Mehr Staus, mehr Po­li­zis­ten, we­ni­ger Asyl­su­chen­de

Was strik­te Kon­trol­len an den deut­schen Gren­zen be­deu­ten wür­den

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Andre­as glas, ro­land preuss

Jür­gen Pfeil ist auf dem Weg in den Som­mer­ur­laub. Mit sei­ner Frau fährt er an den Gar­da­see, ge­ra­de ma­chen sie ei­nen Stopp in Süd­ti­rol. „Ich sit­ze in Ita­li­en, da geht es mir gut, ich ha­be al­le Gren­zen hin­ter mir“, sagt er. Da­heim, in Pas­sau, ist das an­ders. Mit den Grenz­kon­trol­len „hat da kei­ner Spaß“. Pfeil ist Spe­di­teur, 50 Mit­ar­bei­ter, 30 Lkw. Seit zwei­ein­halb Jah­ren wird im Raum Pas­sau wie­der kon­trol­liert, seit zwei­ein­halb Jah­ren muss er sich täg­lich är­gern. „Auch un­se­re Fah­rer nervt es wie die Sau“, sagt Pfeil. Im­mer ist Stau, die Fah­rer kön­nen ih­re Termine nicht ein­hal­ten, den Spe­di­teur kos­tet das Geld. Und jetzt? Will Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) Flücht­lin­ge, die be­reits in an­de­ren EUStaa­ten re­gis­triert wur­den, di­rekt an der Gren­ze ab­wei­sen. Das dürf­te nur mit flä­chen­de­cken­den Grenz­kon­trol­len mög­lich sein. Nicht nur an Bay­erns Gren­zen, über­all in der Re­pu­blik. Der­zeit kon­trol­liert die Bun­des­po­li­zei laut Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der (CSU) nur an drei von 90 Grenz­über­gän­gen in Bay­ern durch­gän­gig.

Noch weiß kei­ner, wie in der Pra­xis aus­se­hen wür­de, was See­ho­fer vor­hat. Aber die Pas­sau­er Grenz­re­gi­on ist ein gu­ter Ort, um der Fra­ge nach­zu­spü­ren, wie sich der All­tag der Men­schen bald auch in an­de­ren deut­schen Grenz­re­gio­nen ver­än­dern könn­te. Im Raum Pas­sau, an der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze, ka­men 2015 Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge über die so­ge­nann­te Bal­kan­rou­te ins Land. Seit­her ist die Zahl an­kom­men­der Flücht­lin­ge zwar stark ge­sun­ken, doch die Kon­trol­len auf der Au­to­bahn A 3 gibt es im­mer noch. Eben­so auf der A 8 bei Schwarz­bach und bei Kie­fers­fel­den, an der Süd­gren­ze zu Ös­ter­reich. Im Au­gust 2017 stan­den dort die Au­tos zwi­schen Mün­chen und Salz­burg auf 33 Ki­lo­me­tern, an ei­nem Sams­tag im Ju­ni wa­ren es 29 Ki­lo­me­ter. Das wa­ren laut ADAC auch die bei­den deut­schen Re­kord-Staus im Jahr 2017.

Fast 42 000 Asyl­su­chen­de wa­ren 2017 be­reits in an­de­ren EU-Län­dern er­fasst wor­den

Die Kon­trol­len be­tref­fen nicht nur Spe­di­teu­re wie Pfeil, sie wür­den auch an­de­re Un­ter­neh­mer, die grenz­über­schrei­tend tä­tig sind, Zeit und Geld kos­ten, wo­mög­lich auch Auf­trä­ge, wenn man an Hand­wer­ker denkt. Hin­zu kom­men die vie­len Ar­beit­neh­mer, die über die Gren­ze pen­deln.

