Die Sand­uhr läuft

Eu­ro­pa­rat lädt tür­ki­sche Kri­ti­ker zum Dia­log

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Wolf­gang ja­nisch

Straß­burg – Ge­rech­tig­keit hat im­mer ei­nen Zeit­fak­tor – spä­tes Recht kann nutz­lo­ses Recht sein. Un­ge­fähr so lässt sich die Kri­tik tür­ki­scher Bür­ger­recht­ler am Um­gang des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te mit Zehn­tau­sen­den Be­schwer­den be­schrei­ben, die sich ge­gen un­recht­mä­ßi­ge Ver­haf­tun­gen und Ent­las­sun­gen zur Wehr ge­setzt ha­ben. Bis­her hat der Straß­bur­ger Ge­richts­hofs den Groß­teil der Be­schwer­den ab­ge­wie­sen – weil zu­nächst der in­ner­tür­ki­sche Rechts­weg aus­ge­schöpft wer­den müs­se.

Ist das stu­rer For­ma­lis­mus, der se­hen­den Au­ges die Will­kür ei­nes Un­rechts­staats hin­nimmt? Der Eu­ro­pa­rat, dem der Ge­richts­hof an­ge­glie­dert ist, hat nun zwei Kri­ti­ker zum Dia­log nach Straß­burg ein­ge­la­den: den An­walt Vey­sel Ok, der un­ter an­de­rem den Jour­na­lis­ten De­niz Yücel ver­tritt, so­wie die Jour­na­lis­tin und Bür­ger­recht­le­rin Ba­ris Alt­in­tas. Im zen­tra­len Punkt hat sich de­ren Ein­schät­zung frei­lich auch nach dem Ge­spräch nicht ge­än­dert: „Das tür­ki­sche Ver­fas­sungs­ge­richt bie­tet kein wirk­sa­mes Rechts­mit­tel“, sag­te Ok. Zwei sei­ner Mit­glie­der sei­en im Ge­fäng­nis, zu­dem sei das Ge­richt der­art mit Kla­gen über­las­tet, dass es den Ver­fah­ren nicht ein­mal mehr Ak­ten­zei­chen ge­be. Hin­zu kom­me der an­hal­ten­de Druck der Re­gie­rung auf das Ge­richt. Ähn­li­ches gel­te für die nach dem Putsch ei­gens ein­ge­rich­te­te Kom­mis­si­on, die Be­schwer­den ab­ar­bei­ten soll. „Sie ist kein ge­richt­li­cher Mecha­nis­mus“, kri­ti­sier­te Ok. Soll hei­ßen: Ein Rechts­schutz, der den Na­men ver­dient, ist nach sei­ner Ein­schät­zung in der Tür­kei der­zeit sch­licht nicht zu er­lan­gen. Mit­un­ter ar­bei­te die tür­ki­sche Jus­tiz so­gar be­son­ders schnell, um Fak­ten zu schaf­fen. „Die Kla­gen an den Straß­bur­ger Ge­richts­hof wer­den da­mit nutz­los.“Ok emp­fahl, in Straß­burg für par­al­lel ge­la­ger­te Fäl­le so­ge­nann­te Pi­lot­ver­fah­ren auf den Weg zu brin­gen.

Chris­tos Giak­o­u­mo­pou­los, Ge­ne­ral­di­rek­tor für Men­schen­rech­te am Eu­ro­pa­rat, wand­te ein, den Klä­gern sei zu­min­dest der Ver­such zu­mut­bar, die tür­ki­schen In­stan­zen aus­zu­tes­ten – so sei­en die Re­geln des Ge­richts: „Zwei­fel an der Wirk­sam­keit von Rechts­mit­teln ent­bin­den die Klä­ger nicht da­von, es da­mit zu ver­su­chen.“Tat­säch­lich hat das Men­schen­rechts­ge­richt – zu­stän­dig für 47 Staa­ten – ja nicht sel­ten mit rechts­staat­li­chen Stan­dards zwei­fel­haf­ter Qua­li­tät zu tun und ist gleich­wohl zu strik­ter Sub­si­dia­ri­tät ver­pflich­tet. Giak­o­u­mo­pou­los stell­te aber klar, dass dies bei­lei­be nicht das letz­te Wort der Straß­bur­ger Rich­ter sei: „Der Ge­richts­hof über­prüft die Si­tua­ti­on in der Tür­kei re­gel­mä­ßig und be­ob­ach­tet die Wirk­sam­keit von Rechts­mit­teln“, sag­te Giak­o­u­mo­pou­los. Über­dies sei­en 26 Be­schwer­den in­haf­tier­ter Jour­na­lis­ten und Par­la­men­ta­ri­er in­zwi­schen zur Stel­lung­nah­me an die tür­ki­sche Re­gie­rung wei­ter­ge­lei­tet wor­den. Au­ßer­dem schaut auch das Men­schen­rechts­ge­richt auf den Zeit­fak­tor – und der könn­te sich ge­gen die Tür­kei wen­den. Denn für die Fra­ge, ob ein tür­ki­sches Rechts­mit­tel aus Straß­bur­ger Sicht wirk­lich als so wirk­sam an­ge­se­hen wird, dass es die ho­hen Rich­ter zum Ab­war­ten ver­an­lasst, spielt auch die Ver­fah­rens­dau­er ei­ne Rol­le. „Die Zeit, die das tür­ki­sche Ver­fas­sungs­ge­richt bis zu ei­ner Ent­schei­dung ver­strei­chen lässt, hat ei­nen di­rek­ten Ein­fluss auf die Dau­er der In­haf­tie­rung und da­mit auf die Beur­tei­lung, ob ein Rechts­mit­tel noch als wirk­sam an­zu­se­hen ist“, sag­te Da­ni­el Hölt­gen, Spre­cher des Eu­ro­pa­rats. Die Sand­uhr läuft in Straß­burg, soll das hei­ßen.

Das Fa­zit? Klang fast schon ver­söhn­lich. Die Straß­bur­ger Po­si­ti­on sei nun kla­rer ge­wor­den, sag­te Ba­ris Alt­in­tas. „Und der Ge­richts­hof ist wirk­lich wich­tig für uns, um un­se­re Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern.“

FO­TO: AP

Vey­sel Ok, der als An­walt den Jour­na­lis­ten De­niz Yücel ver­tritt, ap­pel­liert an den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te, Pi­lot­ver­fah­ren für Be­schwer­den aus der Tür­kei ein­zu­füh­ren.

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