Schö­ne See­le, blu­ti­ge Ta­ten

Spät ent­deckt: Ein Brief von Böll an Horst Mah­ler

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - Wil­li wink­ler

Fried­rich-Wil­helm von Ha­se (Hrsg.): Die Kunst der Grie­chen mit der See­le su­chend. Winckel­mann in sei­ner Zeit. Ver­lag Phil­ipp von Za­bern, Darm­stadt 2017. 144 Sei­ten, 39,95 Eu­ro.

Mar­tin Dis­sel­kamp, Faus­to Tes­ta (Hrsg.): Winckel­mann-Hand­buch. Le­ben, Werk, Wir­kung. J. B. Metz­ler Ver­lag, Stutt­gart 2017. 374 Sei­ten, 99,95 Eu­ro, E-Book 76,99 Eu­ro. Ein Ge­spräch über Bäu­me zur Un­zeit kann ein Ver­bre­chen sein, ein Ge­spräch über Ge­walt im Jahr 1972 war es ganz be­stimmt. Das Biss­chen mehr De­mo­kra­tie, das Wil­ly Brandt wa­gen woll­te, zer­rann wie die hauch­dün­ne Mehr­heit der so­zi­al­li­be­ra­len Ko­ali­ti­on, die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Län­der be­schlos­sen den Ra­di­ka­len­er­lass ge­gen al­les über­schüs­sig Lin­ke, die Ost­ver­trä­ge wur­den zur na­tio­na­len Ge­wis­sens­fra­ge, und die RAF be­gann ih­re so po­pu­lä­re wie ge­fürch­te­te zwei­te Exis­tenz als Ban­de von Pis­to­le­ros.

„In die Bank und durch­ge­la­den“ti­tel­te der Spie­gel im Ja­nu­ar des Jah­res über die Frei­schär­ler um An­dre­as Baa­der und Ul­ri­ke Mein­hof, aber im Spie­gel er­schien auch ein Auf­ruf von Hein­rich Böll mit der (nicht von ihm ge­wähl­ten) Über­schrift „Will Ul­ri­ke Gna­de oder frei­es Ge­leit?“Sie wol­le mög­li­cher­wei­se gar kei­ne Gna­de, hieß es im Text, „wahr­schein­lich er­war­tet sie von die­ser Ge­sell­schaft kein Recht. Trotz­dem soll­te man ihr frei­es Ge­leit bie­ten, ei­nen öf­fent­li­chen Pro­zess, und man soll­te auch Herrn Sprin­ger öf­fent­lich den Pro­zess ma­chen, we­gen Volks­ver­het­zung“. Denn die Art, wie Bild das Wir­ken der RAF be­glei­tet, ist für ihn „nicht mehr kryp­to­fa­schis­tisch, nicht mehr fa­schis­to­id, das ist nack­ter Fa­schis­mus, Ver­het­zung, Lü­ge, Dreck.“

Horst Mah­ler saß zu sei­nem Glück be­reits seit dem Herbst 1970 im Ge­fäng­nis

Nie in der Ge­schich­te des Spie­gel hat ein Ar­ti­kel sol­ches Auf­se­hen er­regt wie der Auf­ruf Hein­rich Bölls zum Waf­fen­still­stand (ver­bun­den al­ler­dings mit hef­ti­gen Atta­cken ge­gen Sprin­gers Bild). Er wur­de nicht bloß in den Zei­tun­gen und im Fern­se­hen, son­dern so­gar im Bun­des­tag dis­ku­tiert. Ger­hard Lö­wen­thal schimpf­te im Fern­se­hen über „die Bölls und Brück­ners“, die „Sym­pa­thi­san­ten die­ses Links­fa­schis­mus“, die auch nicht bes­ser sei­en „als die geis­ti­gen Schritt­ma­cher der Na­zis“. Doch auch die RAF war von die­sem grüb­le­ri­schen Text kei­nes­wegs über­zeugt. Sie sei­en „ziem­lich wü­tend“ge­we­sen, be­haup­te­te Irm­gard Möl­ler, die mit den An­füh­ren in Stamm­heim im Ge­fäng­nis saß. Vom Krieg von 6 ge­gen 60 Mil­lio­nen, wie sich der Kampf für Böll dar­stell­te, woll­ten die Krie­ger von der RAF nichts hö­ren. Sie woll­ten sich kei­ner Volks­front ge­gen­über­se­hen, son­dern im Na­men des Vol­kes „die Re­gie­rung und den Staat“be­kämp­fen.

