Mau­ern, schwär­zen, schwei­gen

Der BND muss nach di­ver­sen Skan­da­len seit ei­ni­ger Zeit für Lausch­ak­tio­nen im Aus­land um Er­laub­nis bit­ten. Doch vor dem zu­stän­di­gen Gre­mi­um ist der Ge­heim­dienst we­nig aus­kunfts­freu­dig. Po­li­ti­ker for­dern Kon­se­quen­zen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von rei­ko pin­kert und ro­nen st­ein­ke

Ber­lin – Al­le paar Wo­chen setzt sich in ei­nem Wald­ge­biet bei Mün­chen ei­ne heim­li­che klei­ne Ko­lon­ne in Be­we­gung. Ihr Ziel heißt Karls­ru­he. Dort war­ten ei­ne Frau und zwei Män­ner in ei­nem fens­ter­lo­sen Raum. Han­dys müs­sen drau­ßen blei­ben. Die Frau sitzt in der Mit­te, sie bit­tet die Be­su­cher, vor ihr Platz zu neh­men. Man fühlt sich wie vor Ge­richt, schil­dert ei­ner, der hier re­gel­mä­ßig sei­ne heik­len Wün­sche vor­tra­gen muss.

Die Be­su­cher, sie kom­men von der Ab­hör-Ab­tei­lung des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes (BND) in Pul­lach, tun et­was, das in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik bis­lang ein­zig­ar­tig ist. Sie bit­ten um Er­laub­nis, be­stimm­te Aus­län­der im Aus­land über­wa­chen zu dür­fen. Frü­her ging das oh­ne Er­laub­nis. Der BND konn­te ein­fach los­lau­schen. Seit ei­nem Jahr erst ist das an­ders, es war ein Ver­spre­chen der Re­gie­rung von An­ge­la Mer­kel nach dem pein­li­chen Cha­os mit NSA-Se­lek­to­ren beim BND: Deutsch­lands Spio­ne soll­ten end­lich kla­re Re­geln für das welt­wei­te Ab­sau­gen von Da­ten be­kom­men. Und die Ein­hal­tung die­ser Re­geln soll­te über­prüft wer­den.

Aber es ist ei­ne kaf­ka­es­ke Ver­an­stal­tung, wenn man rich­tig deu­tet, was Be­tei­lig­te über die­ses neue Ri­tu­al be­rich­ten, das min­des­tens ein­mal im Quar­tal statt­fin­det. In dem fens­ter­lo­sen Raum in Karls­ru­he sit­zen drei hoch qua­li­fi­zier­te Ju­ris­ten: Ga­b­rie­le Ci­re­ner ist Rich­te­rin im 1., Claus Zeng Rich­ter im 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs, Lothar Maur ist Bun­des­an­walt. Die drei fra­gen „äu­ßerst kri­tisch und gründ­lich“, er­zählt ein Ein­ge­weih­ter.

Ant­wor­ten auf Fra­gen gibt es nur, so­weit die Agen­ten aus Pul­lach dies selbst für ge­bo­ten hal­ten

Aber der BND ver­wei­ge­re Aus­künf­te oder le­ge teils ge­schwärz­te Un­ter­la­gen vor – so be­kla­gen es die drei Kon­trol­leu­re nach Re­cher­chen von Süd­deut­scher Zei­tung, NDR und WDR in ih­rem jüngs­ten, als ge­heim ein­ge­stuf­ten Be­richt an das Par­la­men­ta­ri­sche Kon­troll­gre­mi­um des Bun­des­tags, der auf den 7. Mai da­tiert ist.

Die drei Ju­ris­ten fra­gen zum Bei­spiel, war­um der BND be­haup­te, ein be­stimm­tes Fir­men­ge­flecht ste­he al-Qai­da na­he und müs­se des­halb ab­ge­hört wer­den. Oder ei­ne „öf­fent­li­che Stel­le“ei­nes EU-Staa­tes müs­se aus­spio­niert wer­den, um Schleu­ser­netz­wer­ke auf­zu­de­cken, wie es Pa­ra­graf 6 des neu­en BND-Ge­set­zes er­laubt. Aber Ant­wor­ten auf ih­re Fra­gen gibt es nur, so­weit der BND dies selbst für ge­bo­ten hält.

Es sind kei­ne il­le­ga­len Lausch­prak­ti­ken, wel­che die drei Ju­ris­ten dem Ge­heim­dienst nun in ih­rem 39 Sei­ten star­ken Be­richt an­las­ten. Und es ist durch­aus auch von Fort­schrit­ten die Re­de. Je­den­falls im Ver­gleich zum ers­ten Be­richt des Karls­ru­her Gre­mi­ums vor ei­nem hal­ben Jahr. Zum Bei­spiel hat der BND die Pflicht, Da­ten schnell zu lö­schen, die den so­ge­nann­ten Kern­be­reich des Pri­vat­le­bens be­tref­fen, al­so et­wa Ehe­pro­ble­me oder Er­kran­kun­gen, die er beim Ab­hö­ren auf­schnappt. Hier meint das Gre­mi­um an­geb­lich: Der BND ha­be ein prak­ti­ka­bles Ver­fah­ren ge­fun­den. Da­mit kön­ne man zu­frie­den sein.

