Der Be­ginn der Frei­heit

„Denk selbst!“– Jörg Ber­nar­dy lädt jun­ge Men­schen zum Phi­lo­so­phie­ren ein

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - KINDER- UND JUGENDSACHBUCH - Jo­han schloemann

Phi­lo­so­phie ist so schwie­rig, weil sie so ein­fach ist. Phi­lo­so­phie ist so ein­fach, weil sie so schwie­rig ist. Kin­der stel­len ger­ne all­ge­mei­ne Fra­gen, Ju­gend­li­che ger­ne Sinn­fra­gen. Es sind oft sehr na­he­lie­gen­de Fra­gen („War­um ha­ben nicht al­le Leu­te gleich viel Geld?“, „War­um muss man ster­ben?“), aber sie brin­gen den All­tag durch­ein­an­der, weil es ver­teu­felt schwie­rig ist, auch nur den An­satz ei­ner sinn­vol­len oder gar sinn­stif­ten­den Er­klä­rung zu ge­ben, oh­ne dass das Zeit­bud­get ei­nes Früh­stücks oder ei­ner Schul­stun­de ge­sprengt wird.

In sol­chen Mo­men­ten merkt man au­ßer­dem bald, dass die Er­wach­se­nen sich über vie­le wich­ti­ge Din­ge auch nicht so recht im Kla­ren sind. Oder dass sie Wi­der­sprü­che ver­ste­cken. Des­we­gen stel­len Er­wach­se­ne im All­tag sehr un­gern Grund­satz­fra­gen, nicht nur aus Zeit­man­gel. Die­se Ein­sicht kann scho­ckie­rend sein, aber das Brö­ckeln der Au­to­ri­tät ist na­tür­lich auch der Be­ginn der Frei­heit. Selbst wenn man sich dann erst ein­mal in ei­nem Knäu­el von Un­klar­hei­ten ver­hed­dern kann – der ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph Wil­frid Sel­lars sag­te ein­mal: „Das Ziel der Phi­lo­so­phie ist es, zu ver­ste­hen, wie Din­ge im wei­test­mög­li­chen Sinn des Be­griffs zu­sam­men­hän­gen im wei­test­mög­li­chen Sinn des Be­griffs.“

Hil­fe beim Sor­tie­ren des Knäu­els bie­tet jetzt der Ham­bur­ger Phi­lo­soph Jörg Ber­nar­dy. Sein Buch „Phi­lo­so­phi­sche Ge­dan­ken­sprün­ge“ist ei­ne zeit­ge­mä­ße Ein­füh­rung ins Sel­ber­den­ken, wo­zu al­ler­dings im­mer auch die Aus­ein­an­der­set­zung mit schon Ge­dach­tem ge­hört.

Man könn­te es für ei­nen aus­ge­lei­er­ten päd­ago­gi­schen Trick hal­ten, dass der fra­gen­de Ju­gend­li­che in die­sem Buch stän­dig zu­rück­ge­fragt wird, aber das wä­re un­ge­recht, denn ers­tens ist das nun mal der An­fang al­ler Phi­lo­so­phie; zwei­tens geht der Au­tor zwar im­mer wie­der von der Le­bens­welt der jun­gen Le­se­rin­nen und Le­ser aus, bie­dert sich aber doch nicht bei ih­nen an; und drit­tens sind sei­ne vie­len Fra­gen sehr hilf­reich in zehn The­men­be­rei­che ge­glie­dert. Es be­ginnt – wo­mit sonst? – mit dem Ich; dar­auf fol­gen die Ka­pi­tel Mensch, Na­tur, Tier, Freund­schaft, Spra­che, Lie­be, Ge­sell­schaft, Me­di­en und Sinn.

Ein Ge­winn die­ses Bu­ches – es spricht in­ter­es­sier­te Ober­stu­fen­schü­ler an – ist, dass es klar­macht, wie Prin­zi­pi­el­les und All­täg­li­ches eben doch eng zu­sam­men­hän­gen, an­ders, als es land­läu­fi­ge Vor­stel­lun­gen vom „Her­um­phi­lo­so­phie­ren“wol­len. Ber­nar­dy macht es an­schau­lich: War­um fürch­ten wir den Kli­ma­wan­del, tun aber im Kon­kre­ten we­nig da­ge­gen? Steckt im Smart­pho­ne nur Tech­nik oder auch Geist? Kann ich oh­ne Wör­ter den­ken, und wie viel tue ich je­den Tag be­wusst, wie viel un­be­wusst? Bin ich nor­mal, muss ich es sein?

Die Gestal­tung des Bu­ches (von Lin­da Wöl­fel) ist in ei­ner Art Re­tro-Col­la­ge-Stil in bun­ten Schnip­seln ge­hal­ten. Als der Ver­fas­ser die­ser Re­zen­si­on be­gann, sich für Phi­lo­so­phie zu in­ter­es­sie­ren, trug er schwar­ze Roll­kra­gen­pull­over, rauch­te fil­ter­lo­se Zi­ga­ret­ten und hät­te das De­sign schreck­lich ge­fun­den. Aber je­der ist ver­schie­den, wie man auch in die­sem Buch lernt. Jörg Ber­nar­dy: Phi­lo­so­phi­sche Ge­dan­ken­sprün­ge – Denk selbst! Beltz & Gel­berg, Wein­heim 2017. 139 Sei­ten, 16,95 Eu­ro.

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