Macht­kampf zwi­schen See­ho­fer und Mer­kel

Ge­gen den Wil­len sei­ner Kanz­le­rin will der CSU-In­nen­mi­nis­ter die Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen an der Gren­ze so­fort durch­set­zen. Die CDU-Che­fin sucht ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung und sieht ih­re Par­tei hin­ter sich

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Von mi­ke szymanski

(SZ) Es ist wirk­lich nicht leicht, Ga­b­ri­el­le Epstein bö­se zu sein. Meis­tens ist sie al­ler­bes­ter Lau­ne. Sie hat es sich zur Auf­ga­be ge­macht, mit­tels In­ter­net und Ab­bil­dun­gen ih­rer selbst auch an­de­re Men­schen zu er­freu­en. „Wenn du auch Kaf­fee und Hun­de magst, kön­nen wir Freun­de wer­den“: So lau­ten die Bot­schaf­ten, die Ga­b­ri­el­le Epstein in ei­ne ver­dros­se­ne Welt hin­aust­wit­tert. Ih­re Welt sind die Surf­pa­ra­die­se an Aus­tra­li­ens gol­de­ner Küs­te, von wo aus sie ih­re 1,7 Mil­lio­nen Fol­lo­wer an den Freu­den und an den Bi­ki­nis ih­res Le­bens teil­ha­ben lässt. Mal hält sie ei­nen be­mer­kens­wert drah­ti­gen jun­gen Herrn im Arm, ein an­der­mal ein sü­ßes Fer­kel in die Ka­me­ra. Mal macht sie es sich auf ei­nem Schlauch­boot be­quem, das die Form ei­nes pin­ken Rie­senk­a­ka­dus hat, dann wie­der lässt sie sich und ih­re Son­nen­bräu­ne von ei­nem freund­li­chen Del­fin be­wun­dern. Aber neu­lich hat sie vor lau­ter Freund­lich­keit ei­nen Feh­ler ge­macht. Auf ih­rem neu­es­ten Bi­ki­ni-Fo­to nimmt sie ei­ne nach­denk­li­che Hal­tung ein und zeigt ei­ne klei­ne Nar­be auf dem Bein. Seht her, sagt das Bild, und grämt euch nicht: Selbst ich bin nicht per­fekt.

Doch wel­cher Un­dank. Die Schö­ne von der Gold Co­ast gilt im Netz plötz­lich als Bay­watch-Biest, kein Stück bes­ser als die bö­sen al­ten wei­ßen Män­ner, die un­se­re Welt ver­der­ben. So schlimm sind die Vor­wür­fe. Vie­le Men­schen, die sich selbst für häss­li­cher hal­ten, als es Ga­b­ri­el­le Epstein ist, füh­len sich von ihr dis­kri­mi­niert und emo­tio­nal ver­letzt, sie schrei­ben ihr Sa­chen wie: Selbst Dei­ne Nar­be ist schö­ner als mein Ge­sicht. Soll­te das zu­tref­fen, könn­te Ga­b­ri­el­le Epstein zwar auch nichts da­für. Aber dar­auf kommt es nicht an. Wor­auf es an­kommt ist: Man will be­lei­digt sein.

Vie­le Leu­te sind heu­te sehr gern be­lei­digt, weil sie dann je­man­den ha­ben, der dar­an schuld ist, wenn sie wie­der schlecht drauf sind. Thi­lo Sar­ra­zin ist be­lei­digt, weil im­mer noch an­de­re Mei­nun­gen zu­ge­las­sen blei­ben als die sei­ne; des­we­gen klagt der Best­sel­ler­au­tor, er dür­fe in die­sem Land sei­ne Mei­nung nicht mehr sa­gen. Der Ju­so-Chef Ke­vin Küh­nert ist be­lei­digt, weil in Talk­shows Wi­der­wor­te fie­len; seit­dem er­zählt Küh­nert, er wer­de auf­grund sei­ner Ju­gend dis­kri­mi­niert. Auch man­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler sind be­lei­digt, denn sie ha­ben sich den de­mo­kra­ti­schen Dis­kurs, den sie stets for­dern, nicht so vor­ge­stellt, dass tat­säch­lich Leu­te mit ih­nen dis­ku­tie­ren wol­len. Sie schrei­ben dann Auf­sät­ze dar­über, dass sol­che Leu­te den de­mo­kra­ti­schen Dis­kurs ver­let­zen; und weil nie­mand die­se Auf­sät­ze ver­steht, sind sie noch be­lei­dig­ter als zu­vor. Was Ga­b­ri­el­le Epstein be­trifft, so ist zwar un­ge­wiss, ob sie mit dem Werk Scho­pen­hau­ers ver­traut ist. Der al­te Meis­ter aber, der noch zu gran­teln ver­stand, oh­ne be­lei­digt zu sein, hät­te Trost für sie ge­wusst: „Frei­lich legt der, wel­cher schimpft, da­durch an den Tag, daß er nichts Wirk­li­ches und Wah­res ge­gen den Edeln vor­zu­brin­gen hat.“ Ber­lin – Der uni­ons­in­ter­ne Asyl­streit hat sich am Don­ners­tag zum of­fe­nen Macht­kampf zwi­schen Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und CSU-Chef Horst See­ho­fer aus­ge­wach­sen. Ge­gen den Wil­len der Kanz­le­rin plant die CSU in ei­nem Al­lein­gang, Flücht­lin­ge so bald wie mög­lich be­reits an den deut­schen Gren­zen ab­zu­wei­sen, wenn sie zu­vor in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern re­gis­triert wur­den. Nach ei­ner au­ßer­plan­mä­ßi­gen Son­der­sit­zung der CSU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten sag­te de­ren Vor­sit­zen­der, Alex­an­der Do­brindt, See­ho­fer ha­be „100 Pro­zent“Un­ter­stüt­zung für sei­ne Po­si­ti­on.

