Ho­he Stra­fen für Schlep­per­ban­de

Vor drei Jah­ren er­stick­ten 71 Flücht­lin­ge qual­voll in ei­nem Kühl­las­ter auf der Fahrt durch Ös­ter­reich. Nun hat ein un­ga­ri­sches Ge­richt die An­füh­rer der Ban­de zu je­weils 25 Jah­ren Haft ver­ur­teilt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von pe­ter münch

Wi­en/Kecske­mét – Es war ein kalt­blü­ti­ges Ver­bre­chen. Kein Un­glücks­fall, kei­ne Fahr­läs­sig­keit, kei­ne Ver­ket­tung wid­ri­ger Um­stän­de hat im Au­gust 2015 zum Tod von 71 Flücht­lin­gen im La­de­raum ei­nes Las­ters ge­führt, son­dern die Be­reit­schaft ei­ner Schlep­per­ban­de, über Lei­chen zu ge­hen. So hat nun Rich­ter Já­nos Já­di im un­ga­ri­schen Kecske­mét ge­ur­teilt und über die vier Haupt­an­ge­klag­ten am Don­ners­tag Haft­stra­fen von je­weils 25 Jah­ren ver­hängt. Le­bens­lang hat­te die Staats­an­walt­schaft we­gen Mor­des ge­for­dert. Den Vor­satz woll­te der Rich­ter nicht er­ken­nen. Aber Här­te hat er ge­zeigt: Die Stra­fe muss zum Teil un­ter ver­schärf­ten Be­din­gun­gen ver­büßt wer­den, ei­ne vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung ist nicht mög­lich.

Drei Jah­re nach der Tat und ein Jahr nach Pro­zess­be­ginn ist nun das Ur­teil in ei­nem Fall ge­spro­chen wor­den, der welt­weit für Ent­set­zen ge­sorgt hat. Er hat den Blick oh­ne Fil­ter und oh­ne Ab­stand auf das Lei­den der Flücht­lin­ge ge­lenkt und zugleich auf die Skru­pel­lo­sig­keit der Schlep­per. In die­sem Fall war die Ban­de von ei­nem Af­gha­nen ge­führt wor­den, der ei­ne Grup­pe von Bul­ga­ren so­wie ei­nen ge­bür­ti­gen Li­ba­ne­sen um sich ge­schart hat­te. Ne­ben den vier Haupt­tä­tern wur­den noch zehn wei­te­re Män­ner, die zur kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung ge­zählt wur­den, zu Haft­stra­fen zwi­schen drei und zwölf Jah­ren ver­ur­teilt. Drei von ih­nen sind noch flüch­tig.

Die Fahrt in den Tod be­gann am frü­hen Mor­gen des 26. Au­gust 2015 na­he der ser­bisch-un­ga­ri­schen Gren­ze. In ei­nem Wald­stück hat­ten sich die Flücht­lin­ge ver­steckt, ei­lig wur­den sie in den Fracht­raum des Kühl­las­ters ge­drängt: Sy­rer, Ira­ker, Ira­ner und Af­gha­nen. 59 Män­ner, acht Frau­en und vier Kin­der. 71 Men­schen auf ei­ner Flä­che von 14,26 Qua­drat­me­tern. Oh­ne Luft­zu­fuhr, oh­ne Fens­ter, oh­ne Licht. Die Tür ließ sich nur von au­ßen öff­nen.

Vor­bei an Bu­da­pest ging die Fahrt nach Nord­wes­ten Rich­tung ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze. Vor­ne­weg fuhr ein Be­gleit­fahr­zeug der Schlep­per, das vor Kon­trol­len war­nen soll­te. Sehr bald schon wur­de der Sau­er­stoff knapp, die Men­schen im La­de­raum be­gan­nen ver­zwei­felt zu schrei­en und zu trom­meln. Hin­ten war die Höl­le, vorn herrsch­te das küh­le Kal­kül der Men­schen­händ­ler. All das ist ge­nau pro­to­kol­liert – denn die Schlep­per wur­den ab­ge­hört. Wo­chen zu­vor schon wa­ren sie ins Vi­sier der un­ga­ri­schen Er­mitt­ler ge­ra­ten.

Die An­ge­klag­ten zeig­ten erst zum En­de des Pro­zes­ses Reue

Die Te­le­fon­pro­to­kol­le, die kurz vor Pro­zess­be­ginn im vo­ri­gen Jahr von der Süd­deut­schen Zei­tung, dem NDR und WDR öf­fent­lich ge­macht wur­den, sind ein er­schüt­tern­des Do­ku­ment: „Sie schrei­en ein­fach die gan­ze Zeit, du kannst dir gar nicht vor­stel­len, was hier los ist“, mel­de­te der Fah­rer. Mehr­mals te­le­fo­nier­te er, zu­neh­mend auf­ge­regt, aus Angst vor Ent­de­ckung. Im­mer wie­der wur­de er be­schie­den, nicht auf die Schreie zu ach­ten, bloß nicht an­zu­hal­ten, auf kei­nen Fall die Tür zu öff­nen, ein­fach wei­ter­zu­fah­ren. „Falls sie ster­ben soll­ten, soll er sie dann in Deutsch­land im Wald ab­la­den“, be­fiehlt der af­gha­ni­sche Ban­den­chef. Im Pro­to­koll ist noch ver­merkt, dass dar­auf­hin „ei­ne oder evtl. meh­re­re Per­so­nen la­chen“.

