Abrech­nung ei­nes Clowns

Ein bra­si­lia­ni­scher Ab­ge­ord­ne­ter führt das Par­la­ment vor

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Bo­ris herrmann

Gleich­zei­tig baut es ei­nen Qua­si-Au­to­ma­tis­mus ein: Da­nach gäl­te die Um­ver­tei­lung als be­schlos­sen, au­ßer sie wür­de von ei­ner qua­li­fi­zier­ten Mehr­heit der Staa­ten ge­stoppt (die es ab­seh­bar nicht gä­be).

Dass sich Po­len oder Un­garn dar­auf ein­las­sen, steht nicht zu er­war­ten. Die In­nen­mi­nis­ter wer­den kei­nen Fort­schritt mehr ma­chen, es läuft auf ei­nen Show­down auf höchs­ter Ebe­ne hin­aus. Beim letz­ten Gip­fel im Ok­to­ber ver­ab­re­de­ten die Staats­und Re­gie­rungs­chefs, sie wür­den „im De­zem­ber auf die­ses The­ma zu­rück­kom­men und ei­nen Kon­sens in der ers­ten Jah­res­hälf­te 2018 an­stre­ben“. Laut EU-Di­plo­ma­ten wur­de das re­la­ti­vie­ren­de Wort „ei­nen“in letz­ter Mi­nu­te vor den „Kon­sens“ge­setzt. Mit ei­ner al­le zu­frie­den­stel­len­den Lö­sung ist dem­nach kei­nes­falls zu rech­nen, wenn bei ei­nem Gip­fel­tref­fen im Ju­ni das letz­te Wort ge­spro­chen wird.

Die EU-Kom­mis­si­on bau­te den Ver­wei­ge­rern am Don­ners­tag der­weil os­ten­ta­tiv ei­ne Brü­cke. Man kön­ne die ver­pflich­ten­de Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ja auf „ernst­haf­te Kri­sen“be­schrän­ken, schlug Vi­ze­prä­si­dent Frans Tim­mer­m­ans vor, wäh­rend für „we­ni­ger her­aus­for­dern­de“Si­tua­tio­nen „frei­wil­li­ge“So­li­dar­bei­trä­ge aus­reich­ten. Über die De­fi­ni­ti­ons­fra­ge, wann wel­cher Zu­stand herr­sche, müs­se eben po­li­tisch ver­han­delt wer­den. Rio de Janei­ro – Der Ab­ge­ord­ne­te Tiri­ri­ca, 52, sitzt seit sie­ben Jah­ren im bra­si­lia­ni­schen Par­la­ment. Jetzt hat er sei­ne ers­te Re­de vom Po­di­um ge­hal­ten und, wie er um­ge­hend an­kün­dig­te, war es auch die letz­te. Sein The­ma: Die Scham­lo­sig­keit der ge­sam­ten po­li­ti­schen Klas­se im Land. „Al­les ab­so­lut pein­lich“, sag­te Tiri­ri­ca. Selbst­ver­ständ­lich hat er auch ei­nen bür­ger­li­chen Na­men: Fran­cis­co Olivei­ra Sil­va. Aber den be­nutzt er we­der als Po­li­ti­ker noch in sei­nem Haupt­be­ruf als Clown. Es soll­te ei­gent­lich ein Witz sein, als er sich 2010 mit Pe­rü­cke, Hüt­chen und Ko­s­tüm im Wahl­kampf prä­sen­tier­te. Sein Slo­gan lau­te­te: „Vo­te Tiri­ri­ca, pi­or que tá não fi­ca!“(Schlim­mer als es ist, kann es mit mir auch nicht wer­den.) Das leuch­te­te den Leu­ten ein. Tiri­ri­ca er­ziel­te ei­nes der drei bes­ten Stim­m­en­er­geb­nis­se al­ler Di­rekt­kan­di­da­ten in der Ge­schich­te der bra­si­lia­ni­schen De­mo­kra­tie. Über­zeu­gend war of­fen­bar auch sein Wahl­pro­gramm: „Weißt du, was ein Ab­ge­ord­ne­ter macht? Ich auch nicht, aber wäh­le mich, dann er­zähl’ ich es dir.“