Der Rechts­an­walt Horst Mah­ler, An­stif­ter und Be­grün­der der RAF, aber be­reits seit Herbst 1970 im Ge­fäng­nis, re­agier­te auf Bölls Ap­pell mit ei­ner ge­schraub­ten Ent­geg­nung. Zu sei­nem Glück war er be­reits im Herbst 1970 ver­haf­tet wor­den, aber sein Kamp­fes­wil­le war in die­sem Früh­jahr 1972 noch un­ge­bro­chen. In ei­nem Le­ser­brief aus dem Ge­fäng­nis warf er dem Schrift­stel­ler, der zugleich PEN-Prä­si­dent war, al­len Erns­tes vor, man müs­se, um die Ver­hält­nis­se wirk­lich zu än­dern, „auf die Won­ne ver­zich­ten, dem Pu­bli­kum als ‚schö­ne See­le‘ zu gel­ten“. Au­ßer­dem ken­ne er, der po­pu­lä­re Schrift­stel­ler Böll, das Volk nicht, für das zu kämp­fen die RAF im­mer wie­der be­haup­tet hat­te. Selbst­süch­tig sei sein En­ga­ge­ment und ei­tel. „Ist Ih­nen ver­bor­gen ge­blie­ben, dass al­le Ap­pel­le an die RAF auf­zu­ge­ben, nur dem ei­gen­nüt­zi­gen In­ter­es­se ih­rer Au­to­ren die­nen, die für sie le­bens­not­wen­di­ge Lü­ge von der Ver­geb­lich­keit ei­nes wir­ken­den Wi­der­stands wie­der­her­zu­stel­len?“

Für die RAF war Böll wie Gus­tav Hei­ne­mann, der dem wie­der­be­waff­nungs­wil­li­gen Ade­nau­er wi­der­stan­den hat­te und in­zwi­schen Bun­des­prä­si­dent war, ein Li­be­ra­ler, ei­ner, der als „schö­ne See­le“für ei­nen schö­ne­ren Schein auf die Ge­walt sorg­te, viel­leicht wirk­lich nicht mehr als ein nütz­li­cher Idi­ot. Hein­rich Böll hat auf die­sen Un­sinn, wie jetzt be­kannt wird, tat­säch­lich ge­ant­wor­tet. In ih­rer ak­tu­el­len Aus­ga­be bringt die Zeit ei­nen Brief, den er erst drei Mo­na­te nach Mah­lers Zu­recht­wei­sung ge­schrie­ben hat. Wie schon durch Gün­ter Grass, der ihn in der Süd­deut­schen Zei­tung recht staats­tra­gend für sei­ne In­ter­ven­ti­on ge­ta­delt hat­te, fühlt sich Böll von Mah­ler nach deut­scher Art und Kunst, al­so leh­rer­haft ge­maß­re­gelt. Den Vor­wurf, dass ihm das Volk so un­be­kannt sei, weist er zu­rück. „Was für den Ar­bei­ter die Ver­frem­dung ist, ist für den Au­tor Fremd­heit.“

Vor al­lem aber wen­det Böll sich ge­gen die Ge­walt­phi­lo­so­phie, wie sie Mah­ler ver­tritt. Die Ge­walt als Mit­tel zur Ve­rän­de­rung der Ver­hält­nis­se kön­ne „nur ei­ne Ge­walt sein, die ei­ne Mi­no­ri­tät, da­bei ei­ne ganz win­zi­ge Mi­no­ri­tät, ge­gen die über­wie­gen­de Mehr­heit des Vol­kes aus­übt“. Als Böll Mah­ler ant­wor­te­te, am 25. Mai 1972, war der „wir­ken­de Wi­der­stand“der RAF be­reits in vol­lem Gang. Der ir­re­gu­lä­re deut­sche Arm der viet­na­me­si­schen Volks­be­frei­ungs­ar­mee hat­te mit sei­nem Feld­zug ge­gen ame­ri­ka­ni­sche Ka­ser­nen und den Sprin­ger-Ver­lag be­gon­nen. In Frank­furt und Hei­del­berg star­ben vier Men­schen, Dut­zen­de wei­te­re wur­den in Ham­burg, Augs­burg und Mün­chen ver­letzt, we­ni­ge Wo­chen spä­ter war die ge­sam­te ers­te Ge­ne­ra­ti­on der RAF ge­fan­gen. Das Volk hat­te bei der Er­grei­fung mit­ge­hol­fen.

Die Li­te­ra­tur­ge­schich­te ver­dankt dem Streit um Böll im­mer­hin sei­ne von Fried­rich Schil­ler in­spi­rier­te No­vel­le „Die ver­lo­re­ne Eh­re der Kat­ha­ri­na Blum“. Und Max Goldt emp­fiehlt drin­gend, sich von der Bild-Zei­tung fern­zu­hal­ten: „Es sind schlech­te Men­schen, die Fal­sches tun.“

FO­TO: OH

Horst Mah­ler im Ge­spräch mit sei­nem An­walt Ot­to Schi­ly, 1972.

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