Die Zer­rüt­tung

Der Macht­kampf mit Horst See­ho­fer bringt An­ge­la Mer­kel so na­he an das En­de ih­rer Kanz­ler­schaft wie nie zu­vor. Wel­cher Kom­pro­miss soll die­se Be­zie­hung noch ret­ten?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DIE SEITE DREI - Von con­stan­ze von bul­li­on, ni­co fried und ro­bert roß­mann

Wie geht’s jetzt wei­ter? Es ist spä­ter Nach­mit­tag in Ber­lin. Im Kanz­ler­amt wird An­ge­la Mer­kel er­war­tet. Pres­se­kon­fe­renz nach dem Tref­fen der Re­gie­rungs­che­fin mit den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Län­der. Ei­gent­lich ein Rou­ti­ne­ter­min. Pünkt­lich geht das nie los. Aber an die­sem Don­ners­tag ist die Span­nung doch be­son­ders groß – an die­sem 14. Ju­ni, für den manch ei­ner schon das Wort „his­to­risch“ge­fun­den hat, und zwar nicht ir­gend­wer, son­dern im­mer­hin Wolf­gang Schäu­b­le, der mit sol­chen Be­grif­fen nicht leicht­fer­tig um­geht.

Man möch­te An­ge­la Mer­kel jetzt ein­fach mal er­le­ben. Wie sieht sie aus nach den ver­gan­ge­nen St­un­den? Wie gibt sie sich an die­sem Tag, an dem sie dem vor­zei­ti­gen En­de ih­rer Kanz­ler­schaft wohl so na­he ge­kom­men ist wie nie zu­vor? Wie er­schöpft ist die Kanz­le­rin nach der er­geb­nis­lo­sen Ver­hand­lung in der Nacht zu­vor, nach der fast end­lo­sen De­bat­te mit den CDU-Ab­ge­ord­ne­ten? Und wie ver­stört von dem, was die CSU in­zwi­schen al­les los­ge­las­sen hat? Vor al­lem aber wä­re es ja auch mal in­ter­es­sant zu hö­ren, was sie selbst ei­gent­lich zu sa­gen hat, nicht nur ih­ren ei­ge­nen Leu­ten, son­dern auch den Bür­gern.

Nur ei­nes ist klar: Es geht jetzt noch mal wei­ter, zwei Wo­chen un­ge­fähr. Noch mehr Sit­zun­gen und Ver­hand­lun­gen. Es klingt, als wä­re der Show­down noch mal ver­scho­ben wor­den, aber das stimmt nicht. Er hat längst be­gon­nen. An­ge­la Mer­kel und Horst See­ho­fer, sie ste­cken mit­ten­drin. Es geht nicht mehr nur um ei­nen von 63 Punk­ten im Mas­ter­plan des In­nen­mi­nis­ters zur Asyl­po­li­tik, nicht mehr um die Fra­ge, wer ab­ge­wie­sen wer­den darf an der deut­schen Gren­ze. Es geht um Ver­trau­en, um Au­to­ri­tät, oder noch sch­lich­ter: um die Macht. Noch ei­ne Ver­söh­nung nach die­sem Streit – wer soll das glau­ben? Und wenn sie doch wie­der ei­ne in­sze­nie­ren, so wie vor der letz­ten Bun­des­tags­wahl – wer soll das noch ernst neh­men?

Denn die­se viel­leicht ent­schei­den­de Kraft­pro­be zwi­schen See­ho­fer und Mer­kel hat ei­gent­lich in dem Mo­ment schon be­gon­nen, als die letz­te bei­ge­legt wur­de. Die Ei­ni­gung über die Zu­wan­de­rungs­po­li­tik im Ok­to­ber 2017, nach der mit de­so­la­ten Er­geb­nis­sen für CDU und CSU ge­won­ne­nen Bun­des­tags­wahl, trug den Keim des nächs­ten Streits schon in sich. Da­mals ver­han­del­ten CDU und CSU ein Wo­che­n­en­de lang über ei­nen Kom­pro­miss zu Asyl und Zu­wan­de­rung, an des­sen En­de der zer­mür­ben­de Streit um ei­ne Ober­gren­ze so bei­ge­legt wur­de, dass sich al­le Sei­ten als Sie­ger füh­len durf­ten.