In­zwi­schen weiß er, was im Kon­gress­ge­bäu­de von Bra­sí­lia zu tun ist: „Pri­vi­le­gi­en ge­nie­ßen, sich be­rei­chern und war­ten, bis der Tag ver­geht.“Tiri­ri­ca (frei über­setzt: der Mie­se­pe­ter) saß in die­sen sie­ben Jah­ren stets in ei­ner Ecke des Saals, auf den Stüh­len für die Be­su­cher. In sei­ner An­tritts­und Ab­schieds­re­de vom Di­ens­tag räum­te er ein: „Ich ha­be nichts ge­ar­bei­tet, wie fast al­le hier, aber das zu­min­dest mit er­ho­be­nem Haupt.“Die Bot­schaft, die er hin­ter­lässt, lau­tet: Die ei­gent­li­chen Clowns, das sind die an­de­ren.

Das bra­si­lia­ni­sche Un­ter­haus be­steht der­zeit aus 513 Par­la­men­ta­ri­ern. Ge­gen mehr als die Hälf­te wird oder wur­de schon ein­mal po­li­zei­lich er­mit­telt. Ne­ben der fast schon zur Folk­lo­re ge­hö­ren­den Kor­rup­ti­on geht es auch um Vor­wür­fe wie Kid­nap­ping, Bil­dung ei­ner ver­bre­che­ri­schen Ver­ei­ni­gung oder Mord. Die­se eh­ren­wer­te Ge­sell­schaft ver­teilt sich auf 28 Par­tei­en, die drau­ßen nie­mand auf­zäh­len kann und de­ren Schwin­del schon beim Na­men be­ginnt. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten sind kon­ser­va­tiv, die Pro­gres­si­ven rück­stän­dig und die „Par­tei der bra­si­lia­ni­schen Frau“zog mit zwei Män­nern ins Par­la­ment ein. Der­zeit ist die Bank der Frau­en­par­tei ver­waist, weil ih­re Ab­ge­ord­ne­ten mun­ter zwi­schen den Fak­tio­nen hin- und her­wech­seln – je nach­dem, wo mehr Pri­vi­le­gi­en und Pos­ten zu ho­len sind. In Um­fra­gen stellt die Zu­stim­mung zu die­sem Par­la­men­ta­ris­mus ei­nen Ne­ga­tiv­re­kord nach dem nächs­ten auf. Vie­le Bra­si­lia­ner sind of­fen­bar der An­sicht: Wenn wir schon von ei­nem Zir­kus re­giert wer­den, dann soll­te we­nigs­tens ein pro­fes­sio­nel­ler Spaß­vo­gel mit­ma­chen. 2014 wur­de Tiri­ri­ca wie­der­ge­wählt, mit dem lan­des­weit zweit­bes­ten Er­geb­nis.

Wie ihm sein Lä­cheln ab­han­den­kam? Der par­la­men­ta­ri­sche Putsch ge­gen die ge­wähl­te Prä­si­den­tin Dil­ma Rousseff im ver­gan­ge­nen Jahr kann es nicht ge­we­sen sein, Tiri­ri­ca hat ihn mit sei­ner Stim­me un­ter­stützt. Wo­mög­lich wa­ren es die bei­den Ab­stim­mun­gen aus die­sem Jahr, mit de­nen die­sel­ben Par­la­men­ta­ri­er die Straf­ver­fol­gung ge­gen Rouss­effs Nach­fol­ger, Mi­chel Te­mer, blo­ckier­ten und sich da­für fürst­lich ent­loh­nen lie­ßen. Viel­leicht hat Tiri­ri­ca aber auch ein­fach ein­ge­se­hen, dass sei­ne Sa­ti­re nicht mehr funk­tio­niert, weil sie sich kaum noch von der Rea­li­tät un­ter­schei­det. Jetzt tritt er als Po­li­ti­ker ab, „un­end­lich trau­rig“, wie er sagt. Schon an die­sem Sams­tag ist er in der Dschun­gel­me­tro­po­le Ma­n­aus wie­der als Clown zu er­le­ben.

FO­TO: DPA

Sie­ben Jah­re lang saß Fran­cis­co Olivei­ra Sil­va im Par­la­ment – da­bei kan­di­dier­te er nur aus Spaß. Heu­te wirft der Be­rufs­clown den Po­li­ti­kern Un­tä­tig­keit und Be­rei­che­rung vor.

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