Ha­ra­ki­ri

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von he­ri­bert prantl

Der Ober sticht den Un­ter. So ist es im Kar­ten­spiel, so ist es in der Po­li­tik. Nor­ma­ler­wei­se. In der Bun­des­re­gie­rung nennt man die­ses Prin­zip Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz. Die Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz der Kanz­le­rin ist stär­ker als die Res­sort­kom­pe­tenz der Mi­nis­ter. Nur in­ner­halb der Richt­li­ni­en lei­tet ein Mi­nis­ter sei­ne Ge­schäf­te selb­stän­dig. So steht es in der Ver­fas­sung, so ist es üb­lich. Das be­deu­tet: Mer­kel sticht See­ho­fer. Aber die Po­li­tik und das Kar­ten­spiel fol­gen nicht im­mer dem Üb­li­chen. Der CSU-Chef und Bun­des­in­nen­mi­nis­ter hat mit wil­der Ent­schlos­sen­heit ein So­lo an­ge­kün­digt. „Ich spie­le ei­nen“heißt der ein­schlä­gi­ge Ruf beim Schaf­kopfen, der den „Wenz“an­kün­digt. Das ist ei­ne Va­ri­an­te des Schaf­kopfens, bei dem der Ober sei­nen Sta­tus als Trumpf ver­liert – und bei dem die Un­ter der Trumpf sind. Schaf­kopf al­so in Ber­lin.

Ei­ne Pa­last­re­vo­lu­ti­on, ein ver­such­ter Kö­ni­gin­nen­mord? Die CSU spielt vol­les Ri­si­ko

Die CSU spielt dort nun das Wenz-So­lo, sie hat das dra­ma­tisch an­ge­kün­digt. Die CSU stößt da­mit die Kanz­le­rin und die Ko­ali­ti­ons­part­ner vor den Kopf. Das See­ho­fer-Spiel ist Ha­zard; und es ist ei­ne Kampf­an­sa­ge an die Kanz­le­rin und an die Mer­kel-CDU. Es ist ein Auf­stand der CSU, es ist die kaum ver­hoh­le­ne An­kün­di­gung, not­falls die Kanz­le­rin zu stür­zen und da­für nach Ver­bün­de­ten in der CDU Aus­schau zu hal­ten. So et­was gab es noch nie in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik: Die an­geb­li­chen Schwes­ter­par­tei­en be­kämp­fen sich auf of­fe­ner Re­gie­rungs­büh­ne. Da­bei kann nicht nur ei­ne Par­tie ver­lo­ren ge­hen, es kann die Ko­ali­ti­on, die Uni­on, die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft ver­lo­ren ge­hen – das Band zwi­schen CDU und CSU.

Im Schaf­kopf muss der So­lo­spie­ler mehr als sech­zig Punk­te er­rei­chen, sonst hat er ver­lo­ren. Das stimmt ziem­lich ge­nau mit der Zahl der Flücht­lings- und An­ti­flücht­ing­s­maß­nah­men über­ein, die die CSU mit dem See­ho­fer-Ka­ta­log durch­set­zen will. In Ber­lin ist die Sa­che frei­lich kein Spiel, son­dern bit­ters­ter Ernst. Es geht nicht ein­fach um 63 Punk­te, es geht um die Zu­kunft von Mer­kel, der Uni­on und der Ko­ali­ti­on. Die­se Kri­se im Ju­ni 2018 ist mas­si­ver, wuch­ti­ger, tief- und raum­grei­fen­der als die vor 42 Jah­ren, als der CSU-Chef Franz Jo­sef Strauß den CDUChef Hel­mut Kohl in wü­tend-sar­kas­ti­schen Re­den at­ta­ckier­te und dann, für kur­ze Zeit, die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft mit der CDU auf­kün­dig­te. Das war in Wild­bad Kreuth, das war En­de No­vem­ber 1976; da­mals war al­les grund­le­gend an­ders als heu­te: Da­mals re­gier­te im Bund ei­ne SPD/FDP-Ko­ali­ti­on un­ter Kanz­ler Hel­mut Schmidt, die CDU/CSU war in der Op­po­si­ti­on – und CSU-Chef Strauß fürch­te­te, dass man mit dem CDU-Chef Kohl nie und nim­mer an die Re­gie­rung kä­me. Des­we­gen ätz­te er ge­gen Kohl und Co. Es war ein Ät­zen im Ab­seits, es war ein Zer­würf­nis in der Op­po­si­ti­on. Jetzt aber, 2018, zwi­schen See­ho­fer und Mer­kel, han­delt es sich um ei­ne ra­sen­de Es­ka­la­ti­on und Zer­rüt­tung in der Re­gie­rung. Wo­mög­lich mün­det das in po­li­ti­schem Ha­ra­ki­ri.

