Ein We­s­pen­nest in 3-D

Der Re­gis­seur Da­ni Le­vy dreht in Je­ru­sa­lem und den Pa­läs­ti­nen­ser­ge­bie­ten vier Kurz­fil­me mit Schau­spie­lern von bei­den Sei­ten und ei­ner selbst­ge­bau­ten 360-Grad-Ka­me­ra. Ein Be­such am Set

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von alex­an­dra fö­derl-schmid in­ter­view: kath­le­en hil­de­brand

Ich ha­be es mir ein­fa­cher vor­ge­stellt, hier zu fil­men. Wir ha­ben in ein We­s­pen­nest ge­sto­chen.“Der Re­gis­seur Da­ni Le­vy dreht nicht nur zum ers­ten Mal mit ei­ner 360-Grad-Ka­me­ra in 3 D, son­dern er tut dies in Is­ra­el und in den pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­bie­ten: Mit ei­nem Team, das so­wohl aus Is­rae­lis als auch aus Pa­läs­ti­nen­sern be­steht, ar­bei­tet er an vier Kurz­fil­men von fünf bis acht Mi­nu­ten Län­ge – zwei aus is­rae­li­scher, zwei aus pa­läs­ti­nen­si­scher Per­spek­ti­ve: „Glau­be“, „Lie­be“, „Hoff­nung“und „Angst“sind die Ti­tel.

Dass hier, am Brenn­punkt des Nah­ost­Kon­flikts die Gren­zen zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät ver­schwim­men, war Teil von Le­vy Kon­zept. Doch dass es so schwie­rig wer­den wür­de, hat­te er sich nicht vor­ge­stellt. Schau­spie­lern in Uni­form ste­hen plötz­lich ech­te Uni­for­mier­te an der fünf Ki­lo­me­ter ho­hen Mau­er Beit Ha­ni­na ge­gen­über. Der pa­läs­ti­nen­si­sche Li­ne-Pro­du­cer To­ny Cop­ti, der für die Or­ga­ni­sa­ti­on vor Ort zu­stän­dig ist, wird von den is­rae­li­schen Grenz­po­li­zis­ten mit­ge­nom­men. Die Dreh­ge­neh­mi­gun­gen wer­den ge­prüft, dann darf wei­ter ge­ar­bei­tet wer­den.

Im­mer­hin gab es für die­sen Dreh in Ost­Je­ru­sa­lem über­haupt ei­ne Er­laub­nis. Die pa­läs­ti­nen­si­sche Sei­te hat die Dreh­ge­neh­mi­gung für Abu Dis ver­wei­gert. Le­vy hat noch am Vor­abend ver­sucht, von dem Ver­ant­wort­li­chen der Al-Quds-Uni­ver­si­tät den Schlüs­sel zu be­kom­men – ver­geb­lich. In Abu Dis ste­hen die Rui­nen je­nes Hau­ses, das ein­mal das pa­läs­ti­nen­si­sche Par­la­ment wer­den soll­te. In der kur­zen Eu­pho­rie nach den Os­lo-Ab­kom­men be­gann man En­de der Neun­zi­ger­jah­re mit dem Bau, doch mit dem Frie­dens­pro­zess kam auch das Pro­jekt zum En­de.

Die Ara­fat-Rol­le sei ei­ne Eh­re, sagt Ali Al Az­ha­ri, aber Cä­sar zu spie­len, wä­re leich­ter

Abu Dis sei ein für Pa­läs­ti­nen­ser sen­si­bler Ort, und das Dreh­buch ha­be den Pa­läs­ti­nen­sern nicht wirk­lich ge­fal­len, er­zählt Cop­ti. Schließ­lich er­schei­ne Jas­sir Ara­fat im Film als Geist. Die Angst, dass die Iko­ne der Pa­läs­ti­nen­ser lä­cher­lich ge­macht wer­den wür­de, war wohl zu groß. Dass mit Le­vy ein in Deutsch­land ar­bei­ten­der Ju­de mit Schwei­zer Pass die­ses Pro­jekt rea­li­siert, war eben­falls vie­len su­spekt – auf bei­den Sei­ten.

Cop­ti muss­te in we­ni­gen St­un­den ei­nen neu­en Dreh­ort auf­trei­ben. Ei­ni­ge Ki­lo­me­ter au­ßer­halb Je­ru­sa­lems wur­de er fün­dig. Ein auf­ge­ge­be­ner Ho­tel­roh­bau dient im Film nun als Par­la­ment die­nen: Die Rui­ne hat kei­ne Fens­ter; Bö­den und Iso­lie­run­gen sind her­aus­ge­ris­sen, die Wän­de sind vol­ler Graf­fi­ti. Dass wäh­rend des Drehs in der Ku­lis­se des Pa­läs­ti­nen­ser­par­la­ments or­tho­do­xe Ju­gend­li­che auf­tau­chen und zu­schau­en wol­len, mu­te­te fast ir­re­al an.