Al­les wur­de ge­hört, aber nichts ver­hin­dert. Die un­ga­ri­schen Be­hör­den recht­fer­tig­ten das da­mit, dass die Ge­sprä­che erst spä­ter über­setzt und aus­ge­wer­tet wur­den. Spä­ter war zu spät. Als der Las­ter nach rund drei St­un­den Fahrt die un­ga­risch-ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze er­reich­te, war aus dem La­de­raum kein Trom­meln und kein Schrei­en mehr zu hö­ren, al­le In­sas­sen wa­ren tot, sie wa­ren qual­voll er­stickt. Der Fah­rer stell­te den Wa­gen auf der Au­to­bahn bei Parn­dorf im Bur­gen­land in ei­ner Pan­nen­bucht ab und floh mit dem Be­gleit­fahr­zeug zu­rück nach Un­garn. Als der Kühl­las­ter am nächs­ten Mor­gen von der ös­ter­rei­chi­schen Po­li­zei ent­deckt und ge­öff­net wur­de, tropf­te Ver­we­sungs­flüs­sig­keit aus dem La­de­raum. Von un­ge­fähr 20 To­ten war zu­nächst die Re­de, dann von viel­leicht 50, so schwer war das ab­zu­schät­zen.

Die Be­rich­te und die vom Bou­le­vard ver­öf­fent­lich­ten Bil­der vom Las­ter vol­ler Lei­chen, der mit ei­nem auf­ge­druck­ten Hahn für Ge­flü­gel­fleisch warb, wa­ren ein nach­hal­ti­ges Schock­erleb­nis auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se 2015. Die Flücht­lin­ge star­ben nicht mehr an­onym im Mit­tel­meer, son­dern wur­den von den Schlep­pern tot vor die Tü­ren des Wes­tens ge­legt. All das platz­te hin­ein in ein Tref­fen von Re­gie­rungs­chefs, die in Wi­en über die Zu­kunft des West­bal­kans be­ra­ten woll­ten und nun mit die­ser Tra­gö­die kon­fron­tiert wa­ren. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und die an­de­ren zeig­ten sich er­schüt­tert. Kurz dar­auf öff­ne­te Mer­kel die Gren­ze.

Doch jen­seits die­ser po­li­ti­schen Fra­gen war in Kecske­mét nun al­lein über ein Ver­bre­chen zu ur­tei­len. Die Tä­ter wa­ren schnell in Un­garn ver­haf­tet wor­den, auf­ge­flo­gen war ein Ring von Schleu­sern, die rund 1200 Flücht­lin­ge nach Ös­ter­reich ge­schmug­gelt und da­bei Hun­dert­tau­sen­de Eu­ro ver­dient hat­ten. Selbst am Tag nach der Parn­dor­fer To­des­fahrt setz­ten sie das Ge­schäft un­ge­rührt fort und pferch­ten er­neut 67 Flücht­lin­ge in ei­nen Kühl­las­ter. Sie über­leb­ten die Fahrt nach Ös­ter­reich, weil sie ein Loch in die Wand tre­ten konn­ten.

Zu Pro­zess­be­ginn hat­ten sich die An­ge­klag­ten zu­nächst un­be­tei­ligt ge­zeigt. Erst schwie­gen sie, spä­ter scho­ben sie sich ge­gen­sei­tig die Schuld zu, erst am En­de zeig­ten sie Reue, baten die An­ge­hö­ri­gen der Op­fer um Ver­zei­hung und das Ge­richt um ein mil­des Ur­teil. Da lag schon ein Pro­zess hin­ter ih­nen, in dem die Be­weis­last er­drü­ckend war. In die Län­ge hat er sich den­noch ge­zo­gen, auch weil im Ge­richts­saal bis­wei­len ba­by­lo­ni­sche Sprach­ver­wir­rung herrsch­te. Die Pro­zess­spra­che Un­ga­risch muss­te für die An­ge­klag­ten, die dem Ver­fah­ren mit Kopf­hö­rern folg­ten, si­mul­tan ins Bul­ga­ri­sche, Ara­bi­sche und Pasch­tu über­setzt wer­den.

Die Ver­tei­di­ger ver­such­ten noch, die Tat als ei­ne Art Un­fall da­zu­stel­len. Den Rich­ter Já­di, der viel Lob für sei­ne um­sich­ti­ge Ver­hand­lungs­füh­rung be­kom­men hat, über­zeug­te das nicht. Ei­ne Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil steht nun den An­klä­gern wie den Ver­tei­di­gern of­fen. Die An­ge­klag­ten nah­men die Schuld­sprü­che schwei­gend und mit ge­senk­ten Häup­tern ent­ge­gen.

Mit­ar­beit: Da­ni­el May­er

FO­TO: RO­LAND SCHLA­GER/DPA

Der Fund der Lei­chen an ei­ner Au­to­bahn im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land hat­te im Au­gust 2015 in­ter­na­tio­nal Ent­set­zen aus­ge­löst. Die To­ten – 59 Män­ner, acht Frau­en und vier Kin­der – stamm­ten aus Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan und dem Irak.

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