See­ho­fer macht nicht ein­fach nur den Strauß. Er macht weit mehr als Strauß – er macht wo­mög­lich sei­ner ei­ge­nen Re­gie­rung den Gar­aus. Ei­ne Pa­last­re­vo­lu­ti­on, ein Kö­ni­gin­mör­der? Ob die CDU dar­auf so ent­schlos­sen re­agiert, wie Kohl/Geiß­ler re­agiert ha­ben? Da­mals hat die CDU so­fort den Ein­zug nach Bay­ern an­ge­kün­digt und so der CSU den Schneid ab­ge­kauft. Strauß gab klein bei; die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft von CDU und CSU wur­de er­neu­ert. Der Strauß-Nim­bus be­kam ei­nen Schlag.

Das Ri­si­ko der CSU heu­te ist noch grö­ßer als da­mals: Sie setzt die Bun­des­re­gie­rung aufs Spiel in ei­ner Zeit, in der die in­ter­na­tio­na­le La­ge hei­kel und ein Er­satz für Mer­kel nicht in Sicht ist. Ge­wiss, es gibt auch in der CDU ein paar Ab­ge­ord­ne­te, die von der Ab­lö­sung Mer­kels träu­men – oh­ne dass sie wüss­ten, durch wen; es han­delt sich um Spahn-Fan­ta­si­en.Und ob der baye­ri­sche Wäh­ler bei den Land­tags­wah­len im kom­men­den Ok­to­ber See­ho­fers ra­di­ka­le Kon­fron­ta­ti­ons­stra­te­gie ge­gen die CDU gou­tiert, ist frag­lich. Das Ri­si­ko be­steht, dass die CSU mehr li­be­ral­kon­ser­va­ti­ve Wäh­lern ver­liert, als sie po­ten­zi­el­le AfD-Wäh­ler ge­winnt.

Die Fra­ge ist auch, ob die­ser Flücht­lings­streit das Ri­si­ko wert ist: Er ist von der CSU eher künst­lich hoch­ge­zo­gen wor­den. Es geht letzt­lich gar nicht so sehr um die Ab­wei­sung von Flücht­lin­gen di­rekt an der Gren­ze, es geht um ir­gend­ei­nen Flücht­lings-Groß­kon­flikt, um sich von der Kanz­le­rin ab­zu­gren­zen und An­schluss an die An­ti-Flücht­lings­stim­mung zu krie­gen. Die Ab­wei­sung der Flücht­lin­ge di­rekt an der Gren­ze, die von der CSU pro­pa­giert wird, ist bay­ern­feind­lich, weil sie ei­ne ra­di­ka­le Schlie­ßung der Gren­zen und schar­fe Grenz­kon­trol­len vor­aus­setzt. Bay­ern als Land des Trans­fers und der schnel­len We­ge nach Ös­ter­reich, Ita­li­en und Ost­eu­ro­pa wür­de sich ab­rie­geln – das rui­niert Wirt­schaft und Tou­ris­mus. Man kann die Flücht­lin­ge auch im In­land prü­fen und ge­ge­be­nen­falls aus- und ab­wei­sen. Aber das bringt nicht die Pla­ka­ti­vi­tät, um die es der CSU heu­te zu tun ist.

Wie re­agiert Mer­kel? Sie muss jetzt et­was wa­gen. Leu­te, die je­des Ri­si­ko scheu­en, ge­hen das größ­te Ri­si­ko ein.

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