Was da­mals nicht so auf­fiel: Der Streit um die Ober­gren­ze war in die­sen letz­ten Ver­hand­lun­gen re­la­tiv schnell vom Tisch ge­we­sen. Viel här­ter wur­de da­mals schon über Zu­rück­wei­sun­gen an der Gren­ze de­bat­tiert. Mer­kel wi­der­setz­te sich schon, stun­den­lang, am En­de mit Er­folg. Am 8. Ok­to­ber um 21.50 Uhr füg­te sich See­ho­fer nach stun­den­lan­gen Ver­hand­lun­gen in die­sem Punkt. Für die Öf­fent­lich­keit ar­gu­men­tier­te er zwar ju­ris­tisch und nicht po­li­tisch, aber den­noch ein­deu­tig: „Die Zu­rück­wei­sung an der Gren­ze ist ei­ne hoch­kom­pli­zier­te, auch ju­ris­ti­sche An­ge­le­gen­heit, die ei­ne Re­form des Du­blin-Ver­fah­rens vor­aus­set­zen wür­de.“

Das gilt ein hal­bes Jahr spä­ter nicht mehr. En­de Mai hat See­ho­fer sei­nen Mas­ter­plan zur Asyl­po­li­tik fer­tig. 63 Punk­te. Und trotz­dem sin­niert er jetzt auch schon dar­über, was pas­sie­ren müs­se, wenn das al­les nicht ge­nü­ge. Wenn die Zahl der Flücht­lin­ge nicht sin­ke, viel­leicht so­gar wie­der stei­ge; wenn sei­ne Ober­gren­ze nicht zu hal­ten sei. Die Ab­wei­sun­gen an der Gren­ze ste­hen zu die­sem Zeit­punkt noch im Kon­di­tio­nal, sie sind ei­ne Wenn-Dann-Op­ti­on.

Ei­ne Wo­che spä­ter hört sich das schon an­ders an. Da for­dert CSU-Chef Alex­an­der Do­brindt öf­fent­lich die Zu­rück­wei­sung von in an­de­ren Staa­ten be­reits re­gis­trier­ten Flücht­lin­gen an der deut­schen Gren­ze. Oh­ne Be­din­gun­gen. Die CSU weiß, dass es an die­sem Punkt Är­ger mit Mer­kel ge­ben muss. Trotz­dem kün­digt See­ho­fer die öf­fent­li­che Prä­sen­ta­ti­on sei­nes Mas­ter­pla­nes an, be­vor er ihn mit der Kanz­le­rin end­gül­tig ab­ge­stimmt hat. Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag ist der In­nen­mi­nis­ter mit der Kanz­le­rin zum Te­le­fo­nat ver­ab­re­det. Der Mord ei­nes ira­ki­schen Asyl­be­wer­bers an der 14-jäh­ri­gen Su­san­na hat die Dis­kus­si­on um die Flücht­lings­po­li­tik wie­der er­hitzt. Kurz vor sei­nem Ge­spräch mit Mer­kel über die Zu­rück­wei­sun­gen gibt sich See­ho­fer zu­ver­sicht­lich und ein biss­chen na­iv: Die Kanz­le­rin kön­ne doch da jetzt nicht mehr da­ge­gen sein. Er irrt.

Am Mon­tag, See­ho­fer hat in­zwi­schen we­gen des Streits mit Mer­kel die Prä­sen­ta­ti­on sei­nes Mas­ter­pla­nes ab­ge­sagt, trifft sich die CSU-Lan­des­grup­pe. Die Ab­ge­ord­ne­ten ste­hen ge­schlos­sen hin­ter See­ho­fer. Sie wol­len jetzt das sicht­ba­re Sym­bol: Ab­wei­sun­gen an der Gren­ze, die es bis da­hin nur in be­son­de­ren Fäl­len gibt, sol­len öf­ter mög­lich wer­den. Zehn­tau­sen­de könn­ten da­von be­trof­fen sein. Das ist ge­wollt. Es soll ab­schre­cken. Es wä­re die Um­keh­rung von An­ge­la Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik. Der Schluss­strich. Am nächs­ten Tag trifft sich die Unionsfraktion. Mer­kel mag er­war­tet ha­ben, dass we­nigs­tens aus der CDU auch noch ein paar Un­ter­stüt­zer für sie das Wort er­grei­fen. Dies­mal irrt die Kanz­le­rin.

