Lausch­of­fen­si­ve

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von hans ley­en­de­cker und rei­ko pin­kert

Mün­chen – Die Kon­trol­le des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes (BND) ge­stal­tet sich trotz al­ler Re­for­men wei­ter sehr schwie­rig. Ein erst im Früh­jahr in­stal­lier­tes neu­es „Un­ab­hän­gi­ges Gre­mi­um“, das aus zwei Bun­des­rich­tern und ei­nem Bun­des­an­walt be­steht, kommt in sei­nem ers­ten ge­hei­men Be­richt zu ei­nem für Be­für­wor­ter von Kon­trol­len des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes de­pri­mie­ren­den Er­geb­nis.

Die vom Ka­bi­nett be­ru­fe­nen Top-Ju­ris­ten se­hen sich nach In­for­ma­tio­nen von Süd­deut­scher Zei­tung, NDR und WDR nicht in der La­ge, ih­ren Auf­trag so zu er­fül­len, wie es nach dem Ge­setz vor­ge­se­hen ist. Der Grund: Die Kon­trol­leu­re be­kom­men an­geb­lich nur un­zu­rei­chen­den Zu­gang zu wich­ti­gen In­for­ma­tio­nen. Der BND soll die Ein­sicht in wich­ti­ge Vor­gän­ge nicht er­laubt ha­ben, Kon­troll­be­su­che beim BND in Pul­lach und Rhein­hau­sen sol­len für die Mit­glie­der des Gre­mi­ums zum Teil frus­trie­rend ver­lau­fen sein.

Der Si­cher­heits­ex­per­te der SPD, der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Uli Grötsch sag­te auf An­fra­ge: „Wir sto­ßen im­mer wie­der an Stel­len, in de­nen die Bun­des­re­gie­rung das Par­la­ment als Kon­trol­leur der Nach­rich­ten­diens­te eher als Kon­kur­rent sieht denn als Part­ner.“Die Hin­der­nis­se, die es of­fen­bar ge­ge­ben ha­be aus Sicht der Bun­des­rich­ter, müs­se man jetzt „be­spre­chen und dann ganz ein­fach aus dem Weg räu­men“.

Im neu­en BND-Ge­setz ist ge­nau de­fi­niert, wer über­wacht wer­den darf

Der Lin­ken-Po­li­ti­ker An­dré Hahn, Mit­glied des Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­ums, sag­te: „Wenn stimmt, was man jetzt hört, dass mas­si­ve Be­hin­de­run­gen statt­ge­fun­den ha­ben, dass man die Her­aus­ga­be von Un­ter­la­gen ver­wei­gert hat, dass die Ein­sicht in die kom­plet­ten Se­lek­to­renLis­ten nicht ge­ge­ben wor­den ist, dann zeigt sich, dass die Be­fürch­tung ein­ge­tre­ten ist, dass die­se Form von Kon­trol­le nicht funk­tio­niert. Dann ist das ein Skan­dal.“

Ei­ne Rich­te­rin am Bun­des­ge­richts­hof, die Pres­se­spre­che­rin des Un­ab­hän­gi­gen Gre­mi­ums ist, sag­te auf An­fra­ge, dass sich ei­ne „Be­wer­tung der ei­ge­nen Ar­beit“ver­bie­te. „Ge­mäß den ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen“un­ter­rich­te „das Un­ab­hän­gi­ge Gre­mi­um nur das Par­la­men­ta­ri­sche Kon­troll­gre­mi­um des Bun­des­ta­ges über sei­ne Tä­tig­keit“.

Die­se Un­ter­rich­tung in Form ei­nes Be­richts liegt nun dem Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­um so­wie dem Kanz­ler­amt vor. Der Be­richt soll 39 Sei­ten dick sein und sich in er­heb­li­chen Tei­len mit den Schwie­rig­kei­ten

Neue Zen­tra­le, neue Po­li­tik? Das Quar­tier des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes in Ber­lin.

bei der Kon­trol­le be­fas­sen. Das Un­ab­hän­gi­ge Gre­mi­um soll un­ter an­de­rem stich­pro­ben­ar­tig prü­fen, ob sich der BND bei der Über­wa­chung der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on von Aus­län­dern im Aus­land an die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben hält. Im De­tail soll es in dem ers­ten Be­richt des neu­en Gre­mi­ums auch um die Über­wa­chung von Bür­gern aus drei EU-Län­dern ge­hen.

