Angst um die Exis­tenz

Der Bun­des­tag will Mit­ar­bei­ter für Öf­fent­lich­keits­ar­beit nicht an­stel­len

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Tho­mas öchs­ner

Mün­chen – Sie hal­ten Vor­trä­ge in Schu­len, in­for­mie­ren in Spar­kas­sen­fi­lia­len, auf Mes­sen oder Wan­der­aus­stel­lun­gen, re­den mit Wut­bür­gern oder sol­chen, die kurz da­vor sind, wel­che zu wer­den. Für den Bun­des­tag fah­ren mehr als 60 mo­bi­le Öf­fent­lich­keits­ar­bei­ter durchs Land und er­klä­ren, wie das Par­la­ment funk­tio­niert. „Un­se­re Ar­beit ist wich­ti­ger denn je, weil wir ein Er­star­ken völ­ki­scher, iden­ti­tä­rer, an­ti­de­mo­kra­ti­scher, rechts­ex­tre­mer Strö­mun­gen in un­se­rer all­täg­li­chen Be­geg­nung mit den Bür­gern be­mer­ken“, sagt ei­ne von ih­nen. Trotz­dem müs­sen die­se Auf­klä­rer der Na­ti­on jetzt um ih­re Exis­tenz fürch­ten.

Das Pro­blem hat der neue Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) von sei­nem Vor­gän­ger Nor­bert Lam­mert (CDU) ge­erbt. Mit­ar­bei­ter in der mo­bi­len Öf­fent­lich­keits­ar­beit wur­den bis­lang als Ho­no­rar­kräf­te ein­ge­setzt – als Selb­stän­di­ge, die für ih­re So­zi­al­ver­si­che­rung selbst auf­kom­men müs­sen. Nach ei­nem neun Jah­re lan­gen Rechts­streit ent­schied das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg je­doch in letz­ter In­stanz: Es han­delt sich hier­bei um ei­ne ab­hän­gi­ge Be­schäf­ti­gung. Prü­fun­gen der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung er­ga­ben, dass der Bun­des­tag auch in an­de­ren Be­rei­chen der Öf­fent­lich­keits­ar­beit, wie et­wa bei den Be­su­ch­er­füh­rern im Reichs­tag, Schein­selb­stän­di­ge ein­ge­setzt hat. Ins­ge­samt muss­te die Bun­des­tags­ver­wal­tung des­halb nach ei­ge­nen An­ga­ben vom Au­gust 2017 be­reits 3,5 Mil­lio­nen Eu­ro an So­zi­al­bei­trä­gen nach­zah­len.

Nun ste­hen die Ho­no­rar­kräf­te in der mo­bi­len Öf­fent­lich­keits­ar­beit al­ler­dings vor­erst auf der Stra­ße. 2016 war das In­fo­mo­bil des Bun­des­tags an 193 Ta­gen an 57 Stand­or­ten im Ein­satz. Der Bun­des­tag be­tei­lig­te sich an 11 Mes­sen. 124 Wan­der­aus­stel­lun­gen fan­den statt. Ins­ge­samt sei­en da­mit 360 000 Be­su­cher er­reicht wor­den, teil­te ein Spre­cher des Bun­des­ta­ges mit. Die­ses Jahr gab es auch noch Auf­trä­ge. Über 2017 hin­aus, al­so für 2018, ge­be es der­zeit je­doch „kei­ne wei­te­ren kon­kre­ten Ein­satz­plä­ne für die Ho­no­rar­kräf­te“, heißt es in ei­nem Schrei­ben von Schäu­b­le an den CDUBun­des­ab­ge­ord­ne­ten Uwe Schum­mer.

Ei­nen Grund nennt Schäu­b­le auch: „Die Bun­des­tags­ver­wal­tung führt ge­gen­wär­tig Ge­sprä­che mit der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung, mit dem Ziel, die mo­bi­le Öf­fent­lich­keits­ar­beit auch wei­ter von frei­be­ruf­li­chen Ho­no­rar­kräf­ten be­treu­en zu las­sen“. Schäu­b­le will die Mit­ar­bei­ter­ver­trä­ge so um­ge­stal­ten las­sen, dass sie trotz des Ge­richts­ur­teils nicht fest an­ge­stellt wer­den müs­sen und die Ren­ten­ver­si­che­rung die­se Ver­trä­ge nicht mehr be­an­stan­det.

Die SPD-Ab­ge­ord­ne­te Kers­tin Grie­se, zu­letzt Vor­sit­zen­de des Ar­beits­aus­schus­ses, hat da­für über­haupt kein Ver­ständ­nis: „Ich bin da­für, die Mit­ar­bei­ter in der mo­bi­len Öf­fent­lich­keits­ar­beit so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig zu be­schäf­ti­gen. Der Deut­sche Bun­des­tag soll­te als Ar­beit­ge­ber Vor­bild sein und nicht Ge­set­ze um­ge­hen, die der Bun­des­tag selbst be­schlos­sen hat.“So sieht es auch Kat­ja Keul, Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­re­rin der Grü­nen: „Die Mit­ar­bei­ter ha­ben über Jah­re wert­vol­le Ar­beit im Di­enst der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie ge­leis­tet und soll­ten nun end­lich die Ih­nen zu­ste­hen­den Ar­beits­ver­trä­ge er­hal­ten.“

Auch der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Schum­mer, der zum Ar­beit­neh­mer­flü­gel der Par­tei ge­hört, sagt: „Es ist über­fäl­lig, dass die Bun­des­tags­ver­wal­tung bei der Be­schäf­ti­gung von Mit­ar­bei­tern Rechts­si­cher­heit schafft. Das Ur­teil ist in die­ser Fra­ge ein­deu­tig. Ge­wal­ten­tei­lung und Re­spekt vor der recht­li­chen In­stanz; da müs­sen wir Vor­bild sein.“Jo­han­nes Vo­gel, Ar­beits­markt­ex­per­te der FDP, hält es für „sehr är­ger­lich, dass mit Blick auf die ak­tu­el­len Her­aus­for­de­rung durch Po­pu­lis­ten nun nur ei­ne ein­ge­schränk­te Öf­fent­lich­keits­ar­beit des Bun­des­ta­ges statt­fin­det. Wir soll­ten für un­se­re De­mo­kra­tie wer­ben, in­dem wir die Funk­ti­ons­wei­se un­se­res Par­la­men­ta­ris­mus mehr und nicht we­ni­ger er­klä­ren – ent­we­der durch An­ge­stell­te oder durch ganz klar be­auf­trag­te Di­enst­leis­ter.“

Bis es so weit ist, kann es noch dau­ern. „Wir hän­gen in der Luft, ich ver­su­che jetzt, auf­grund des Ge­richts­ur­teils we­nigs­tens Ar­beits­lo­sen­geld zu be­kom­men“, sagt ei­ner der Mit­ar­bei­ter.

FO­TO: BAUERNSACHS

Auch die Wan­der­aus­stel­lung des Bun­des­ta­ges ist von Öf­fent­lich­keits­ar­bei­tern er­stellt.

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