Auch wenn viel im­pro­vi­siert wird am Set, der Bart muss sit­zen, vor al­lem wenn es der von Ara­fat ist. „Das sieht ja wie im Fa­sching aus!“, schimpft Le­vi, als er den Schau­spie­ler Ali Al Az­ha­ri mit an­ge­kleb­ter Haar­pracht sieht. Die is­rae­li­sche Mas­ken­bild­ne­rin war nicht er­schie­nen – weil Sab­bat ist, ver­mu­tet Le­vy. So wird per Han­dy ei­ne Vi­deo­schal­te zu ihr her­ge­stellt. Mit den Rat­schlä­gen, die sie durch­gibt, klappt es dann ir­gend­wie: Aus Ali Al Az­ha­ri wird Ara­fat.

Für ihn sei die­se Rol­le ei­ne Eh­re, meint er. „Aber es wä­re leich­ter, Cä­sar zu spie­len“. Er war selbst in der PLO und hat Ara­fat mehr­fach ge­trof­fen. Dass Ara­fat in dem Film als Geist er­scheint, fin­det er gut. Aber der Mitt­sech­zi­ger weiß auch, dass das nicht al­len ge­fal­len wird. Doch so oft hat der Pa­läs­ti­nen­ser aus Jaf­fa nicht die Ge­le­gen­heit, in sei­nem Be­ruf als Schau­spie­ler zu ar­bei­ten. Sein Geld ver­dient er mit Ara­bisch-Un­ter­richt – un­ter an­de­rem für An­ge­hö­ri­ge der deut­schen Bot­schaft. Auch Hil­al Ka­b­ob und Ana­sta­sy­os Ar­bid, die die bei­den Wäch­ter im Par­la­ments­ge­bäu­de spie­len, ha­ben an­de­re Jobs.

Die Pau­se nut­zen Le­vy und Ka­me­ra­mann Fi­lip Zum­brunn, um sich noch ein­mal in­ten­siv mit der Ka­me­ra aus­ein­an­der­zu­set­zen. „Wir ha­ben im Vor­feld viel ex­pe­ri­men­tiert“, sagt Le­vy. Und er­klärt, man müs­se mit die­ser Tech­nik ganz an­ders ar­bei­ten: „Man kann nicht ein­fach ei­nen Schwenk ma­chen. Da wird den Leu­ten beim Zu­schau­en schlecht.“

Die Ka­me­ra mit sechs Ob­jek­ti­ven ist ein neu­er Pro­to­typ aus Chi­na. Die klei­ne wei­ße Lin­se ganz oben er­mög­licht es dem Re­gis­seur, die Sze­nen auf sei­nem Han­dy mit­zu­ver­fol­gen. Die gan­ze Kon­struk­ti­on ist selbst­ge­baut: Auf ei­nen Reit­helm vom Floh­markt hat Ka­me­ra­mann Zum­brunn die Ka­me­ra mon­tiert, die Mi­kro­fo­ne sind an ei­ner Ku­chen­back­form be­fes­tigt. „Mar­ke Ei­gen­bau in der Schweiz.“

Das Ge­stell muss er auf sei­nem Kopf ba­lan­cie­ren, die Dreh­ar­bei­ten ge­hen aber auch in die Bei­ne. Weil auf Au­gen­hö­he der Zu­schau­er ge­filmt wird, um spä­ter ein be­son­de­res Se­h­er­leb­nis zu er­mög­li­chen, muss der Ka­me­ra­mann in die Knie ge­hen. Des­halb hat er sich ei­ne Art ein­bei­ni­gen Melks­che­mel ge­bas­telt, den er sich um die Hüf­ten schnallt. So kann er sich zwi­schen­durch hin­set­zen und kann auch leich­ter ru­hi­ge­re Ka­me­ra­fahr­ten hin­be­kom­men. Die Sze­nen wer­den mehr­fach ge­probt, denn es gibt nur ei­ne Ein­stel­lung und kei­nen Schnitt. Am En­de des Dreh­ta­ges hat Le­vy elf Ta­kes im Kas­ten, von de­nen drei gut sind, so hofft er.

