Pie­ra Ai­el­lo

Die Kron­zeu­gin ge­gen die Ma­fia zeigt ihr Ge­sicht

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Stefan ul­rich

Sie war die „Kan­di­da­tin oh­ne Ge­sicht“im ita­lie­ni­schen Wahl­kampf und da­nach, als Ab­ge­ord­ne­te in Rom, das „Ge­spenst“des Par­la­ments. Wenn sie In­ter­views gab, in Schu­len sprach oder auf Ver­an­stal­tun­gen auf­trat, trug sie ei­nen Schlei­er. Und nicht ein­mal auf ih­rem Par­la­ments­aus­weis war ein Fo­to von ihr zu se­hen.

Der Grund: Pie­ra Ai­el­lo führ­te ein Le­ben im Vi­sier der Ma­fia, ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang. Als Kron­zeu­gin ge­gen die Co­sa Nos­tra muss­te sie an ei­nem ge­hei­men Ort fern ih­rer Hei­mat Si­zi­li­en le­ben, stets von Leib­wäch­tern um­ge­ben, im­mer in der Ge­fahr, die Ma­fio­si könn­ten ih­re Dro­hung wahr­ma­chen, sie zu er­mor­den. Doch jetzt hat die 50 Jah­re al­te Frau be­schlos­sen, wie­der Ge­sicht zu zei­gen. Beim Ge­den­ken für ein Op­fer der Co­sa Nos­tra in Si­zi­li­en leg­te sie den Schlei­er ab. Es ist ihr zwei­ter Sieg ge­gen die Ma­fia.

Da­bei hat­te es zu­nächst so aus­ge­se­hen, als soll­ten die Clans ihr gan­zes Le­ben be­stim­men. Als sie 14 Jah­re alt war, lern­te sie in ih­rem Hei­mat­ort, dem west­si­zi­lia­ni­schen Part­an­na, Ni­colò Atria ken­nen, den Sohn des ört­li­chen Bos­ses Don Vi­to. Die bei­den hei­ra­te­ten. Ein paar Ta­ge spä­ter wur­de Don Vi­to von ei­nem geg­ne­ri­schen Clan er­schos­sen. Pie­ra Ai­el­lo ver­such­te ver­geb­lich, ih­ren Mann von der Ven­det­ta, der Blut­ra­che, ab­zu­hal­ten.

Es folg­ten Jah­re der Angst für die jun­ge Frau. Ihr Mann misch­te im Dro­gen­han­del mit, lief stets mit ei­ner ge­la­de­nen Pis­to­le her­um und such­te nach den Mör­dern sei­nes Va­ters. Da­bei ge­riet er in Hin­ter­hal­te, zwei sei­ner Freun­de wur­den ge­tö­tet. „Doch wenn ich ihm sag­te, er sol­le mit die­sem Le­ben auf­hö­ren, schlug er mich.“Dann, im Ju­ni 1991, wur­de Ni­colò Atria vor ih­ren Au­gen in ih­rer Piz­ze­ria er­schos­sen. „Es war ein Wun­der, dass ich selbst mit dem Le­ben da­von­kam.“

Auch Pie­ra Ai­el­lo woll­te sich nun rä­chen. Al­ler­dings nicht auf Ma­fiaart. Über ei­nen be­freun­de­ten Ca­ra­bi­nie­re nahm sie Kon­takt mit der Jus­tiz auf. Sie lern­te den be­rühm­ten An­ti-Ma­fia-Staats­an­walt Pao­lo Bor­sel­li­no ken­nen und er­klär­te sich schließ­lich be­reit, als Kron­zeu­gin aus­zu­sa­gen. Ihr Mann hat­te ihr vie­le Ge­heim­nis­se der Co­sa Nos­tra er­zählt, sie kann­te die Mit­glie­der der Clans ih­rer Hei­mat beim Na­men und of­fen­bar­te sie den Er­mitt­lern. Ihr ers­ter Sieg über die Ma­fia. Doch zu was für ei­nem Preis!

Staats­an­walt Bor­sel­li­no for­der­te sie auf, Si­zi­li­en aus ih­rer Land­kar­te „her­aus­zu­schnei­den“. Pie­ra Ai­el­lo wur­de mit ih­rer klei­nen Toch­ter ins Flug­zeug ge­setzt und ins „Exil“ge­bracht, wie sie es nennt. Nach­dem die Ma­fia 1992 auch ih­ren Men­tor Bor­sel­li­no um­ge­bracht hat­te, folg­ten Jah­re der Iso­la­ti­on und Ver­ein­sa­mung. Ih­re Schwä­ge­rin, die eben­falls Kron­zeu­gin ge­wor­den war, be­ging aus Ver­zweif­lung Selbst­mord.

Pie­ra Ai­el­lo aber woll­te wei­ter­kämp­fen. Sie klär­te, stets ver­hüllt, in Schu­len über das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen auf und en­ga­gier­te sich in An­ti-Ma­fia-Ver­ei­nen. Und sie woll­te noch mehr tun: in die Po­li­tik ge­hen, um als Ab­ge­ord­ne­te die Co­sa Nos­tra zu be­kämp­fen und das trau­ri­ge Le­ben von Kron­zeu­gen zu ver­bes­sern. Da sie die rech­ten und lin­ken Alt-Par­tei­en auf Si­zi­li­en für dis­kre­di­tiert und in Tei­len von der Ma­fia un­ter­wan­dert hielt, schloss sie sich der neu­en Fünf-Ster­ne-Be­we­gung an. „Ich be­schloss, Kan­di­da­tin zu wer­den, weil ich, Pie­ra Ai­el­lo, mein Ge­sicht zu­rück­ha­ben woll­te“, sag­te sie jetzt der bri­ti­schen Zei­tung The Guar­di­an.

So zog sie, noch ver­schlei­ert, aus­ge­rech­net in ih­rer Hei­mat West­si­zi­li­en in den Wahl­kampf, wo die Ma­fia bis heu­te tief ver­wur­zelt ist. Und sie ge­wann bei der Par­la­ments­wahl im März mit gro­ßem Vor­sprung, ein Zei­chen da­für, dass die Co­sa Nos­tra auch in ih­ren Hoch­bur­gen zu be­sie­gen ist. Ih­ren Wäh­lern ver­spricht Pie­ra Ai­el­lo, sich im Kampf ge­gen das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen auf kei­ner­lei Kom­pro­mis­se ein­zu­las­sen. Da­zu passt, dass sie jetzt die Ver­hül­lung bei­sei­te­lässt. Sie sagt: „End­lich kann ich der Welt ins Ge­sicht schau­en, oh­ne Angst zu ha­ben, mein ei­ge­nes zu zei­gen.“

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