Re­bel­li­sche Mäd­chen

100 Frau­en ma­chen vor, wie sie wur­den, wer sie wa­ren

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - KINDER- UND JUGENDSACHBUCH - Ul­ri­ke schus­ter

Kat­ha­ri­na von der Ga­then: Das Lie­bes­le­ben der Tie­re. Mit Il­lus­tra­tio­nen von An­ke Kuhl. Klett Kin­der­buch, Leip­zig 2017. 144 Sei­ten, 18 Eu­ro. ls hät­ten al­le auf das Mär­chen­buch mit den ech­ten Hel­din­nen, auf die 100 star­ken Frau­en mit ih­ren aufregenden Le­ben ge­war­tet. Als fän­den al­le die Grimm­schen Mär­chen über mu­ti­ge Rit­ter, die ma­chen, und schö­ne Prin­zes­sin­nen, die war­ten, ganz nett – aber un­taug­lich für 2017. Nie zu­vor hat ein Buch­pro­jekt über Crowd­fun­ding so viel Geld ge­sam­melt wie die „Gu­te-Nacht-Ge­schich­ten für re­bel­li­sche Mäd­chen“. Men­schen aus mehr als 70 Län­dern ha­ben mehr als ei­ne Mil­li­on Eu­ro ge­spen­det.

Die Au­to­rin­nen, die ita­lie­ni­sche Jour­na­lis­tin Ele­na Fa­vil­li und die Thea­ter­re­gis­seu­rin Fran­ce­sca Ca­val­lo, woll­ten, dass Mäd­chen über das, was ist, hin­aus­träu­men; sie er­mun­tern, sich die Zie­le hö­her zu ste­cken, als es die Ver­nunft vor­schreibt. Je­de der 100 Frau­en-Ge­schich­ten sagt den Mäd­chen: „Mach das, was du willst, über­win­de die Hin­der­nis­se – sei ei­ne Re­bel­lin.“

Die me­xi­ka­ni­sche Ma­le­rin Fri­da Kahlo ist ei­ne der hun­dert. „Wo­zu brau­che ich Fü­ße, wenn ich doch Flü­gel ha­be“, sag­te sie. Selbst in Ganz­kör­per­gips und Stahl­kor­sett, nach ei­nem schwe­ren Ver­kehrs­un­fall, mal­te sie wei­ter und wur­de ei­ne welt­be­rühm­te Künst­le­rin. Es gibt aber auch die Pi­ra­tin von Hai­ti, die wohl un­er­schro­ckens­te Kämp­fe­rin der Ka­ri­bik im 17. Jahr­hun­dert. Mit feu­er­ro­tem Haar führ­te Jac­quot­te De­lahaye ei­ne Hun­derter­schaft von Pi­ra­ten an. Sie sag­te: „Ich könn­te kei­nen Mann lie­ben, der mir be­feh­len will.“

Kei­nem Mann, da­für ih­rer De­pres­si­on, ge­horch­te die Schrift­stel­le­rin Vir­gi­nia Woolf. Pas­sier­te et­was Schlim­mes, war sie wo­chen­lang trau­rig, nicht fä­hig zu funk­tio­nie­ren. „Ich bin ver­wur­zelt, aber ich flie­ße“, sag­te sie. Aber weil Woolf so in­ten­siv fühl­te, schrieb sie ei­ni­ge der wun­der­bars­ten Ge­dich­te und Ro­ma­ne des 20. Jahr­hun­derts. Auch die Ei­ser­ne La­dy, die Po­li­ti­ke­rin Mar­ga­ret That­cher, taucht auf. Ihr Bei­spiel zeigt, was ein Mäd­chen nicht er­war­ten darf: von al­len ge­liebt zu wer­den. Wer re­giert, braucht den ei­ser­nen Wil­len.

Die äl­tes­ten Vor­bild-Frau­en wur­den vor Chris­tus ge­bo­ren, die jüngs­ten in den 1990er-Jah­ren, aber je­de hat das Glei­che er­lebt. El­tern, die sa­gen: „Was sol­len die Nach­barn den­ken?“, Un­ter­neh­men, die das „Schon-im­mer-so-ge­macht“fei­ern; stump­fe Kol­le­gen, die „Schaffst du nicht“sa­gen. Je­de Frau er­kann­te: Sie kriegt nichts ge­schenkt. Will sie was, muss sie es sich ho­len. Das ist ir­re an­stren­gend.

Da­bei fie­len sie hin, heul­ten, wa­ren trau­rig. Dann aber stan­den sie auf, zo­gen sich die So­cken an, kämm­ten sich die Haa­re schön und mach­ten wei­ter. Die hun­dert Frau­en sind nicht des­halb fa­bel­haft, weil sie die Welt ver­än­der­ten, son­dern weil sie wuss­ten, was ein er­folg­rei­ches Le­ben will: der Neu­gier fol­gen, den Lei­den­schaf­ten nach­ge­ben und mit Groß­mut über Feh­ler ur­tei­len. Ele­na Fa­vil­li und Fran­ce­sca Ca­val­lo: Good night sto­ries for re­bell girls. Aus dem Eng­li­schen von Bir­gitt Koll­mann. Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2017. 224 Sei­ten, 24 Eu­ro.

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