Seit Trumps Je­ru­sa­lem-Er­klä­rung ist die Span­nung in der

Stadt noch wei­ter ge­stie­gen

Die Er­schöp­fung ist Le­vy am Abend an­zu­mer­ken, als er in sei­ner an­ge­mie­te­ten Woh­nung in Je­ru­sa­lem den Tag Re­vue pas­sie­ren lässt. „Es ist ein­fach al­les wahn­sin­nig in­ten­siv.“Zwei Ta­ge da­vor wur­de am Zi­ons­platz ge­dreht mit ei­nem is­rae­li­schen Stand-up-Co­me­di­an, der von zwei Schau­spie­lern, die ag­gres­si­ve Is­rae­lis mim­ten, an­ge­pö­belt wird. Aber als sich Pas­san­ten ein­misch­ten ver­schwam­men auch hier Fik­ti­on und Rea­li­tät wie­der.

Am Tag zu­vor wur­de in der Alt­stadt ge­dreht. Für die Ka­me­ra wur­de ex­tra ei­ne Seil­kon­struk­ti­on vom Dach ei­nes Hau­ses zu ei­nem La­den im Ba­sar ge­bas­telt. Von oben nimmt ein Scharf­schüt­ze das Ge­sche­hen in den Gas­sen ins Vi­sier. Doch es sind nicht Men­schen, die er ver­folgt, er sucht ein Schmuck­stück für sei­ne Freun­din.

Die Fil­me sol­len im Fe­bru­ar bei der Ber­li­na­le ge­zeigt wer­den und ab Mai 2018 in der Aus­stel­lung „Wel­co­me to Je­ru­sa­lem“, die ab kom­men­dem Mon­tag im Jü­di­schen Mu­se­um in Ber­lin zu se­hen sein wird und durch die ak­tu­el­len Er­eig­nis­se na­tür­lich an Bri­sanz ge­won­nen hat. Die Zu­schau­er müs­sen da­für Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­len tra­gen. Le­vy ist ex­tra nach Ams­ter­dam ge­fah­ren, um sich dort in ei­nem 3-D-Ki­no mit dem Fil­m­er­leb­nis aus Zu­schau­er­per­spek­ti­ve aus­ein­an­der­zu­set­zen. „Ich hof­fe nur, die Leu­te rei­ßen sich nicht die Bril­le vom Kopf, weil al­les so in­ten­siv ist.“

In sei­nem Kon­zept für das Film­pro­jekt schrieb er: „Ent­schei­dend für die Fin­dung der Ge­schich­ten ist die Tat­sa­che, dass Je­ru­sa­lem aus ei­nem is­rae­li­schen und ei­nem pa­läs­ti­nen­si­schen Teil be­steht. Nichts ist ein­fach, nichts ist heu­te so wie mor­gen.“

Das galt für die Dreh­ar­bei­ten, das gilt aber auch für Je­ru­sa­lem, wo al­les noch span­nungs­ge­la­de­ner ge­wor­den ist seit der Er­klä­rung von Do­nald Trump, Je­ru­sa­lem als Haupt­stadt Is­ra­els an­zu­er­ken­nen. Der Text, den Ara­fat im Film spricht, klingt al­les an­de­re nicht fik­tio­nal: „Nur die Angst, die ist re­al. Die Angst vor dem Ge­lin­gen, vor Lö­sun­gen.“Er war­te hier, sagt Ara­fat, dass die Par­la­men­ta­ri­er end­lich zur Staats­grün­dung kom­men und brüllt: „Wo seid ihr, ihr Schis­ser?“

Das führt da­zu, dass Trump zwar den de­mo­kra­ti­schen Se­na­tor Al Fran­ken für Be­läs­ti­gungs­fäl­le kri­ti­siert, aber den Re­pu­bli­ka­ner Roy Moo­re ver­tei­digt – ob­wohl dem so­gar Be­läs­ti­gung von min­der­jäh­ri­gen Mäd­chen vor­ge­wor­fen wird.

Ge­nau. In der Po­li­tik wer­den sol­che Vor­wür­fe dann oft als Ver­leum­dungs­kam­pa­gne ab­ge­tan, die von der po­li­ti­schen Ge­gen­sei­te lan­ciert wird. Au­ßer­dem stel­len sich vie­le Re­pu­bli­ka­ner nicht ge­gen ei­nen Kan­di­da­ten, den Do­nald Trump un­ter­stützt. Sie fürch­ten um ih­re ei­ge­nen Sit­ze im Kon­gress und wol­len Trumps Kern­an­hän­ger­schaft nicht ge­gen sich auf­brin­gen. Die­se Kern­an­hän­ger­schaft bil­det kei­ne Mehr­heit der Wäh­ler, aber die­se Leu­te ste­hen zu ihm, egal was pas­siert.

