Par­tei der schlech­ten Lau­ne

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von det­lef ess­lin­ger

Was ist das Drin­gends­te, wor­auf die SPD nun Wert le­gen soll­te? Was soll sie tun, nach­dem ihr Wah­l­er­geb­nis nä­her an der Fünf-Pro­zen­tHür­de liegt als an je­nen 40,9 Pro­zent, mit de­nen 1998 zum bis­lang letz­ten Mal ihr Kanz­ler­kan­di­dat tat­säch­lich das Kanz­ler­amt er­ober­te? Soll sie sich trotz­dem er­neut in ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on be­ge­ben? Soll sie das Ex­pe­ri­ment wa­gen, ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung der Uni­on zu to­le­rie­ren? Oder soll sie dem Bun­des­prä­si­den­ten die Zu­mu­tung auf­er­le­gen, Neu­wah­len zu er­mög­li­chen? Das sind die drei prak­ti­schen Al­ter­na­ti­ven, zwi­schen de­nen die SPD ab­wä­gen muss. Ver­ständ­li­cher­wei­se ist die Par­tei mitt­ler­wei­le von Angst ge­prägt. Vie­le Mit­glie­der treibt die Furcht um: Egal, was sie tun – sie wer­den das nächs­te Mal ja doch wie­der nur ab­ge­straft von den Wäh­lern.

Die­se Angst ist be­rech­tigt; al­ler­dings aus ganz an­de­ren Grün­den als de­nen, die auch auf dem Par­tei­tag in Ber­lin wie­der all­zu oft ge­nannt wer­den. In­dem De­le­gier­te Ge­sprä­che mit der Uni­on schon des­halb ab­leh­nen, weil mit ihr „kei­ne so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Bil­dungs­po­li­tik“zu ma­chen sei, oder weil sie mut­ma­ßen, dass auch am En­de der nächs­ten gro­ßen Ko­ali­ti­on die Groß­ak­tio­nä­rin von BMW wei­ter­hin nur 25 Pro­zent Ab­gel­tungs­teu­er zahlt, der Schicht­ar­bei­ter je­doch 37 Pro­zent Ein­kom­men­steu­er – in­dem sie so ar­gu­men­tie­ren, brin­gen sie schon die Saat für das nächs­te Wahl­de­sas­ter aus.

Das Pro­blem ist nicht, was die SPD tut – son­dern wie sie es tut

Das Grund­pro­blem der SPD be­steht nicht dar­in, was sie tut, son­dern wie sie es tut. Es ist das ewi­ge Ha­dern mit sich selbst, die ewi­ge schlech­te Lau­ne, die un­zer­stör­ba­re Lie­be zur rei­nen Leh­re und der Irr­glau­be, es sei grund­sätz­lich er­stre­bens­wer­ter, null Pro­zent in der Op­po­si­ti­on zu er­rei­chen als 70 Pro­zent in der Re­gie­rung.

Seit 2013 gab es in Deutsch­land ei­ne so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Re­gie­rung un­ter Mo­de­ra­ti­on ei­ner christ­de­mo­kra­ti­schen Kanz­le­rin. Al­ler­dings hat es die SPD ge­schafft, dass im Wahl­kampf al­le nur über die der Uni­on zu ver­dan­ken­den Män­gel bei Min­dest­lohn und Miet­preis­brem­se dis­ku­tier­ten, aber kei­ner dar­über, dass es die­se In­stru­men­te nun im­mer­hin gibt; nach jah­re­lan­gem Druck der SPD. Gu­tes tun und schlecht dar­über re­den, nie­mand kann dies so treff­lich wie die So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Lud­wig Stieg­ler, ihr frü­he­rer Frak­ti­ons­chef im Bun­des­tag, hat das am Don­ners­tag auf den Punkt ge­bracht. Er frag­te, wie ei­gent­lich Wahl­kampf­hel­fer und mög­li­che Wäh­ler „den Hin­tern hoch­krie­gen“sol­len, wenn sie im­mer nur zu hö­ren be­kä­men, was die Par­tei lei­der al­les nicht er­reicht ha­be. In der Tat, man wird mit der Uni­on, zum Bei­spiel, kei­ne so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Steu­er­po­li­tik ma­chen kön­nen – um­ge­kehrt wird man mit der SPD auch kei­ne christ­so­zia­le Flücht­lings­po­li­tik eta­blie­ren kön­nen. Wer je­doch in vier Jah­ren vor al­lem be­jam­mern will, dass die BMW-Er­bin im­mer noch kei­ne Ein­kom­men­steu­er zahlt, der soll­te in der Tat an ei­ne neue Ko­ali­ti­on nicht ein­mal den­ken.

Es ist ja nun im­mer von der drin­gen­den „Er­neue­rung der SPD“die Re­de. Aber wie er­neu­ert man Men­ta­li­tät?

sz-zeich­nung: burk­hard mohr

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