Ver­nünf­tig ge­fäl­lig

Zum 300. Ge­burts­tag von Jo­hann Joa­chim Winckel­mann: Das Ju­bi­lä­ums­jahr hat neue Re­fe­renz­wer­ke über den Pro­phe­ten des Klas­si­zis­mus her­vor­ge­bracht

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - Von jo­han schloemann

Es geht nicht bloß um ei­ne Bot­schaft, son­dern auch um ei­nen Sound, ei­nen Stil, der ei­ne gan­ze Epo­che er­obert hat. Man stel­le sich bit­te mal ei­nen durch­schnitt­li­chen Wand­text in ei­nem heu­ti­gen Mu­se­um vor. Und dann hö­re man hier dem zu, was Jo­hann Joa­chim Winckel­mann schreibt, wäh­rend er sich im Jahr 1759 in Flo­renz auf­hält:

„Die Gra­zie ist das ver­nünf­tig Ge­fäl­li­ge. Es ist ein Be­griff von wei­tem Um­fang, weil er sich auf al­le Hand­lun­gen er­streckt. Die Gra­zie ist ein Ge­schenk des Him­mels, aber nicht wie die Schön­heit. Denn er er­teilt nur die An­kün­di­gung und Fä­hig­keit zu der­sel­ben. Sie bil­det sich durch Er­zie­hung und Über­le­gung und kann zur Na­tur wer­den, wel­che da­zu ge­schaf­fen ist. Sie ist fer­ne vom Zwan­ge und ge­such­ten Wit­ze, aber es er­for­dert Auf­merk­sam­keit und Fleiß, die Na­tur in al­len Hand­lun­gen, wo sie sich nach ei­nes je­den Ta­lent zu zei­gen hat, auf den rech­ten Grad der Leich­tig­keit zu er­he­ben. (…) Über die Wer­ke des Al­ter­tums aber hat sie sich all­ge­mein er­gos­sen und ist auch in dem Mit­tel­mä­ßi­gen zu er­ken­nen.“

Sei­ne Wir­kung war vom

Schwung des For­mu­lie­rens, von sei­ner Schreibart nicht zu tren­nen

Das ist noch nicht das Saf­tigs­te, Ra­s­an­tes­te, Po­in­tier­tes­te – das Kör­nigs­te, wie man da­mals sag­te –, was Winckel­mann ge­schrie­ben hat, der Lieb­ha­ber schö­ner Kör­per, Stif­ter der mo­der­nen Archäo­lo­gie und Kunst­ge­schich­te, der (Mit-)An­zün­der der Wei­ma­rer Klas­sik, der neu­hu­ma­nis­ti­schen Be­we­gung und des Klas­si­zis­mus. Aber fast im­mer „lau­fen“sei­ne Tex­te her­vor­ra­gend, die Gra­zie hat sich auch dar­über er­gos­sen, und so ver­dank­te sich sei­ne Be­rühmt­heit eben­so wie ei­nem in­halt­li­chen auch ei­nem sprach­li­chen Ef­fekt.

Frei­heit, Schön­heit, Maß­hal­ten und Har­mo­nie, „ed­le Ein­falt und stil­le Grö­ße“: 1755 er­schien Winckel­manns an­ti-ba­ro­ckes Ma­ni­fest „Ge­dancken über die Nach­ah­mung der Grie­chi­schen Wercke in der Mah­le­rey und Bild­hau­er-Kunst“, noch in Dres­den, zur sel­ben Zeit, als er um der Kunst wil­len zum Ka­tho­li­zis­mus kon­ver­tier­te und, mit Kar­di­nä­len als Spon­so­ren, nach Rom zog. Die Ide­en in dem Büch­lein (et­wa über den im To­des­kampf an­geb­lich so ge­fass­ten Lao­koon, den Winckel­mann je­doch spä­ter im Ori­gi­nal an­ders wahr­nahm) ha­ben ei­ne spe­cial re­la­ti­ons­hip zwi­schen den Deut­schen und Grie­chen­land be­grün­det, auch ei­ne sich ver­selbst­stän­di­gen­de Winckel­mann-Ver­eh­rung, mit gu­ten und schlech­ten Fol­gen; aber die Wir­kung ist vom Schwung des For­mu­lie­rens nicht zu tren­nen. In sei­ner Re­zen­si­on schrieb der Ber­li­ner Auf­klä­rer Fried­rich Ni­co­lai, ihm sei „kei­ne deut­sche Schrift“be­kannt, „die in die­ser Schreibart ab­ge­faßt wä­re“.

