Zu spät be­straft

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Pe­ter münch

Ein furcht­ba­res Ver­bre­chen wur­de ver­übt, ein har­tes Ur­teil ist ge­fal­len: Die vier Haupt­an­ge­klag­ten, die im Som­mer 2015 für den Tod von 71 Flücht­lin­gen in ei­nem Kühl­las­ter ver­ant­wort­lich sind, müs­sen für 25 Jah­re ins Ge­fäng­nis. Ein paar Schlep­per zah­len den Preis für ihr skru­pel­lo­ses Han­deln. Der Ge­rech­tig­keit ist da­mit Ge­nü­ge ge­tan, im Na­men des Vol­kes.

Doch be­vor nun im un­ga­ri­schen Ge­richts­ort Kecske­mét der Ak­ten­de­ckel zu­ge­klappt und über­all sonst zur Ta­ges­ord­nung über­ge­gan­gen wird, soll­te man sich noch ein­mal die Di­men­si­on die­ses Falls vor Au­gen füh­ren – der so mons­trös ist und doch nur den flüch­ti­gen Blick auf die Spit­ze ei­nes Lei­chen­ber­ges frei­gibt. Tau­send­fach ster­ben Flücht­lin­ge auf dem Weg in den Wes­ten, und es be­darf schon be­son­de­rer Um­stän­de, wenn da­von über­haupt noch No­tiz ge­nom­men wird.

Der Las­ter vol­ler Lei­chen, der im grün be­wal­de­ten Bur­gen­land in ei­ner Pan­nen­bucht der Au­to­bahn ge­fun­den wur­de, hat­te ei­nen sol­chen Mo­ment der jä­hen Auf­merk­sam­keit be­wirkt. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel öff­ne­te kurz dar­auf die Gren­zen für die in Un­garn ge­stran­de­ten Mi­gran­ten. Drei Jah­re sind ver­gan­gen vom Tod im Kühl­las­ter bis zum Ur­teil. Man sieht, wie viel sich än­dern kann, wäh­rend die Müh­len der Jus­tiz lang­sam vor sich hin­mah­len.

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