Am Mitt­woch fei­ert das Mi­nis­te­ri­um für In­ne­res, Bau­en und Hei­mat sein Som­mer­fest. Das Haus ist erst we­ni­ge Jah­re alt, ein Ge­bäu­de mit schma­len Fens­tern hin­ter ho­hen Zäu­nen, ei­ne Trutz­burg. Auf ei­nem Hof ste­hen ein paar Bier­ti­sche, es gibt Kar­tof­fel­puf­fer und Bio-Bier, Mu­sik gibt es nicht, da­für ein paar Wor­te vom Haus­herrn. Wie schön, dass al­les so gut vor­an­geht hier im Haus, sagt Horst See­ho­fer. Beim Bau­kin­der­geld und auch sonst sei doch vie­les auf gu­tem Weg. Ach ja, er ha­be ja gleich noch ei­nen Ter­min bei der Kanz­le­rin. Um 21 Uhr soll es los­ge­hen.

Was pas­siert, wenn es kei­ne Ei­ni­gung mit der Kanz­le­rin gibt, wird See­ho­fer ge­fragt.

Horst See­ho­fer ist freund­lich und ge­las­sen, als er von der ma­xi­ma­len Es­ka­la­ti­on spricht

Da müs­se er sei­nen Mas­ter­plan auf ei­ge­ne Ver­ant­wor­tung durch­set­zen, als „Leit­li­nie“, an der sich das Re­gie­rungs­han­deln des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters in den kom­men­den Jah­ren zu ori­en­tie­ren ha­be. See­ho­fer sagt das ganz freund­lich und ge­las­sen. Aber es wä­re die ma­xi­ma­le Es­ka­la­ti­on – und die Kanz­le­rin dü­piert.

Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent ist nur kurz im Bun­des­rat, aber sei­ne Bot­schaft ist un­miss­ver­ständ­lich

Dann der Don­ners­tag, der his­to­ri­sche. Am Mor­gen bit­tet Mer­kel das CDU-Prä­si­di­um zu ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz. Drei­ein­halb St­un­den hat sie in der Nacht mit See­ho­fer ver­han­delt, mit da­bei, wie Se­kun­dan­ten ei­nes Du­ells, die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Vol­ker Bouf­fier, CDU, aus Hes­sen, und Mar­kus Sö­der, CSU, aus Bay­ern. Au­ßer­dem Kanz­ler­amts­chef Hel­ge Braun. Er ist zu­fäl­lig auch Arzt. Wer weiß.

Doch die Ge­sprä­che ver­lau­fen oh­ne phy­si­sche Ver­let­zun­gen, gleich­wohl er­geb­nis­los. In der Schalt­kon­fe­renz am nächs­ten Mor­gen stellt die Kanz­le­rin den CDU-Kol­le­gen ih­ren Kom­pro­mis­svor­schlag vor. Flücht­lin­ge, de­ren Asyl­an­trag in Deutsch­land be­reits ab­ge­lehnt wor­den sei, soll­ten bei ei­nem er­neu­ten Ein­rei­se­ver­such so­fort zu­rück­ge­wie­sen wer­den, sagt Mer­kel. Au­ßer­dem wol­le sie im Um­feld des Eu­ro­päi­schen Ra­tes En­de Ju­ni mit den am stärks­ten vom Mi­gra­ti­ons­druck be­trof­fe­nen Län­dern wie Ita­li­en oder Grie­chen­land Ver­ein­ba­run­gen tref­fen, die ei­ne Zu­rück­wei­sung und Rück­füh­rung von Per­so­nen er­mög­li­chen, die in die­sen Län­dern be­reits Asyl­an­trä­ge ge­stellt ha­ben. Da­mit sol­len un­ab­ge­stimm­te, ein­sei­ti­ge Lö­sun­gen zu Las­ten Drit­ter ver­hin­dert wer­den.