Es gibt fes­te Re­geln, wann In­sti­tu­tio­nen und Bür­ger der Eu­ro­päi­schen Uni­on ab­ge­hört wer­den dür­fen und wann nicht. In den meis­ten Fäl­len sind EU-Bür­ger von ziel­ge­rich­te­ter

Dau­er­über­wa­chung aus­ge­nom­men. Im neu­en BND-Ge­setz je­den­falls ist ge­nau de­fi­niert, wer al­les nicht über­wacht und wer im Aus­nah­me­fall dann doch ab­ge­hört wer­den darf.

Wenn EU-Bür­ger ins Vi­sier des Aus­lands­ge­heim­diens­tes ge­ra­ten, brau­chen Kon­trol­leu­re al­so gu­te, nach­voll­zieh­ba­re Be­grün­dun­gen, war­um die Über­wa­chung den­noch sein muss. Die üb­li­che De­fi­ni­ti­on je­den­falls, es ge­he dar­um, „die Hand­lungs­fä­hig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu wah­ren“, ge­nügt hoch­ka­rä­ti­gen Ju­ris­ten

wie den Bun­des­rich­tern und dem Bun­des­an­walt nicht fürs Durch­win­ken.

Die Be­grün­dun­gen im Fall der Bür­ger aus den drei EU-Län­dern je­den­falls sol­len nicht aus­rei­chend über­prüf­bar ge­we­sen sein. An­geb­lich sind da­zu not­wen­di­ge Un­ter­la­gen un­voll­stän­dig über­mit­telt oder wich­ti­ge Stel­len in Be­rich­ten ge­schwärzt wor­den.

Die Da­ten­schutz­be­auf­trag­te des Bun­des, Andrea Voß­hoff, er­hob be­reits im Sep­tem­ber 2016 mas­si­ve Vor­wür­fe ge­gen den Aus­lands­nach­rich­ten­dienst. Sie sprach von „sys­te­ma­ti­schen Ge­set­zes­ver­stö­ßen“. Der BND ha­be ih­re „Kon­trol­le rechts­wid­rig mehr­mals be­schränkt. Ei­ne um­fas­sen­de, ef­fi­zi­en­te Kon­trol­le“sei ihr nicht mög­lich ge­we­sen, kri­ti­sier­te da­mals die Da­ten­schutz­be­auf­trag­te.

Egal, wer in die Ak­ten schau­en will: Im­mer wie­der ma­chen Kon­trol­leu­re der Ge­heim­diens­te die Er­fah­rung, dass in die­sem Mi­lieu die Schwär­zung von Un­ter­la­gen nor­mal ist. Ge­wöhn­lich be­grün­det der BND die­se spe­zi­el­le Form der Schwarz­ar­beit da­mit, dass wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen von aus­län­di­schen Die deut­schen Ge­heim­diens­te ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr deut­lich mehr Te­le­fonund In­ter­net­an­schlüs­se über­wacht als 2015. Das be­rich­tet die Bild-Zei­tung un­ter Be­ru­fung auf ei­nen Be­richt des Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­ums im Bun­des­tag. Da­nach wur­den im Jahr 2016 ins­ge­samt 3747 Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­schlüs­se über­wacht – 32 Pro­zent mehr als im Jahr zu­vor. Die meis­ten die­ser Ab­hör­ak­tio­nen wur­den dem Be­richt zu­fol­ge vom Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz an­ge­ord­net. Gleich­zei­tig ließ der Bun­des­nach­rich­ten­dienst E-Mails und an­de­re „Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­keh­re“mit­hil­fe von 2307 Such­be­grif­fen auf mög­li­che ter­ro­ris­ti­sche In­hal­te durch­fors­ten. In 34 Fäl­len hiel­ten Er­mitt­ler die Hin­wei­se für „nach­rich­ten­dienst­lich re­le­vant“.

Aber es scheint so zu sein, wie es im­mer war. Klaus-Die­ter Frit­sche, Staats­se­kre­tär im Bun­des­kanz­ler­amt und Be­auf­trag­ter für die Nach­rich­ten­diens­te des Bun­des, ist zwar für die Di­enst­auf­sicht zu­stän­dig, aber er soll die Kon­trol­leu­re des Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­ums zu ab­so­lu­ter Ver­trau­lich­keit im Zu­sam­men­hang mit dem Be­richt des Un­ab­hän­gi­gen Gre­mi­ums er­mahnt ha­ben. Soll­te der Be­richt an die Öf­fent­lich­keit drin­gen, kön­ne dies auch straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen ha­ben, soll Frit­sche ge­warnt ha­ben. Ein Re­gie­rungs­spre­cher teil­te mit, dass „die un­be­fug­te Wei­ter­ga­be des Be­richts und der dar­in ent­hal­te­nen In­for­ma­tio­nen auch ei­nen Ge­heim­schutz­ver­stoß“dar­stel­le. Zu wei­te­ren De­tails äu­ße­re man sich nur ge­gen­über dem Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­um.

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