Qua­dra­ti­sche Zie­gen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Chris­ti­an we­ber

Die Ka­me­ra nä­hert sich vom Fluss her, fliegt über ei­ne wil­de Was­ser­land­schaft auf ei­ne In­sel zu – buck­li­ge, glat­te Fel­sen, um­rahmt vom Dschun­gel. Dann kommt sie zum Ste­hen, senkt sich und zeigt ihr Ziel­ob­jekt, ein rie­si­ges, in den St­ein ge­ritz­tes Bild: Über­le­bens­groß Zie­gen mit qua­dra­ti­schem Kör­per und Rin­gel­schwanz, Kä­fer, Schild­krö­ten, Mäu­se und – ganz klein – ein paar Men­schen. Gro­ße Fels­kunst, zu se­hen auf der In­sel Pi­cu­re in den Rau­da­les de Atu­res ei­ner Re­gi­on am Ori­no­co, in der frü­her das in­di­ge­ne Volk der Ado­les leb­te. Mit­hil­fe von Droh­nen hat der Archäo­lo­ge Phi­lip Ri­ris vom Uni­ver­si­ty Col­le­ge Lon­don kürz­lich ent­deck­te Fels­bil­der an der West­gren­ze Ve­ne­zue­las ver­mes­sen, fo­to­gra­fiert und in der Fach­zeit­schrift An­ti­qui­ty vor­ge­stellt. Ei­ni­ge die­ser Er­kun­dungs­flü­ge kann je­der nach­voll­zie­hen (https://you­tu.be/WPGnTReuiOY). Die ver­mut­lich 2000 Jah­re al­ten Pe­tro­gly­phen be­fin­den sich auf ins­ge­samt fünf In­seln. Sie ka­men zum Teil nur des­halb zum Vor­schein, weil der Ori­no­co ei­nen his­to­risch nied­ri­gen Was­ser­stand hat­te. Dank der Droh­nen ge­lan­gen die Auf­nah­men von den schwer zu­gäng­li­chen Or­ten. Ins­ge­samt 209 kunst­vol­le Darstel­lun­gen von Tie­ren, Men­schen und kul­tu­rel­len Ri­tua­len hat Ri­ris do­ku­men­tiert. Das größ­te Bild­ta­bleau ist 304 Qua­drat­me­ter groß und be­steht aus 93 Gra­vu­ren. Ein­drucks­voll ist das Bild ei­ner 30 Me­ter lan­gen Horn­vi­per.

Über die Be­deu­tung der Fels­bil­der lässt sich nur spe­ku­lie­ren. So weiß man, dass die Rau­da­les de Atu­res frü­her ei­ne Re­gi­on wa­ren, in der sich vie­le Eth­ni­en und Kul­tu­ren be­geg­ne­ten, in der das sai­so­na­le Stei­gen und Fal­len des Fluss­pe­gels wich­tig für Trans­port und Rei­sen war. Wo­mög­lich spiel­ten die Bil­der ei­ne Rol­le bei Ri­tua­len, in de­nen die­ser na­tür­li­che Rhyth­mus ge­fei­ert wur­de.

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