Das Prä­si­di­um un­ter­stützt den Vor­schlag. Es gibt nur zwei Aus­rei­ßer: Sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer mel­det Be­den­ken an. Und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn ver­langt ei­ne Ab­stim­mung der Unionsfraktion über Mer­kels Vor­schlag, weil das CDU-Prä­si­di­um da­für der fal­sche Ort sei. Die Frak­ti­on sei das ein­zi­ge Gre­mi­um, das CDU und CSU ver­bin­de, sagt Spahn. Er selbst wer­de sich dann der Mehr­heits­mei­nung der Frak­ti­on an­schlie­ßen. Spahn bleibt loy­al, wenn auch mehr zu den For­ma­lia als zu Mer­kel.

Als Spahn beim Gang in die Sit­zung der CDU-Ab­ge­ord­ne­ten ge­fragt wird, wie sei­ne Stim­mung sei, sagt er: „fröh­lich“. Am Di­ens­tag­abend hat­te er sich in ei­ner Bar mit Ös­ter­reichs Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz ge­trof­fen - von Be­ginn an ei­ner der här­tes­ten Kri­ti­ker von Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik. Man hat ei­nen Tisch am Fens­ter ge­wählt. So sind sie auch von au­ßen gut zu se­hen.

Et­was spä­ter im Bun­des­rat. Die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ta­gen in ei­nem herr­schaft­li­chen Ge­bäu­de mit mo­nu­men­ta­len Säu­len und stei­ner­nen Re­liefs, ei­nes zeigt den Kriegs­gott Mars, im Hin­ter­grund Knüp­pel und Pfei­le. Das passt zur Stim­mung im drit­ten Stock. In ei­ner Ecke des Rau­mes ste­cken vor der Sit­zung ei­ni­ge CDU-Lan­des­fürs­ten die Köp­fe zu­sam­men: Ar­min La­schet aus Nord­rhein-West­fa­len, Vol­ker Bouf­fier aus Hes­sen, Da­ni­el Gün­ther aus Schles­wig-Hol­stein. Sie ste­hen al­le auf Mer­kels Sei­te. Erst wird noch ge­flachst in der Run­de, dann tritt die Ver­tre­te­rin des Frei­staats Bay­ern da­zu. Sie ver­tritt Mar­kus Sö­der. Der steht nicht auf Mer­kels Sei­te, vor­sich­tig for­mu­liert.

Der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent fehlt. Aber er hat ei­ne Bot­schaft über­mit­telt, vor lau­fen­den Ka­me­ras, ein biss­chen um­ständ­lich for­mu­liert, aber un­miss­ver­ständ­lich: „Wir soll­ten jetzt rasch um­set­zen die Re­ge­lung der Zu­rück­wei­sung an der Gren­ze.“Spä­ter wird er noch deut­li­cher: Die Uni­on sei jetzt „im End­spiel um die Glaub­wür­dig­keit“, sie müs­se end­lich die Feh­ler aus dem Flücht­lings­jahr 2015 be­he­ben, die Men­schen hät­ten kei­ne Ge­duld mehr. Die Zu­rück­wei­sung an der Gren­ze sei „der Glaub­wür­dig­keits­test“. Re­den Vol­ker Bouf­fier und die Ver­tre­te­rin Sö­ders im 3. Stock des Bun­des­ra­tes ge­ra­de dar­über? Er we­delt mit den Ar­men, er­klärt, ges­ti­ku­liert. Sie schüt­telt im­mer wie­der den Kopf. Nein. Und wie­der nein.

