Über Nacht un­ter Zug­zwang

Die ara­bi­schen Län­der müs­sen jetzt auf Trump re­agie­ren

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Paul-an­ton krü­ger

Kai­ro – Do­nald Trumps Ent­schei­dung, Je­ru­sa­lem als Haupt­stadt Is­ra­els an­zu­er­ken­nen, bringt die po­li­ti­schen Füh­rer der ara­bi­schen Welt in Zug­zwang. Am schwie­rigs­ten ist die La­ge wohl für Jor­da­ni­ens Kö­nig Ab­dul­lah; er war nach Wa­shing­ton ge­reist, um Trump von sei­nem Vor­ha­ben ab­zu­brin­gen. Nun warn­te er er­neut vor den Fol­gen für die Re­gi­on. Das ha­sche­mi­ti­sche Kö­nigs­haus fun­giert als Hü­ter der hei­li­gen Stät­ten am Ha­ram al-Scha­rif, dem Je­ru­sa­le­mer Tem­pel­berg – im Frie­dens­ver­trag mit Is­ra­el ist dies ex­pli­zit an­er­kannt. Über­dies le­ben in Jor­da­ni­en et­wa drei Mil­lio­nen Men­schen mit pa­läs­ti­nen­si­schen Wur­zeln, knapp ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung. In Am­man kam es zu Pro­tes­ten. Für den Kö­nig kann sich die Je­ru­sa­lem-Fra­ge zur exis­ten­zi­el­len Le­gi­ti­mi­täts­kri­se ent­wi­ckeln.

Jor­da­ni­en hat mit den Pa­läs­ti­nen­sern ei­ne Dring­lich­keits­sit­zung der Ara­bi­schen Li­ga in Kai­ro ein­be­ru­fen. Ab­dul­lah traf den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­doğan zum Kri­sen­gip­fel, der ein Tref­fen der Or­ga­ni­sa­ti­on für Is­la­mi­sche Zu­sam­men­ar­beit ver­an­las­sen wird. Zu­sam­men wol­len sie die ara­bisch-is­la­mi­sche Ant­wort auf Trump ko­or­di­nie­ren.

Der US-Prä­si­dent sprach nicht von der un­ge­teil­ten Haupt­stadt Je­ru­sa­lem

Sau­di-Ara­bi­en äu­ßer­te zwar „gro­ße Ent­täu­schung“. Trumps Ent­schei­dung sei „un­ge­recht­fer­tigt und un­ver­ant­wort­lich“. Sie zei­ge ei­ne „gro­ße Vor­ein­ge­nom­men­heit ge­gen die his­to­ri­schen Rech­te der Pa­läs­ti­nen­ser “, sei ein dras­ti­scher Rück­schritt in den Frie­dens­be­mü­hun­gen. Das Kö­nig­reich for­der­te Trump auf, sie rück­gän­gig zu ma­chen – rief aber an­ders als jüngst nach kri­ti­schen Äu­ße­run­gen von Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el nicht sei­nen Bot­schaf­ter zu Kon­sul­ta­tio­nen in die Hei­mat.

Ri­ad ver­wies auf die ara­bi­sche Frie­dens­in­itia­ti­ve von 2002 – stell­te aber auch her­aus, dass Trumps Ent­schei­dung „die un­ver­äu­ßer­li­chen Rech­te des pa­läs­ti­nen­si­schen Vol­kes in Je­ru­sa­lem und an­de­ren be­setz­ten Ge­bie­ten nicht ver­än­dert oder ver­letzt“. Zwar prä­ju­di­ziert Trump auf is­rae­li­scher Sei­te die Haupt­stadt­fra­ge – aber er sprach nicht von der un­ge­teil­ten Haupt­stadt, was ei­nen An­spruch auf Ost-Je­ru­sa­lem be­inhal­tet hät­te. Die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te drück­ten „tie­fe Be­sorg­nis über die Aus­wir­kun­gen auf die Sta­bi­li­tät der Re­gi­on“aus. Zu Ka­tar aber hör­te man aus Abu Dha­bi schon weit Schär­fe­res.

Die bei­den sun­ni­ti­schen Mäch­te ha­ben sich ge­ra­de zu ei­ner neu­en Al­li­anz zu­sam­men­ge­fun­den. De­ren De­tails lie­gen noch im Un­ge­fäh­ren – klar ist aber, ge­gen wen sie sich rich­tet: die schii­ti­sche Füh­rungs­macht Iran und die Un­ter­stüt­zer der Mus­lim­bru­der­schaft – Ka­tar und die Tür­kei. Ein drit­ter Ver­bün­de­ter im Kampf ge­gen die Am­bi­tio­nen der Is­la­mi­schen Re­pu­blik wä­re ne­ben den USA: Is­ra­el. Man teilt die Be­dro­hungs­ana­ly­se be­züg­lich Iran.

Jen­seits in­of­fi­zi­el­ler Ge­heim­dienst­kon­tak­te, die es nach Über­zeu­gung west­li­cher Di­plo­ma­ten längst gibt, wä­re ei­ne en­ge­re Ko­ope­ra­ti­on vor al­lem von der Nor­ma­li­sie­rung der Be­zie­hun­gen zu Is­ra­el ab­hän­gig. Die An­er­ken­nung Is­ra­els aber ist Teil der ara­bi­schen Frie­dens­in­itia­ti­ve, so­fern Is­ra­el ei­ne Zwei­staa­ten­lö­sung auf Ba­sis der Gren­zen von 1967 bil­ligt – und ei­ner pa­läs­ti­nen­si­schen Haupt­stadt Ost-Je­ru­sa­lem.

Ägyp­ten hat ei­nen Frie­dens­ver­trag mit Is­ra­el und pflegt trotz ge­le­gent­lich har­scher Rhe­to­rik ei­ne en­ge Si­cher­heits­ko­ope­ra­ti­on mit Blick auf Ga­za­strei­fen und Nord­si­nai. Zwar muss Ägyp­ten be­fürch­ten, dass sei­ne Ver­mitt­lungs­mü­hen zwi­schen Ha­mas und Fa­tah ins Lee­re lau­fen und im Ga­za­strei­fen die La­ge es­ka­liert. Aber Mas­sen­pro­tes­te in Kai­ro wird es an­ge­sichts re­strik­ti­ver De­mons­tra­ti­ons­ge­set­ze al­len­falls mit Bil­li­gung des Re­gimes ge­ben.

Aus der ver­hal­te­nen Re­ak­ti­on ei­ni­ger ara­bi­schen Staa­ten ver­su­chen an­de­re po­li­tisch Ka­pi­tal zu schla­gen: Iran ver­ur­teilt „die of­fen­kun­di­gen Ver­bin­dun­gen ara­bi­scher Staa­ten“mit Is­ra­el, des­sen Exis­tenz zu be­en­den Staats­dok­trin der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ist. Ka­tar, lan­ge wich­tigs­ter Un­ter­stüt­zer der Ha­mas, kann auf die Dop­pel­zün­gig­keit der bei­den gro­ßen Golf­staa­ten ver­wei­sen, die ei­ne Blo­cka­de ge­gen das Emi­rat ver­hängt ha­ben. Und der tür­ki­sche Prä­si­dent Er­doğan droht, die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen ab­zu­bre­chen. Al­ler­dings nicht et­wa zu Trumps USA – son­dern zu Is­ra­el.

Brüs­sel

FO­TO: REX-FEA­TU­RES

Im Mai war man in Ri­ad noch nicht ent­täuscht von Trump: Prä­si­den­ten-Schwie­ger­sohn Ja­red Kush­ner mit dem sau­di­schen Kö­nig Sal­man.

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