Der kal­te Re­for­mer

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von na­dia pan­tel

Spit­zen­po­li­ti­ker müs­sen sich meist auf ei­ne ein­zel­ne Fra­ge re­du­zie­ren las­sen. Nei­gen sie zur öf­fent­li­chen Kraft­meie­rei wie der ame­ri­ka­ni­sche, rus­si­sche oder tür­ki­sche Prä­si­dent, lau­tet die Stan­dard­fra­ge: Ist das Ihr Ernst? Ana­ly­sen der Po­li­tik von Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron mün­den hin­ge­gen meist in: Kriegt er es hin? „Es“steht in die­sem Fall für das Um­set­zen der Wirt­schafts­re­for­men, die Ma­cron dem Land ver­spro­chen hat. Und ja, er kriegt es hin.

Am Don­ners­tag stimm­te der Se­nat für die Bahn­re­form. Prä­si­dent und Re­gie­rung ha­ben zwei­ein­halb Mo­na­te Streiks und Pro­tes­te ein­fach aus­ge­ses­sen. Galt der Streit mit den Ei­sen­bah­nern im Früh­jahr noch als ul­ti­ma­ti­ve Pro­be für den jun­gen Staats­chef, schrei­ben Frank­reichs Zei­tun­gen jetzt, dass die ei­gent­li­che Prü­fung noch be­vor­ste­he. Die Ren­ten­re­form 2019! Dann wer­de er wirk­lich los­bre­chen, der lang an­ge­kün­dig­te Pro­test­sturm.

Nur, viel­leicht folgt die­se Prä­si­dent­schaft zur Ab­wechs­lung ein­mal nicht der ein­ge­üb­ten Es­ka­la­ti­ons­cho­reo­gra­fie Macht ver­sus Stra­ße. Nicht weil al­le zu­frie­den wä­ren. Son­dern weil das Man­tra, Frank­reich kön­ne man nicht re­for­mie­ren, gar nicht stimmt. Dass den­noch der Groll der Lin­ken ge­gen Ma­crons Po­li­tik wächst, liegt we­ni­ger an den Din­gen, die er tut, als an den Din­gen, die er nicht tut. Ma­crons un­ter­neh­mer­freund­li­che Re­for­men über­ra­schen nie­man­den. Wie we­nig er je­doch ver­sucht, sei­nem Wirt­schafts-Wun­der­land ei­nen so­zia­len An­strich zu ge­ben, ist für ei­nen, der frü­her mal Mi­nis­ter ei­ner so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Re­gie­rung war, doch er­staun­lich.

Als der Prä­si­dent am Mitt­woch sei­ne lan­ge er­war­te­te Re­de zur Sozialpolitik hielt, wa­ren die Er­war­tun­gen ent­spre­chend groß. Doch mehr Be­ach­tung als die Gra­tis-Zahn­pro­the­sen, die Ma­cron in Aus­sicht stell­te, fand ein kur­zes Vi­deo, das ei­ne Mit­ar­bei­te­rin sei­nes Pres­se­stabs auf Twit­ter teil­te. Es zeigt ei­ne Be­spre­chung im Ély­sée, bei der Ma­cron mit der Hand auf den Tisch haut und mit sich selbst um die Wet­te zu ges­ti­ku­lie­ren scheint. Ver­mut­lich soll die­ser Blick hin­ter die Ku­lis­sen Dy­na­mik und Wil­lens­stär­ke be­le­gen.

Es wur­de je­doch eher zu ei­nem Be­weis für Ma­crons Über­zeu­gung, dass je­der sei­nes Glü­ckes Schmied sei und dass man selbst da­für ver­ant­wort­lich sei, sich den pas­sen­den Ham­mer zu or­ga­ni­sie­ren. So­zi­al­hil­fe wür­de nichts dar­an än­dern, dass Ar­me arm sind, sag­te der Prä­si­dent, man müs­se statt­des­sen den Men­schen „ih­re Ver­ant­wor­tung be­wusst ma­chen“.

Ma­cron krem­pelt das Land um, ver­nach­läs­sigt da­bei aber die Be­dürf­ti­gen

Rich­tig, die Art und Wei­se, wie So­zi­al­hil­fe ver­teilt wird, ze­men­tiert in man­chen Fäl­len Ab­hän­gig­kei­ten, statt Wür­de zu si­chern. Doch es ist un­lau­ter, wenn Ma­cron, wie vor zwei Wo­chen ge­sche­hen, den Men­schen in den Ban­lieues den groß an­ge­kün­dig­ten Sa­nie­rungs­plan streicht und gleich­zei­tig be­haup­tet, das sei kei­ne Spar­maß­nah­me, son­dern der Be­ginn des Zu­sam­men­le­bens auf Au­gen­hö­he.

Ein Land ver­än­dert sich ja nicht nur, wenn die Re­gie­rung Re­for­men an­ord­net. Wie über­all auf der Welt er­le­ben auch die Men­schen in Frank­reich, dass ihr Le­ben schnel­ler und un­über­sicht­li­cher wird. Sie wol­len nicht nur ei­nen Prä­si­den­ten, der ih­nen Chan­cen er­öff­net, son­dern auch ei­nen, der sie schützt. Ge­gen ein Ge­fühl wach­sen­der Un­si­cher­heit kann man nur schwer auf die Stra­ße ge­hen. Man kann al­ler­dings Par­tei­en wäh­len, die be­haup­ten, ei­nem al­le Sor­gen ab­zu­neh­men. Frank­reichs Rechts­ra­di­ka­le be­herr­schen dies zum Bei­spiel meis­ter­lich.

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