Ar­min La­schet, der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Nord­rhein-West­fa­len, wird ge­fragt, wie er das Ver­hal­ten See­ho­fers be­ur­tei­le. Er pus­tet Luft aus. „Das will ich nicht be­wer­ten“, sagt er. „Wir müs­sen jetzt ei­ne Lö­sung fin­den.“Rei­ner Ha­seloff, der Kol­le­ge aus Sach­sen-An­halt und seit je­her ein Skep­ti­ker ge­gen­über Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik, tut op­ti­mis­tisch: „Ei­nen Ko­ali­ti­ons­bruch wird es nicht ge­ben, weil wir ei­ne Lö­sung fin­den. Wir sind da auf ei­nem sehr, sehr gu­ten Weg schon. Sie wis­sen ja noch nicht al­les.“Es kann aber auch sein, dass Ha­seloff noch nicht al­les weiß.

11.30 Uhr. Der Bun­des­tag un­ter­bricht sei­ne Sit­zung, weil die Unionsfraktion sich be­ra­ten will – ge­trennt. Die CDU-Ab­ge­ord­ne­ten im Frak­ti­ons­saal, die CSU-Lan­des­grup­pe im Turm­zim­mer. Al­lein das macht die­sen Tag schon be­deu­tend. Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der kommt zu den CDU-Ab­ge­ord­ne­ten. Kau­der ist sonst ein jo­via­ler Mann, der auch mal ei­nen Scherz ris­kiert. Heu­te nicht. Im klei­nen Flur zwi­schen den bei­den Ta­gungs­räu­men ver­treibt er un­wirsch die Jour­na­lis­ten. Die La­ge ist ernst.

Kau­der dürf­te wis­sen, dass er bei vie­len Ab­ge­ord­ne­ten in der Kri­tik steht. Be­reits bei den Sit­zun­gen der Lan­des­grup­pen der Uni­ons­ab­ge­ord­ne­ten am Mon­tag ha­be sich ge­zeigt, wie groß der Un­mut über Mer­kels Kurs sei, heißt es. Aber Kau­der und sein par­la­men­ta­ri­scher Ge­schäfts­füh­rer Micha­el Gros­se-Brö­mer hät­ten es ver­säumt, da­für zu sor­gen, dass in der Sit­zung der Ge­samt-Frak­ti­on am Di­ens­tag auch Mer­kel-Be­für­wor­ter das Wort er­grei­fen. So sei die Sit­zung zum Fi­as­ko der Kanz­le­rin ge­wor­den – was die Kri­se ver­schärf­te.

Beim Gang in die Sit­zun­gen ver­wei­gern fast al­le Ab­ge­ord­ne­ten ei­ne Ein­schät­zung der La­ge. Nur ei­ner gibt sich de­mons­tra­tiv gut ge­launt. Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er, der ewi­ge Mer­kel-Ver­trau­te, ruft den Jour­na­lis­ten la­chend zu: „I love you all.“Und die we­ni­gen CDU-Ab­ge­ord­ne­ten, die sonst noch den Mund auf­be­kom­men, kla­gen meis­tens über die Bo­ckig­keit von Mer­kel und See­ho­fer, de­ret­we­gen die Uni­on sich in ei­ner de­sas­trö­sen La­ge be­fin­de.

In der CSU-Lan­des­grup­pe mel­den sich 34 Ab­ge­ord­ne­te zu Wort. Sie un­ter­stüt­zen ein­hel­lig See­ho­fer. Aber ein we­nig Sor­ge ha­ben sie auch. Ge­fragt, ob die CSU ei­nen Frak­ti­ons­bruch mit der CDU in Kauf neh­men wür­de, weicht Lan­des­grup­pen­chef Do­brindt aus. See­ho­fer will Mer­kel noch die Zeit bis zum EU-Gip­fel las­sen. Falls die Kanz­le­rin dort aber nichts er­reicht, will er an­schlie­ßend mit der Macht sei­nes Am­tes als In­nen­mi­nis­ter die Zu­rück­wei­sun­gen selbst an­wei­sen – trotz al­ler mög­li­chen Fol­gen für die Ko­ali­ti­on. Am En­de bil­ligt die Lan­des­grup­pe See­ho­fers Wunsch, sich am Mon­tag auch noch die Un­ter­stüt­zung des Par­tei­vor­stan­des für sein ge­plan­tes Vor­ge­hen ein­zu­ho­len.

