Zorn ge­gen Ab­bas

Im West­jor­dan­land wächst der Un­mut über den Pa­läs­ti­nen­ser­prä­si­den­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Alex­an­dra fö­derl-schmid

– In den pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­bie­ten gärt es. Der Zorn rich­tet sich erst­mals di­rekt ge­gen Mahmud Ab­bas. De­mons­tran­ten gin­gen im West­jor­dan­land auf die Stra­ße, um ge­gen den zu­neh­mend au­to­ri­tär re­gie­ren­den Prä­si­den­ten zu pro­tes­tie­ren und nicht, wie bis­her üb­lich, ge­gen die is­rae­li­sche Be­sat­zung oder die USA we­gen ih­rer Ent­schei­dung zur Ver­le­gung der Bot­schaft von Tel Aviv nach Jerusalem.

Am Mitt­woch­abend lös­te die Po­li­zei in Ra­mal­lah ei­ne De­mons­tra­ti­on ge­walt­sam auf. Die Ein­satz­kräf­te setz­ten Gum­mi­knüp­pel und Trä­nen­gas ein, es wa­ren auch Schüs­se zu hö­ren. Ei­ne be­trächt­li­che An­zahl an Teil­neh­mern wur­de laut Au­gen­zeu­gen­be­rich­ten von Uni­for­mier­ten und von Mit­glie­dern der Ge­heim­po­li­zei ge­schla­gen, bis zu 15 Men­schen sol­len im Kran­ken­haus be­han­delt wor­den sein. Es soll bis zu 80 Ver­haf­tun­gen ge­ge­ben ha­ben, auch Jour­na­lis­ten wur­den fest­ge­nom­men und wäh­rend der Nacht­stun­den wie­der frei­ge­las­sen. Po­li­zis­ten zer­stör­ten und be­schlag­nahm­ten Ka­me­ras so­wie Te­le­fo­ne. Jour­na­lis­ten wur­de an­ge­ord­net, sie dürf­ten kei­ne De­mons­tran­ten in­ter­view­en.

Ab­bas trifft mit den Maß­nah­men die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung.

Das stärkt eher die Ha­mas

Ein Teil der Kund­ge­bungs­teil­neh­mer konn­te sich in Sei­ten­stra­ßen rund um den Ma­n­a­ra-Platz flüch­ten. Dort skan­dier­ten sie un­ter an­de­rem: „Mit Kampf­geist und Blut wer­den wir Ga­za er­lö­sen!“Ak­ti­vis­ten hat­ten über ei­ne Face­book­sei­te mit dem Ti­tel „Die Sank­tio­nen ge­gen Ga­za sind ein Ver­bre­chen“die Pro­tes­te or­ga­ni­siert.

Die Kri­tik rich­tet sich an Ab­bas, der als Chef der pa­läs­ti­nen­si­schen Au­to­no­mie­be­hör­de an­ge­ord­net hat­te, die Strom­rech­nun­gen nicht voll­stän­dig zu be­glei­chen, so­dass es seit Mo­na­ten im Ga­za­strei­fen nur stun­den­wei­se Elek­tri­zi­tät gibt. Au­ßer­dem wer­den die Ge­häl­ter von An­ge­stell­ten der Ver­wal­tung seit April gar nicht mehr oder nur teil­wei­se über­wie­sen. Mit die­sen Maß­nah­men will Ab­bas die im Ga­za­strei­fen re­gie­ren­de ra­di­kal­is­la­mi­sche Ha­mas zur Ab­ga­be der Amts­ge­schäf­te zwin­gen. Er trifft da­mit aber vor al­lem die ei­ge­ne pa­läs­ti­nen­si­sche Be­völ­ke­rung, was er­heb­li­chen Un­mut aus­löst und die Ha­mas eher stärkt. Es soll Plä­ne ge­ben, auch das In­ter­net und Bank­ge­schäf­te zu un­ter­bin­den.

Am Sonn­tag hat­ten sich trotz Dro­hun­gen rund 2000 Teil­neh­mer in Ra­mal­lah zu ei­ner De­mons­tra­ti­on ver­sam­melt, am Di­ens­tag wa­ren es ei­ni­ge Hun­dert. Die pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de ver­häng­te ein De­mons­tra­ti­ons­ver­bot für die kom­men­den Ta­ge und be­grün­de­te dies mit dem be­vor­ste­hen­den En­de des Ra­ma­dan und dem an­schlie­ßen­den drei­tä­gi­gen Fest Id al-Fitr. Als am Mitt­woch De­mons­tran­ten auf dem Ma­n­a­ra-Platz in Ra­mal­lah ein­tra­fen, war­te­te schon die schwer be­waff­ne­te Po­li­zei. Die Or­ga­ni­sa­to­ren mach­ten den pa­läs­ti­nen­si­schen Prä­si­den­ten di­rekt für die ge­walt­sa­me Un­ter­drü­ckung der Pro­tes­te ver­ant­wort­lich. Auch die pa­läs­ti­nen­si­sche Jour­na­lis­ten­or­ga­ni­sa­ti­on pro­tes­tier­te ge­gen das Vor­ge­hen.

Der 83-jäh­ri­ge Ab­bas, der seit 2005 re­giert und seit sei­ner Ent­las­sung aus dem Kran­ken­haus vor rund zwei Wo­chen kei­ne öf­fent­li­chen Auf­trit­te mehr ab­sol­viert hat, äu­ßer­te sich am Don­ners­tag nicht zu den Pro­tes­ten, son­dern nur zu ei­ner in der Nacht be­schlos­se­nen UN-Re­so­lu­ti­on. Da­rin for­dert die UN-Voll­ver­samm­lung Is­ra­el da­zu auf, ihr Vor­ge­hen ge­gen pa­läs­ti­nen­si­sche De­mons­tran­ten an der Gren­ze zum Ga­za­strei­fen ein­zu­stel­len. Die ver­ab­schie­de­te Re­so­lu­ti­on be­klagt die „ex­zes­si­ve, dis­pro­por­tio­na­le und rück­sichts­lo­se Ge­walt“Is­ra­els ge­gen­über den Pa­läs­ti­nen­sern. Seit En­de März sind mehr als 120 Men­schen am Grenz­zaun ge­tö­tet wor­den. Für Ab­bas ist die­se Re­so­lu­ti­on „ein Sieg für die Rech­te der Pa­läs­ti­nen­ser“, Is­ra­els Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu be­zeich­ne­te sie als „Heu­che­lei“und „ein­sei­ti­ge Schuld­zu­wei­sung“.

FO­TO: AB­BAS MOMANI/AFP

Die Men­schen im West­jor­dan­land pro­tes­tie­ren ge­gen die wirt­schaft­li­chen Sank­tio­nen von Prä­si­dent Ab­bas, die der Be­völ­ke­rung in Ga­za scha­den.

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