Spe­di­teur Pfeil nennt die bis­he­ri­gen Kon­trol­len „ge­spiel­te Si­cher­heit“. So ähn­lich sa­gen das vie­le, die täg­lich über die Gren­ze bei Pas­sau pen­deln. An ei­nem Rast­platz ste­hen Po­li­zis­ten mit Ma­schi­nen­pis­to­len und schau­en durch die Wind­schutz­schei­ben der Au­tos, die im Schritt­tem­po vor­bei­rol­len. Sicht­kon­trol­le heißt das in der Po­li­zei­spra­che. Wer nach Schleu­ser aus­sieht, wird raus­ge­wun­ken. Dass das ef­fek­tiv ist, be­zwei­felt Pfeil. Wer un­be­merkt ein­rei­sen wol­le, „nimmt nicht den Haupt­ein­gang“, son­dern die Land­stra­ßen und die Schleich­we­ge ab­seits der Au­to­bah­nen. Dort steht zwar auch oft ein Po­li­zei­au­to, aber eben nicht re­gel­mä­ßig. Woll­te man die­se Schleich­we­ge schlie­ßen, so müss­ten viel mehr Po­li­zis­ten ein­ge­setzt wer­den. Da­zu aber feh­le In­fra­struk­tur und Per­so­nal, heißt es in Krei­sen der Bun­des­po­li­zei. An der Kon­troll­stel­le bei Pas­sau et­wa sind pro Schicht bis zu 30 Po­li­zis­ten im Ein­satz. Zu­dem müss­te man an den Über­gän­gen neue Pos­ten auf­bau­en, samt Com­pu­tern für den Ab­gleich, ob ein Flücht­ling be­reits an­ders­wo in der EU er­fasst wur­de; die al­ten Grenz­sta­tio­nen wur­den ja still­ge­legt.

Im Ge­gen­zug er­hofft sich See­ho­fer sin­ken­de Flücht­lings­zah­len und da­mit ei­ne Ent­las­tung der Asyl­be­hör­den. Das Po­ten­zi­al ist durch­aus groß: Im ver­gan­ge­nen Jahr stell­ten gut 198 000 Men­schen erst­mals ei­nen Asyl­an­trag in Deutsch­land, bei fast 42 000 von ih­nen ver­lang­ten die Be­hör­den von an­de­ren EU-Staa­ten, dass sie die­se wie­der auf­neh­men, da ih­re Fin­ger­ab­drü­cke be­reits in der eu­ro­päi­schen Da­tei Eu­ro­dac vor­han­den wa­ren, wie aus ei­ner Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf ei­ne An­fra­ge der Links­frak­ti­on her­vor­geht. Das heißt: Die­se Men­schen wa­ren über an­de­re EU-Län­der nach Deutsch­land ge­kom­men und die­se Staa­ten nach eu­ro­päi­schem Recht des­halb grund­sätz­lich für ihr Asyl­ver­fah­ren zu­stän­dig. Um die­se Grup­pe geht es der CSU. Denn bis­her kommt es sehr oft nicht zu Ab­schie­bun­gen in die ei­gent­lich zu­stän­di­gen EU-Län­der, im Jahr 2017 wa­ren es le­dig­lich et­was mehr als 7000, ein Bruch­teil der an­ge­frag­ten Fäl­le.

Die Grün­de da­für sind viel­fäl­tig: Oft wei­gern sich die zu­stän­di­gen Län­der, Grie­chen­land zum Bei­spiel, die ab­ge­lehn­ten Asyl­su­chen­den tau­chen zu­vor un­ter, kla­gen, oder die so­ge­nann­ten Über­nah­me­er­su­chen deut­scher Asyl­be­hör­den an die an­de­ren Län­der sind man­gel­haft for­mu­liert. Die so­ge­nann­ten Du­blin-Fäl­le be­deu­ten ei­ni­gen Auf­wand: Die Asyl­su­chen­den müs­sen in Deutsch­land un­ter­ge­bracht, die Zu­stän­dig­keit ge­klärt, und häu­fig muss über Kla­gen ent­schie­den wer­den. Hin­zu kom­men die Ab­schie­bun­gen, die nicht nur Här­ten für Flücht­lin­ge mit sich brin­gen, son­dern auch vie­le Po­li­zis­ten be­schäf­ti­gen.

Ei­ne Ab­wei­sung wür­de die­se Last auf an­de­re EU-Staa­ten ab­wäl­zen, ins­be­son­de­re auf Ös­ter­reich. In klei­ne­rem Um­fang fin­den die so­ge­nann­ten Zu­rück­wei­sun­gen be­reits statt, seit die Kon­trol­len an deut­schen Gren­zen 2015 wie­der ein­ge­führt wur­den. Ver­gan­ge­nes Jahr muss­ten des­halb gut 7500 Men­schen wie­der um­keh­ren.

FO­TO: JE­AN-PIER­RE AMET/REU­TERS

Frank­reich weist seit lan­gem Flücht­lin­ge an der Gren­ze zu Ita­li­en zu­rück. Vie­le war­ten trotz­dem auf ih­re Chan­ce, hier bei Vin­ti­mil­le.

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