In der Sit­zung der CDU-Ab­ge­ord­ne­ten stellt Mer­kel ihr Kon­zept vor. Sie bit­te dar­um, ihr noch zwei Wo­chen bis zum Gip­fel­tref­fen der EU zu ge­ben. Und sie macht ei­nen Ver­fah­rens­vor­schlag, um we­nigs­tens an die­sem Don­ners­tag die Es­ka­la­ti­on mit der CSU zu ver­mei­den. Dem­nach sol­len am Mon­tag die CDU-Gre­mi­en zu­sam­men­kom­men, da­nach die Unionsfraktion. Nach dem EU-Gip­fel soll­ten die Ab­ge­ord­ne­ten dann er­neut die La­ge be­wer­ten.

Dann mel­det sich als ers­ter Red­ner Wolf­gang Schäu­b­le. Der Bun­des­tags­prä­si­dent wirbt für Mer­kels Vor­schlag. Und er macht al­len klar, wie dra­ma­tisch die La­ge ist. Er ver­gleicht sie mit „Kreuth“, al­so mit dem zwi­schen­zeit­li­chen Be­schluss der CSULan­des­grup­pe aus dem Jahr 1976, die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft mit der CDU auf­zu­kün­di­gen. Auch heu­te sei wie­der ei­ne „his­to­ri­sche St­un­de“.

Schäu­b­le zieht ei­nen ganz gro­ßen Bo­gen, spricht vom Zu­stand und vom Be­stand Eu­ro­pas. Und er for­dert die Uni­on auf, in der schwie­ri­gen in­ter­na­tio­na­len La­ge die Bun­des­kanz­le­rin nicht zu schwä­chen. Teil­neh­mer der Sit­zung schät­zen den Zu­spruch für Schäu­b­le auf 80 Pro­zent der Ab­ge­ord­ne­ten.

Die CSU ist zu­erst fer­tig. Die CDU tagt fast vier St­un­den. Hin­ter­her wer­den ein paar Sät­ze Mer­kels kol­por­tiert. Sie füh­le sich in ih­rer Ab­sicht „ge­stärkt“, sich bis zum EU-Gip­fel in zwei Wo­chen um Ab­ma­chun­gen mit an­de­ren Re­gie­run­gen zu be­mü­hen. Sie wis­se, dass das ein am­bi­tio­nier­tes Vor­ha­ben sei. Al­ler­dings bleibt of­fen, was pas­sie­ren soll, wenn Mer­kel beim EUGip­fel nichts er­reicht. Das ist ei­ne von vie­len Fra­gen, die an die­sem Tag nicht be­ant­wor­tet wer­den. Mög­lich, dass dann Flücht­lin­ge an der Gren­ze ab­ge­wie­sen wer­den. Mög­lich auch, dass das nicht mehr von ei­ner Kanz­le­rin Mer­kel mit­ge­tra­gen wird.

Als die CDU-Ab­ge­ord­ne­ten den Saal ver­las­sen, geht fast un­be­merkt Alex­an­der Gau­land vor­bei, der AfD-Chef. Sei­ne Par­tei for­dert schon lan­ge: Mer­kel muss weg. Er be­tritt den Fahr­stuhl und schweigt. Für ihn war es kein schlech­ter Tag.

Schäu­b­le macht al­len klar, wie dra­ma­tisch die La­ge ist, heu­te sei ei­ne „his­to­ri­sche St­un­de“

FO­TO: KAY NIET­FELD/DPA

An­ge­la Mer­kel am Don­ners­tag auf dem Weg zum Reichs­tag. Ih­re CDU tagt im Frak­ti­ons­raum, die CSU ge­trennt im Turm­zim­mer.

FO­TO: SZ PHO­TO

1976 wä­re die Uni­on schon ein­mal fast ge­schei­tert. CDU-Chef Hel­mut Kohl (rechts) konn­te Franz Jo­sef Strauß und des­sen CSU dann doch wie­der ein­fan­gen.

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