Schmei­cheln und Prot­zen

Von der Pan­tof­fel­schne­cke bis zum Gold­hau­ben­gärt­ner: Kat­ha­ri­na von der Ga­then und An­ke Kuhl zei­gen die vie­len un­ter­schied­li­chen Mög­lich­kei­ten, wie sich Tie­re fort­pflan­zen und ih­re Jun­gen auf­zie­hen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - KINDER- UND JUGENDSACHBUCH - Hil­de eli­sa­beth men­zel von ka­trin bla­wat

Fri­da Nils­son: Fro­he Weih­nach­ten, Zwie­bel­chen! Aus dem Schwe­di­schen von Frie­de­ri­ke Bu­ch­in­ger. Bil­der von An­ke Kuhl. Gul­li­ver, 2017 Wein­heim 2017. 140 Sei­ten, 6,95 Eu­ro.

Als Micha­el Bond, der in die­sem Jahr starb, am Hei­lig­abend 1956 ei­nen klei­nen Ted­dy­bä­ren für sei­ne Frau kauf­te, nann­te er ihn Pad­ding­ton, nach dem be­rühm­ten Lon­do­ner Bahn­hof, und fing an, Ge­schich­ten über ihn zu schrei­ben. Er ahn­te nicht, dass die­ser Ted­dy der be­lieb­tes­te Bär der Kin­der in al­ler Welt wer­den wür­de. Als sei­ne Aben­teu­er 2014 ver­filmt wur­den, wird er auch noch ein Film­star. Nach all den Ge­schich­ten über ihn kommt Pad­ding­ton in die­sem Ta­schen­buch nun selbst zu Wort und er­zählt in Brie­fen an sei­ne ge­lieb­te Tan­te Lu­cy in Pe­ru von sei­nem neu­en Le­ben in Lon­don. Sie hat­te ihn an Bord ei­nes Schiffs auf dem Weg nach En­g­land ge­schmug­gelt, denn sie leb­te in ei­nem Heim für pen­sio­nier­te Bä­ren in Li­ma und fand, das sei kein Ort für ein mun­te­res Bä­ren­kind. Da hat er es in Lon­don bes­ser ge­trof­fen, und er er­zählt, wie die Fa­mi­lie Brown ihn auf dem Bahn­hof Pad­ding­ton fin­det und lie­be­voll auf­nimmt. Und wir er­fah­ren von sei­ner Rei­se als blin­der Pas­sa­gier und all den Aben­teu­ern in der gro­ßen Stadt. (ab 8 Jah­re ) Micha­el Bond: Lie­be Grü­ße von Pad­ding­ton. Aus dem Eng­li­schen von Tat­ja­na Kröll. Mit Il­lus­tra­tio­nen von Peg­gy Fort­num & R.W. Al­ley. Carl­sen Ta­schen­buch (1677) Ham­burg 2017. 144 Sei­ten, 6,99 Eu­ro.

Zu­ge­ge­ben, das Sex­le­ben der Pan­tof­fel­schne­cken wirkt ziem­lich bi­zarr. Die klei­nen Mee­res­be­woh­ner sind Zwit­ter. Das al­lein ist noch nicht wei­ter un­ge­wöhn­lich im Tierreich. Doch ist ei­ne Pan­tof­fel­schne­cke nicht gleich­zei­tig männ­lich und weib­lich, son­dern sie wech­selt ihr Ge­schlecht mit der Zeit. Und wäh­rend­des­sen hockt sie ein­ge­klemmt zwi­schen Art­ge­nos­sen, die sich ge­ra­de paa­ren. Pan­tof­fel­schne­cken prak­ti­zie­ren „Sta­pel­sex“, wie es Kat­ha­ri­na von der Ga­then und An­ke Kuhl in ih­rem Buch über „Das Lie­bes­le­ben der Tie­re“nen­nen. Zu­nächst setzt sich ein Männ­chen auf ein Weib­chen und be­fruch­tet es. Ir­gend­wann kommt ein wei­te­res Männ­chen und hockt sich oben drauf. Dar­auf­hin ent­wi­ckelt sich das bis­he­ri­ge Männ­chen in der Mit­te zum Weib­chen. Auf die­se Wei­se kön­nen Tür­me von bis zu zwölf auf­ein­an­der­ge­sta­pel­ten Pan­tof­fel­schne­cken ent­ste­hen.

