl­ten, wo­mög­lich ge­irrt zu ha­ben. Wenn al­so über­haupt je­mand durch­set­zen kann, was es durch­zu­set­zen gilt, dann ist es pa­ra­do­xer­wei­se Schulz. Des­halb will die Par­tei­tags­re­gie am En­de auch erst über je­nen An­trag ab­stim­men las­sen, mit dem sich die Par­tei­spit­ze das Man­dat für Ge­sprä­che mit der Uni­on ho­len will – und dann den Vor­sit­zen­den wäh­len. Da­mit ist Schulz’ Zu­kunft end­gül­tig an die­sen An­trag ge­knüpft.

Ob das auf­geht? Das wird auch in der Aus­spra­che erst ein­mal nicht klar. Zu­min­dest aber ver­läuft sie deut­lich an­ders als vor zwei Jah­ren. Da­mals hielt die SPD in ge­nau die­ser Hal­le schon ein­mal ei­nen Par­tei­tag ab, der Vor­sit­zen­de hieß noch Ga­b­ri­el – und ob­wohl es um weit we­ni­ger ging als dies­mal, flo­gen al­lein des­halb die Fet­zen. Dies­mal ver­läuft die Aus­spra­che so ge­sit­tet und vor­bild­lich wie im De­bat­tier­klub. Wo­bei die SPD nicht die SPD wä­re, wenn nicht so ziem­lich je­der Red­ner erst mal dar­auf hin­wei­sen wür­de, wie stolz man doch auf die­se Form der De­bat­te sein kön­ne.

Selbst die Ju­sos, so­zu­sa­gen der Stoß­trupp ge­gen die gro­ße Ko­ali­ti­on, tra­gen oh­ne gro­ße Po­le­mik ih­re Ar­gu­men­te vor. Ihr ers­ter Red­ner sagt, man ha­be sich auch des­halb im Wahl­kampf rein­ge­hängt, „weil wir vier wei­te­re Jah­re mit die­ser Bun­des­kanz­le­rin nicht mehr er­tra­gen woll­ten“. Der Ju­so-Vor­sit­zen­de Ke­vin Küh­nert ruft spä­ter, er sei nicht in die SPD ein­ge­tre­ten, „um sie im­mer wie­der ge­gen die glei­che Wand ren­nen zu se­hen“. Sei­ne Ge­ne­ra­ti­on ha­be ein In­ter­es­se, „dass hier noch was üb­rig bleibt von die­sem La­den, ver­dammt noch mal!“

An­sons­ten über­wie­gen die Red­ner, die für er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on plä­die­ren. Und nur dar­um geht es ja hier für Schulz: dass er das Man­dat be­kommt, erst mal wei­ter­zu­re­den.

Aber nicht ein­mal das ist an die­sem Tag ein Selbst­läu­fer, nicht ein­mal für Schulz. Das wird spä­tes­tens klar, als ge­gen 16 Uhr ein jun­ger De­le­gier­ter ans Red­ner­pult tritt und Schulz fron­tal an­greift: Als er Kan­di­dat ge­wor­den sei, ha­be er ver­spro­chen, die Agen­da 2010 zu kor­ri­gie­ren – „und du bist ein­ge­bro­chen!“Nach der Wahl ha­be Schulz dann ver­spro­chen, nicht in die gro­ße Ko­ali­ti­on zu ge­hen. „Und du bist wie­der ein­ge­bro­chen!“Wer sol­le denn hier noch ir­gend­et­was glau­ben? Und da ste­hen noch ein paar St­un­den De­bat­te an.

Als ein jun­ger De­le­gier­ter ans

Pult tritt, wird klar, dass es für Schulz doch kein Selbst­läu­fer wird

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Andrea Nah­les ist für vie­le im­mer noch die bö­se Lin­ke, die mal ei­nen Par­tei­vor­sit­zen­den ge­stürzt hat. Mit Mar­tin

Schulz geht sie be­hut­sa­mer um.

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