Am Sams­tag nun, dem 9. De­zem­ber, wird Winckel­manns 300. Ge­burts­tag be­gan­gen. In die­sem Ju­bi­lä­ums­jahr wur­de schon Ei­ni­ges über ihn ge­schrie­ben, auch in der SZ, aber jetzt sind zwei will­kom­me­ne neue Über­blicks­wer­ke er­schie­nen. Das ei­ne, von dem Archäo­lo­gen Fried­rich-Wil­helm von Ha­se be­sorgt, in­for­miert so­li­de über ver­schie­de­ne Aspek­te, von Winckel­manns er­staun­li­cher Auf­stei­ger­bio­gra­fie über sei­ne bahn­bre­chen­den stil­ge­schicht­li­chen Er­kennt­nis­se – es ging ihm nicht mehr nur um Ein­zel­stü­cke oder das Ge­samt­werk ein­zel­ner Künst­ler, son­dern um die Ent­wick­lung „der Kunst“als sol­cher – bis zur gro­ßen Nach­wir­kung. Zum Teil ist das in ei­nem et­was alt­ba­cke­nen hu­ma­nis­ti­schen Ton ge­hal­ten, da­für aber reich be­bil­dert. Das neue „Winckel­mann-Hand­buch“hin­ge­gen ist fort­an ein un­er­setz­li­ches In­stru­ment für al­le, die sich mit Winckel­mann be­schäf­ti­gen, un­gleich gründ­li­cher, be­stückt von maß­geb­li­chen Ex­per­ten auf dem Stand der For­schung.

Man staunt da über Man­ches: Wie Winckel­mann De­tail- und An­schau­ungs­lust mit Sys­te­ma­ti­sie­rung und Syn­the­se, Idea­lis­mus mit Ge­schichts­den­ken ge­ni­al ver­band, auch wenn sei­ne fach­li­chen Ein­sich­ten längst über­holt sind; wie man den frei­heits­lie­ben­den eu­ro­päi­schen Auf­klä­rer und ei­ne Iko­ne der Ho­mo­se­xua­li­tät als He­ros des kämp­fe­ri­schen Deutsch­seins miss­brau­chen konn­te, und vie­les mehr.

Im nächs­ten Ju­ni jährt sich auch Winckel­manns Er­mor­dung in ei­nem Gast­haus in Triest zum 250. Mal – er kam und woll­te wohl auch nie ganz nach Deutsch­land zu­rück. Des­we­gen wird auch das Winckel­mann-Ge­den­ken noch wei­ter­ge­hen: Auf dem Ka­pi­tol in Rom wur­de so­eben die Aus­stel­lung „Il Te­soro di An­ti­chi­tà: Winckel­mann e il Mu­seo Ca­pi­to­li­no nella Ro­ma del Set­te­cen­to“er­öff­net (bis 22. April); vom 13. bis 15. Ju­ni wird in Ber­lin und der Ge­burts­stadt Sten­dal in Sach­sen-An­halt der in­ter­na­tio­na­le Kon­gress „Kunst und Frei­heit“statt­fin­den; und das um­ge­bau­te und er­wei­ter­te Winckel­mann-Mu­se­um in Sten­dal soll vom 26. Mai 2018 an zu­gäng­lich sein.

FO­TO: OH

„Die Gra­zie ist ein Ge­schenk des Him­mels, aber nicht wie die Schön­heit. Denn er er­teilt nur die An­kün­di­gung und Fä­hig­keit zu der­sel­ben“– Jo­hann Joa­chim Winckel­mann (1717 – 1768), por­trä­tiert von Angelika Kauffmann.

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