Hie­ro­gly­phen­glück

Ei­ne il­lus­trier­te Ge­schich­te der Archäo­lo­gie

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - KINDER- UND JUGENDSACHBUCH - Ha­rald eg­ge­brecht

Ar­chäo­lo­gi­sche Ent­de­ckun­gen ha­ben im­mer et­was vom Aben­teu­er an sich. Der Drei­schritt von Glau­ben, Su­chen, Fin­den prägt vie­le Fund­ge­schich­ten, et­wa Hein­rich Schlie­mann und Tro­ja, Ho­ward Car­ter und Tu­ten­cha­mun oder Jo­hann Lud­wig Burck­hardt und die na­bat­äi­sche Fel­sen­stadt Pe­tra im heu­ti­gen Jor­da­ni­en. Zu die­sen drei Schrit­ten kom­men un­be­dingt noch je­ne Aspek­te, die man nicht pla­nen kann: Zu­fall, Glück, Geis­tes­blitz.

Die Archäo­lo­gin und Kunst­his­to­ri­ke­rin Sil­ke Vry er­zählt in un­be­schwer­tem Ton, un­ter­stützt von eben­so leicht­fü­ßi­gen Il­lus­tra­tio­nen Mar­tin Haa­kes, die Ge­schich­ten von 21 Aus­gra­bungs­sen­sa­tio­nen, zum Bei­spiel die Ent­zif­fe­rung der Hie­ro­gly­phen durch Je­an-François Cham­pol­li­on. Die­se Tat mach­te aus dem mit Rät­seln und Aber­glau­ben voll­ge­stopf­ten al­ten Ägyp­ten mit ei­nem Mal ei­ne Höchst­kul­tur, de­ren Fels­in­schrif­ten, Pa­py­ru­s­auf­zeich­nun­gen und Wand­ma­le­rei­en nun ent­hüll­ten, wie die Pha­rao­nen über drei Jahr­tau­sen­de hin ei­ner von heu­te aus ge­se­hen un­vor­stell­bar gut funk­tio­nie­ren­den sta­bi­len Staats­macht und -kul­tur vor­stan­den, gött­lich und mensch­lich zugleich.

Na­tür­lich war Fe­li­ce de Fre­dis 1506 kein Archäo­lo­ge im wis­sen­schaft­li­chen Sinn, son­dern ein Wein­bau­er, der durch Zu­fall die ein­zig­ar­ti­ge Skulp­tu­ren­grup­pe des Lao­koon auf dem Fo­rum Ro­ma­num fand, die dann Mi­che­lan­ge­lo so­fort als Meis­ter­werk be­wun­der­te. Auch Yang Zhi­fa, der 1974 beim Gr­a­ben ei­nes Brun­nens auf die gran­dio­se Ter­ra­cot­ta-Ar­mee des Kai­sers Qin Shi Huang­di aus dem drit­ten vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert stieß, war Reis­bau­er. Ganz an­ders da­ge­gen die Welt der mo­der­nen Un­ter­was­ser­ar­chäo­lo­gie, in der mög­li­che Fund­or­te ge­zielt un­ter­sucht wer­den.

Trotz­dem bleibt im­mer der ers­te Mo­ment des glück­li­chen Schocks, als et­wa Franck God­dio 1995 Alt­ägyp­ti­sches un­ter Was­ser ent­deck­te. Ei­gent­lich war God­dio Fi­nanz­ex­per­te, doch dann ent­wi­ckelt er die Un­ter­was­ser­ar­chäo­lo­gie vom Hob­by zum flo­rie­ren­den Zweig der Aus­gra­bungs­wis­sen­schaft. Selbst­ver­ständ­lich darf ein Mann wie der Eth­no­lo­ge Thor Hey­er­dahl nicht feh­len, der mit der Fahrt des Flo­ßes Kon­ti­ki ge­wis­ser­ma­ßen die ex­pe­ri­men­tel­le Archäo­lo­gie er­fun­den hat, al­so wis­sen­schaft­li­che The­sen durch rea­les Aus­pro­bie­ren zu be­wei­sen. Nun, die Os­ter­in­sel wur­de trotz der Kon­ti­ki-Fahrt nicht von Süd­ame­ri­ka, son­dern von an­de­ren pa­zi­fi­schen In­seln aus be­sie­delt, das be­le­gen ge­ne­ti­sche Un­ter­su­chun­gen. Üb­ri­gens heißt Ra­pa Nui, so der ein­hei­mi­sche Na­me für die In­sel, nicht„Na­bel der Welt“. Das wä­re näm­lich in der Ra­pa­nui-Spra­che „Te Pi­to te He­nua“. Sil­ke Vry/Mar­tin Haa­ke: Ver­bor­ge­ne Schät­ze, ver­sun­ke­ne Wel­ten. Gro­ße Archäo­lo­gen und ih­re Ent­de­ckun­gen. Gers­ten­berg Ver­lag, Hil­des­heim 2017. 160 Sei­ten, 24,95 Eu­ro.

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