Nur folgt im­mer wie­der die Fest­stel­lung: Das Ju­ris­ten­t­rio sto­ße schnell an sei­ne Gren­zen, wenn es das Ver­spre­chen der Bun­des­re­gie­rung wört­lich neh­me und wirk­lich kon­trol­lie­ren wol­le, ob der BND Ge­set­ze ein­hält. Für die po­li­ti­sche Be­wer­tung der groß an­ge­kün­dig­ten Ge­heim­diens­t­re­form von 2016 ist das be­mer­kens­wert. „Wenn dies so sein soll­te, dass das Gre­mi­um rügt, dass es sei­nem Kon­troll­auf­trag nicht in vol­lem Um­fang ge­recht wer­den kann“, sagt der FDP-Ab­ge­ord­ne­te Ste­phan Tho­mae, Mit­glied im Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­um – dann müss­ten die Ab­ge­ord­ne­ten „über­le­gen, wo man noch Ver­bes­se­run­gen er­zie­len kann“. Sprich: Ge­set­ze än­dern.

Der FDP-Po­li­ti­ker sieht ein grund­sätz­li­ches Pro­blem da­rin, dass die Karls­ru­her Ju­ris­ten nicht nach­prü­fen könn­ten, aus wel­chem Grund der BND be­stimm­te Stel­len schwär­ze – ob der Di­enst al­so wirk­lich nur aus­län­di­sche Part­ner schützt, de­nen er Ver­trau­lich­keit ver­spro­chen hat, wie er oft be­haup­tet. Oder ob im Ein­zel­fall mal et­was an­de­res da­hin­ter­steckt. „Nur wenn al­les un­ein­ge­schränkt, voll­um­fäng­lich und oh­ne Schwär­zun­gen vor­ge­legt wird“, könn­ten die Karls­ru­her ih­re Auf­ga­be er­fül­len.

Der Link­s­par­tei-Ab­ge­ord­ne­te An­dré Hahn kri­ti­siert des­halb, das Gre­mi­um sei „bei al­ler Wert­schät­zung für die Ar­beit der Mit­glie­der ein zahn­lo­ser Ti­ger, nicht in der La­ge, den BND wirk­lich an die Ket­te zu le­gen“.

Die drei Ju­ris­ten schaff­ten es nicht, „den BND wirk­lich an die Ket­te zu le­gen“, sagt ein Lin­ker

Hahn for­dert: „Der BND muss al­le Un­ter­la­gen vor­le­gen, die ver­langt wer­den. Das ist sei­ne Pflicht, das war von der Bun­des­re­gie­rung zu­ge­sagt. Wenn das nicht statt­fin­det, ist die Bun­des­re­gie­rung ge­for­dert – ins­be­son­de­re das Kanz­ler­amt –, hier An­wei­sun­gen zu er­tei­len, dass die Un­ter­la­gen den Mit­glie­dern ge­ge­ben wer­den.“ Der Si­cher­heits­ex­per­te der SPD, der Ab­ge­ord­ne­te Uli Grötsch, warnt gar: „Was oh­ne ei­ne ef­fek­ti­ve Kon­trol­le der Nach­rich­ten­diens­te pas­sie­ren kann, das ha­ben wir in meh­re­ren Zu­sam­men­hän­gen in den letz­ten Jah­ren ge­se­hen. Das fängt an bei den Ent­hül­lun­gen von Herrn Snow­den.“

Der BND selbst er­klär­te auf An­fra­ge, man un­ter­stüt­ze die Karls­ru­her Kon­trol­leu­re „in dem vom Ge­setz­ge­ber vor­ge­ge­be­nen Rechts­rah­men und un­ter Be­ach­tung der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts voll­um­fäng­lich“. De­tails sei­en Ver­schluss­sa­che, da­zu äu­ße­re sich die Re­gie­rung nicht öf­fent­lich. Im­mer­hin, so ist zu hö­ren, scheint man in Pul­lach er­freut dar­über zu sein, dass die Be­su­che der Agen­ten in Karls­ru­he lang­sam an­ge­neh­mer wer­den. Hieß es an­fangs noch ab­schät­zig, die drei Karls­ru­her Kon­trol­leu­re sei­en wohl „in­tel­li­gence-fern“, sprich: we­nig sach­kun­dig im Ge­heim­dienst­ge­schäft und des­halb über­kri­tisch, so lob­te ein BND-Mann jüngst, sie hät­ten sich „in­zwi­schen Sach­ver­stand an­ge­eig­net“.

FO­TO: RE­GI­NA SCHMEKEN

Gro­ßes Bau­werk, vie­le Fens­ter: Die neue Zen­tra­le des Bun­des­nach­rich­ten­diensts in Ber­lin soll bald Tau­sen­de Mit­ar­bei­ter be­her­ber­gen, rich­tig trans­pa­rent geht es da­bei na­tür­lich nicht zu.

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