Ist das nor­mal? Ja, ist es. Ge­nau wie das Sex­le­ben der Pan­das, bei de­nen die Weib­chen – wenn es gut läuft – nur an zwei Ta­gen im Jahr Lust ha­ben, oder die Ver­aus­ga­bung der aus­tra­li­schen Breit­fuß-Beu­tel­mäu­se. Die Männ­chen die­ser Art paa­ren sich ta­ge­lang am Stück mit so vie­len Weib­chen wie mög­lich. Für Es­sen und Trin­ken ha­ben sie kei­ne Zeit. Nach ei­ni­gen Ta­gen ster­ben die Männ­chen an Er­schöp­fung. Für Se­xua­li­tät und Fort­pflan­zung gibt es kein Sche­ma F, das zeigt sich auf je­der ein­zel­nen der an­spre­chend ge­stal­te­ten Sei­ten. Je­der Ver­such ei­ner Ein­tei­lung in „nor­mal“und „un­na­tür­lich“er­scheint bes­ten­falls al­bern, wenn man sich den Reich­tum der Sex- und Part­ner­wahl­prak­ti­ken im Tierreich vor Au­gen führt. Da gibt es Del­fin­männ­chen, die sich ge­gen­sei­tig sti­mu­lie­ren, und männ­li­che Meer­schwein­chen, die ih­re Rang­ord­nung über das ge­gen­sei­ti­ge Be­stei­gen klä­ren. Auch Bo­no­bos lö­sen vie­le Grup­pen­kon­flik­te rou­ti­ne­mä­ßig mit­hil­fe von Sex. Mau­er­seg­ler paa­ren sich blitz­schnell mit­ten im Flug in der Luft, wäh­rend der Akt bei Nas­hör­nern leicht ei­ne St­un­de dau­ert.

Die in­halt­li­che Viel­falt ha­ben Kat­ha­ri­na von der Ga­then als Au­to­rin und An­ke Kuhl als Il­lus­tra­to­rin auch auf die Gestal­tung ih­res Bu­ches über­tra­gen. Län­ge­re, aber im­mer gut ver­ständ­li­che Tex­te wech­seln sich ab mit eher car­toon­ar­ti­gen Zeich­nun­gen und dop­pel­sei­ti­gen Pos­tern, et­wa zu den un­ter­schied­li­chen Pe­nis­sen und Va­gi­nas, die sich qu­er durchs Tierreich ent­wi­ckelt ha­ben.

Wie viel auf­wen­di­ger als der ei­gent­li­che Se­xu­a­lakt in vie­len Fäl­len all das vor­an­ge­hen­de Wer­ben, Um­schmei­cheln und Prot­zen ist, zeigt das Buch et­wa am Bei­spiel des Gold­hau­ben­gärt­ners. Die Männ­chen die­ser Vo­gel­art ver­su­chen die Weib­chen zu be­ein­dru­cken, in­dem sie aus Äs­ten ei­nen weih­nachts­baum-för­mi­gen Turm auf dem Wald­bo­den auf­schich­ten und die­sen mit glit­zern­den Tier­haa­ren schmü­cken. Blau­fußtöl­pel wol­len über mög­lichst knall­blau ge­färb­te Fü­ße über­zeu­gen, un­ter Müt­zen­rob­ben-Männ­chen da­ge­gen gilt ein ro­ter Haut­bal­lon als Qua­li­täts­merk­mal.

Nicht we­ni­ger groß ist die Aus­wahl an Mög­lich­kei­ten, wie Tie­re die Pfle­ge des Nach­wuch­ses und das Fa­mi­li­en­le­ben or­ga­ni­siert ha­ben. Sie rei­chen vom schwan­ge­ren See­pferd­chen-Männ­chen, des­sen Kin­der di­rekt nach der Ge­burt oh­ne el­ter­li­che Hil­fe zu­recht­kom­men müs­sen, bis hin zur Groß­fa­mi­lie der Erd­männ­chen mit ih­rer ef­fi­zi­en­ten Auf­ga­ben­tei­lung: Man­che Erd­männ­chen ste­hen Wa­che, an­de­re schaf­fen vor al­lem Fut­ter her­an. Doch paa­ren – und da wird es dann doch wie­der ein biss­chen bi­zarr – darf sich bei die­sen Tie­ren nur das rang­höchs­te Weib­chen. Oft blei­ben sei­ne un­ter­le­ge­nen Ge­schlechts­ge­nos­sin­nen so­gar un­frucht­bar.

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