Vie­le Fra­gen, kei­ne Vor­wür­fe

Ei­ne Son­der­sit­zung im Hes­si­schen Land­tag geht im Fall der ge­tö­te­ten Su­san­na F. mög­li­chen Ver­säum­nis­sen der Er­mitt­ler nach. Ob­wohl der Ver­däch­ti­ge Ali B. un­ter be­hörd­li­cher Be­ob­ach­tung war, wol­len die Ver­ant­wort­li­chen kei­ne Feh­ler er­ken­nen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von su­san­ne höll

Wies­ba­den – In dem spek­ta­ku­lä­ren Fall der ge­tö­te­ten 14 Jah­re al­ten Su­san­na F. ha­ben al­le hes­si­schen Si­cher­heits­be­hör­den jed­we­de Ver­säum­nis­se zu­rück­ge­wie­sen. In ei­ner Son­der­sit­zung des In­nen- und des Rechts­aus­schus­ses im Wies­ba­de­ner Land­tag sag­ten Lan­des­in­nen­mi­nis­ter Pe­ter Beuth (CDU) und Ge­ne­ral­staats­an­walt Hel­mut Fünf­sinn, sie hät­ten zum der­zei­ti­gen Stand der Er­mitt­lun­gen kei­ner­lei Hin­wei­se, dass die Er­mitt­lungs­be­hör­den feh­ler­haft oder zö­ger­lich ge­han­delt hät­ten.

Su­san­na F. wur­de wahr­schein­lich am 22. Mai von dem Asyl­be­wer­ber Ali. B. ge­tö­tet. Er hat­te sich An­fang Ju­ni kurz vor der Ent­de­ckung der Lei­che des Mäd­chens zu­sam­men mit sei­ner Fa­mi­lie in gro­ßer Ei­le in die Hei­mat ab­ge­setzt, war aber im Zu­ge ei­ner Auf­se­hen er­re­gen­den Ak­ti­on von der Bun­des­po­li­zei zu­rück nach Deutsch­land ge­holt wor­den. Die Um­stän­de des Ver­bre­chens, die hef­ti­gen öf­fent­li­chen Re­ak­tio­nen so­wie et­li­che Un­ge­reimt­hei­ten in dem

Die Po­li­zei wi­der­spricht dem Ein­druck, sie ha­be nicht en­ga­giert nach Su­san­na F. ge­sucht

Fall hat­ten bun­des­weit Fra­gen und Mut­ma­ßun­gen aus­ge­löst, auch bei den Ab­ge­ord­ne­ten in Hes­sen. Sie ver­lang­ten ins­be­son­de­re Aus­kunft dar­über, war­um ei­ne in­ten­si­ve Su­che nach dem seit dem 22. Mai ver­miss­ten Mäd­chen erst mit mehr­tä­gi­ger Ver­spä­tung be­gon­nen hat­te. Rät­sel­haft er­schien man­chen auch die Tat­sa­che, dass Ali B. in Wies­ba­den zu­letzt auf frei­em Fuß ge­blie­ben war, ob­gleich er der Wies­ba­de­ner Po­li­zei in die­sem Jahr mehr­mals we­gen des Vor­wurfs von Ge­walt­tä­tig­kei­ten und ei­nes Raub­über­falls auf­ge­fal­len war. Wä­re er hin­ter Git­tern ge­we­sen, hät­te Su­san­na F., die mit dem jün­ge­ren Bru­der von Ali B. be­kannt war und ihn auch in der Un­ter­kunft der Fa­mi­lie in ei­nem Wies­ba­de­ner Flücht­lings­heim traf, al­ler Wahr­schein­lich­keit nach noch am Le­ben.

Die Staats­an­walt­schaft Wies­ba­den er­klär­te aber­mals, dass es bei dem frag­li­chen Raub­de­likt kei­nen drin­gen­den Tat­ver­dacht ge­gen den jun­gen Mann ge­ge­ben ha­be. Der Be­raub­te ha­be zu­dem un­ter­schied­li­che Ver­sio­nen ei­nes Über­falls ge­schil­dert. Da zu­nächst nicht ein­mal der Ta­ther­gang ge­si­chert ge­we­sen wä­re, sei ein Haft­be­fehl nicht in­fra­ge ge­kom­men.