Mer­kel wie­der­um fand gro­ßen Rück­halt bei den ge­son­dert ta­gen­den CDU-Ab­ge­ord­ne­ten. Mehr als 50 Wort­mel­dun­gen ha­be es ge­ge­ben, hieß es in Frak­ti­ons­krei­sen, nur fünf bis sechs Par­la­men­ta­ri­er hät­ten Zu­stim­mung für See­ho­fers Vor­stoß er­ken­nen las­sen. Mer­kel füh­le sich des­halb in ih­rer Li­nie be­stärkt, auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne in den nächs­ten zwei Wo­chen doch noch ei­ne Lö­sung zu su­chen. Sie selbst ha­be das vor den Ab­ge­ord­ne­ten aber auch als „am­bi­tio­nier­tes Vor­ha­ben“be­zeich­net. Die­se Zeit wol­len ihr die Christ­so­zia­len je­doch nicht ge­ben.

Am Mon­tag will die CSU in ih­rem Par­tei­vor­stand ein Vo­tum her­bei­füh­ren. Da­nach soll sich Par­tei­chef See­ho­fer in sei­ner Ver­ant­wor­tung als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter be­reits an die Um­set­zung ma­chen. CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Mar­kus Blu­me sag­te nach der Sit­zung, es ge­he um ei­ne „his­to­ri­sche Wei­chen­stel­lung“. Die CSU ste­he „wie ei­ne Eins hin­ter Horst See­ho­fer“. Die Par­tei ha­be lan­ge ge­war­tet und „auf Lö­sun­gen ge­hofft“. In der CDU-Frak­ti­ons­sit­zung ha­be der an­ge­droh­te Al­lein­gang der CSU Teil­neh­mern zu­fol­ge „kei­ne Rol­le“ge­spielt. Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der ha­be sich ver­är­gert ge­zeigt, dass See­ho­fer im­mer noch nicht den an­ge­kün­dig­ten Mas­ter­plan zur Flücht­lings­po­li­tik vor­ge­legt ha­be, der den ak­tu­el­len Rich­tungs­streit aus­lös­te.

Dass Ab­ge­ord­ne­te von CDU und CSU ge­trennt tag­ten, hat Er­in­ne­run­gen an den Tren­nungs­be­schluss von Kreuth ge­weckt: 1976 hat­te die CSU die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft der Uni­ons­par­tei­en auf­ge­kün­digt. CDU-Par­la­men­ta­ri­er sol­len in ih­rer Sit­zung be­tont ha­ben, dass die Uni­on stets ih­re Stär­ke aus der Ge­mein­schaft ge­zo­gen ha­be und die­se un­be­dingt zu er­hal­ten sei. Am Don­ners­tag woll­ten Do­brindt und Kau­der noch ein­mal zu­sam­men­kom­men und ge­mein­sam be­spre­chen, wie es wei­ter­geht.

Der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD be­müh­te sich am Don­ners­tag, nicht wei­ter in den Streit der Uni­ons­par­tei­en hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den. Par­tei­che­fin Andrea Nah­les for­der­te nach ei­ner kur­zen Son­der­sit­zung ih­rer Frak­ti­on CDU und CSU auf, den Kon­flikt „mög­lichst bald zu be­en­den“. Die SPD ste­he „aus­drück­lich“zu den „um­fang­rei­chen und kon­kre­ten Ver­ab­re­dun­gen im Ko­ali­ti­ons­ver­trag“. FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner hat Un­ter­stüt­zung für die Po­si­ti­on See­ho­fers als „Zwi­schen­schritt“er­ken­nen las­sen. Grü­nen-Frak­ti­ons­che­fin Ka­trin Gö­ring-Eckardt äu­ßer­te sich „tief be­sorgt an­ge­sichts der Re­gie­rungs­kri­se“, das Land ste­he an ei­nem Schei­de­weg.

Bumm

Wow

Puh der Ver­an­stal­tung bil­de­te der Auf­tritt des bri­ti­schen Pop-Mu­si­kers Rob­bie Wil­li­ams. Im An­schluss traf die Aus­wahl der Gast­ge­ber­na­ti­on auf die Mann­schaft aus Sau­diA­ra­bi­en. Die deut­sche Mann­schaft be­strei­tet ihr ers­tes Spiel bei der WM am Sonn­tag ge­gen Me­xi­ko.

FO­TOS: AFP, DPA

Mi­nis­ter­er­lass oder Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz: Der CSU-Vor­sit­zen­de Horst See­ho­fer und die CDU-Che­fin An­ge­la Mer­kel am Don­ners­tag im Bun­des­tag.

Ei­nen Fuß­bal­ler wie ihn wird es wohl nie wie­der ge­ben. Ei­ne Ver­nei­gung vor der Sport­le­gen­de Gerd Mül­ler. Ei­ne Grund­schu­le in Bran­den­burg war als Pro­blem­schu­le ver­schrien – bis ei­ne Leh­re­rin aus Sy­ri­en kam und vie­les bes­ser wur­de. Vie­le Leu­te tra­gen...

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