Ist das ei­ne Stra­te­gie, die Er­folg ver­spricht – auch auf län­ge­re Sicht?

Sie hat ein Ri­si­ko: Die Re­pu­bli­ka­ner ha­ben schon lan­ge Pro­ble­me da­mit, Wäh­le­rin­nen zu be­geis­tern. Die­se Vor­wür­fe ge­gen hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker und der Um­gang der Par­tei da­mit könn­ten sie wei­te­re Stim­men kos­ten. Bei den Wah­len, die es kürz­lich in Vir­gi­nia gab, ha­ben De­mo­kra­ten ge­won­nen. Das ist sehr un­ge­wöhn­lich. Denn nor­ma­ler­wei­se ge­win­nen bei Wah­len im

Zur Wäh­ler­schaft der Re­pu­bli­ka­ner ge­hö­ren die Evan­ge­li­ka­len. Wie ste­hen die zur Ab­wen­dung von mo­ra­li­schen Prin­zi­pi­en?

Die meis­ten Ober­häup­ter evan­ge­li­ka­ler Ge­mein­den sind heu­te Re­pu­bli­ka­ner. Und die stel­len Par­tei­po­li­tik über ih­re re­li­giö­sen Wer­te. Es ist ih­nen wich­ti­ger, dass die Re­pu­bli­ka­ner kon­ser­va­ti­ve Rich­ter an die obers­ten Ge­richts­hö­fe be­ru­fen, als dass ih­re po­li­ti­schen Ver­tre­ter mo­ra­lisch le­ben. Ih­nen ge­fällt, dass Roy Moo­re in sei­ner Zeit als Rich­ter ei­ne Ta­fel mit den Zehn Ge­bo­ten im Ge­richts­ge­bäu­de auf­ge­stellt hat – ob­wohl das ge­gen die Ver­fas­sung ver­stieß. Oder dass er Be­am­te an­wies, ho­mo­se­xu­el­le Paa­re nicht zu trau­en, ob­wohl der Obers­te Ge­richts­hof die Ehe für al­le er­mög­licht hat­te. Für sie hei­ligt der Zweck die Mit­tel, aber das wür­den sie so nie for­mu­lie­ren. Es gibt ver­ein­zelt from­me Evan­ge­li­ka­le, die Trump und an­de­re Re­pu­bli­ka­ner kri­ti­sie­ren. Aber die sind in der Min­der­heit.

Wie se­hen es die Ge­mein­de­mit­glie­der?

Das Pu­b­lic Re­li­gi­on Re­se­arch In­sti­tu­te, für das ich ar­bei­te, hat da­zu ei­ne in­ter­es­san­te Stu­die ge­macht. Ei­ne Um­fra­ge un­ter Evan­ge­li­ka­len er­gab im Jahr 2011, dass nur 30 Pro­zent der Mei­nung wa­ren, dass ei­ne Per­son, die im Pri­vat­le­ben un­mo­ra­lisch han­delt, in ih­rer öf­fent­li­chen Funk­ti­on trotz­dem mo­ra­li­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen kann. 2016, kurz vor der Wahl, ha­ben wir die Um­fra­ge wie­der­holt und plötz­lich glaub­ten es 72 Pro­zent. Die Ar­gu­men­te, die Po­li­ti­ker und Kir­chen­ver­tre­ter an­füh­ren, um die Re­pu­bli­ka­ner trotz Skan­da­len als ein­zig wähl­ba­re Par­tei zu prä­sen­tie­ren, fruch­ten al­so.

Könn­ten die Vor­wür­fe der Frau­en ge­gen Trump doch noch Kon­se­quen­zen ha­ben?

Nein, das glau­be ich nicht. Weil er ge­wählt wur­de, ob­wohl die Vor­wür­fe be­kannt wa­ren. Falls die De­mo­kra­ten wie­der bei­de Kon­gress­kam­mern über­neh­men, wird viel­leicht ei­ne Un­ter­su­chung an­ge­strengt. Seit Do­nald Trump im Amt ist, stel­len sich auf al­len po­li­ti­schen Ebe­nen viel mehr Frau­en zur Wahl – aus Wut. Es ist wich­tig, dass mehr Frau­en in der Po­li­tik sind, denn das wird auch den Um­gang mit The­men wie se­xu­el­le Be­läs­ti­gung ver­än­dern.

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