Die hes­si­sche Po­li­zei wi­der­sprach dem Ein­druck, sie hät­te sich nicht en­ga­giert ge­nug um die Su­che des Mäd­chens ge­küm­mert, die am 23. Mai von ih­rer Mut­ter als ver­misst ge­mel­det wor­den war. Man ha­be zu­nächst in Ko­ope­ra­ti­on mit der Main­zer Po­li­zei auch in Wies­ba­den mit Funk­strei­fen nach Su­san­na F. ge­sucht. Als man En­de Mai den Fall über­nom­men ha­be, sei­en auch tech­ni­sche Über­wa­chungs­ak­tio­nen ge­star­tet wor­den, al­ler­dings ver­geb­lich. Über die Ak­ti­vi­tä­ten der Main­zer Be­am­ten so­wie die Um­stän­de der Aus­rei­se und der Rück­kehr Ali B.s, die bei­de die Bun­des­po­li­zei zu ver­ant­wor­ten hat, woll­te sich kein hes­si­scher Of­fi­zi­el­ler äu­ßern. Aus­drück­lich wur­de der Mut­ma­ßung wi­der­spro­chen, Ali B. hät­te we­sent­lich schnel­ler ab­ge­scho­ben wer­den müs­sen, weil sein Asyl­an­trag ab­ge­lehnt wor­den war und sei­ne Wi­der­spruchs­kla­ge man­gels Be­grün­dun­gen stock­te. Selbst wenn der An­trag in letz­ter In­stanz ver­wei­gert wor­den wä­re, hät­te man ihn nicht in den Nord­irak zu­rück­brin­gen kön­nen, hieß es un­ter Ver­weis auf ei­nen Ab­schie­be­stopp. Al­lein Schwerst­straf­tä­ter und Ge­fähr­der dürf­ten in den Irak über­stellt wer­den.

Die Son­der­sit­zung brach­te ei­ni­ge neue In­for­ma­tio­nen über den Um­gang der hes­si­schen Si­cher­heits­be­hör­den mit Ali B. und den Stand der Er­mitt­lun­gen. In­zwi­schen steht fest, dass Ali B. zum mut­maß­li­chen Tat­zeit­punkt 21 Jah­re alt und so­mit voll­jäh­rig war. Zu­nächst war von 20 Jah­ren die Re­de ge­we­sen. Dann hät­te ihm ein Pro­zess in Deutsch­land even­tu­ell nach Jugendstrafrecht ge­macht wer­den kön­nen. Nun aber gel­te Er­wach­se­nen­recht. Die­ses se­he für den Tat­vor­wurf Mord ei­ne le­bens­lan­ge Haft­stra­fe vor, sag­te ei­ne Spre­che­rin der Staats­an­walt­schaft Wies­ba­den. Die Ur­sa­che für die zwi­schen­zeit­li­che Ver­wir­rung in der Fra­ge, wie alt Ali B. ist, sei ein Zah­len­dre­her in Do­ku­men­ten ge­we­sen, so die Spre­che­rin.

Dem Ver­neh­men nach ha­ben die Be­hör­den in der hes­si­schen Lan­des­haupt­stadt zu­letzt ein schär­fe­res Au­ge auf Ali B. ge­hal­ten. Er be­fand sich in ei­nem Pro­gramm, in dem Po­li­zei, Jus­tiz und So­zi­al­be­hör­den ge­mein­sam über den Um­gang mit jun­gen De­lin­quen­ten be­ra­ten. In die­sem Kreis war auch be­schlos­sen wor­den, we­gen des Vor­wurfs des schwe­ren Raubs sei­ne Flücht­lings­un­ter­kunft zu durch­su­chen. We­gen an­de­rer dring­li­cher Ein­sät­ze war die­se Ak­ti­on al­ler­dings erst für den 12. Ju­ni an­ge­setzt wor­den. Da be­fand sich Ali B. be­reits in Frank­furt in Un­ter­su­chungs­haft.

Die Op­po­si­ti­on im Land­tag zeig­te sich nach der Son­der­sit­zung eher mil­de. Die SPD-In­nen­ex­per­tin Nan­cy Fa­e­ser sag­te, sie kön­ne der­zeit kei­ne per­sön­li­chen Feh­ler bei den Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­chen er­ken­nen. Sie be­män­gel­te aber ei­ne un­zu­rei­chen­de per­so­nel­le Aus­stat­tung der Ver­wal­tungs­ge­rich­te, die seit Jah­ren mit ho­hen Asyl­ver­fah­rens­zah­len kämp­fen. Der FDPAb­ge­ord­ne­te Wolf­gang Grei­lich mo­nier­te zwar Voll­zugs­de­fi­zi­te in dem Fall, ver­zich­te­te aber eben­falls auf Vor­wür­fe.

FO­TO: BO­RIS ROESS­LER/DPA

Jun­ge Frau­en le­gen an ei­ner pro­vi­so­ri­schen Ge­denk­stät­te für die ge­tö­te­te Su­san­na F. in Wies­ba­den Blu­men nie­der und ent­zün­den Ker­zen.

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