Ver­sor­gung un­ter Be­schuss

An­ge­sichts der von den Emi­ra­ten ge­führ­ten Of­fen­si­ve auf die Ha­fen­stadt Ho­deidah war­nen die UN vor Hun­gers­not und Cho­le­ra-Epi­de­mie in Je­men

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Paul-an­ton krü­ger

Kai­ro – Je­me­ni­ti­sche Mi­li­zen ha­ben un­ter­stützt von emi­ra­ti­schen Trup­pen, Kriegs­schif­fen und Luft­an­grif­fen ih­ren Vor­stoß auf Ho­deidah fort­ge­setzt. Be­woh­ner be­rich­ten von schwe­ren Kämp­fen am Flug­ha­fen süd­lich der Ha­fen­stadt am Ro­ten Meer, der noch von den Huthi-Re­bel­len ge­hal­ten wird. Die von Sau­di-Ara­bi­en ge­führ­te Mi­li­tär­ko­ali­ti­on er­klär­te, sie wol­le den Flug­ha­fen, die Ver­bin­dungs­stra­ße in die Haupt­stadt Sanaa und vor al­lem den See­ha­fen un­ter ih­re Kon­trol­le brin­gen, je­doch ei­nen Ein­marsch in die Stadt ver­mei­den. Den­noch war­nen die Ver­ein­ten Na­tio­nen und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­dring­lich vor ei­ner Ka­ta­stro­phe in Je­men, soll­te der Ha­fen im Zu­ge der Ge­fech­te un­brauch­bar wer­den oder soll­ten wich­ti­ge Ver­bin­dun­gen in den Nord­je­men un­ter­bro­chen wer­den.

Die Not­hil­fe-Ko­or­di­na­to­rin der UN für Je­men, Li­se Gran­de, sag­te der Süd­deut­schen Zei­tung: „Je­de Schlie­ßung des Ha­fens wird un­mit­tel­ba­re und ka­ta­stro­pha­le Fol­gen für das Le­ben der Men­schen im Nor­den Je­mens ha­ben, des­we­gen muss der Ha­fen of­fen ge­hal­ten wer­den!“Die UN ver­su­chen der­zeit fie­ber­haft, ei­ne neue Cho­le­raEpi­de­mie ab­zu­wen­den. Da­für müs­sen Was­ser­stel­len re­gel­mä­ßig des­in­fi­ziert wer­den. Wenn die über den Ha­fen im­por­tier­ten Che­mi­ka­li­en da­für fehl­ten oder die Qu­el­len we­gen Kämp­fen nicht mehr zu­gäng­lich sei­en, wer­de sich die Seu­che aus­brei­ten wie ein Lauf­feu­er, warnt Gran­de. Schon im ver­gan­ge­nen Jahr er­krank­ten die meis­ten Men­schen in Ho­deidah und Sanaa. Die Zahl der In­fi­zier­ten über­steigt bis heu­te 1,1 Mil­lio­nen, 2300 Men­schen star­ben.

Über­dies sei die Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln ge­fähr­det, auch wenn die UN in Ho­deidah und an­de­ren Lan­des­tei­len Vorräte vor­hal­ten. „Wir er­näh­ren der­zeit sie­ben Mil­lio­nen Men­schen, die sonst ver­hun­gern wür­den“, sagt Gran­de. Wei­te­re 11,4 Mil­lio­nen, von de­nen 1,4 Mil­lio­nen akut ei­ne Hun­gers­not droht, sind aber von den kom­mer­zi­el­len Im­por­ten ab­hän­gig, die größ­ten­teils über Ho­deidah ins Land kom­men. „Wenn sie kei­ne Le­bens­mit­tel mehr be­kom­men, wer­den sie an un­se­re Tü­ren klop­fen“, warnt Gran­de. Ab­wei­sen wer­den die UN sie nicht kön­nen, aber dann sind die Vorräte, die für sie­ben Mil­lio­nen rei­chen soll­ten, bin­nen Wo­chen auf­ge­braucht.

Die UN ha­ben des­we­gen in­ter­na­tio­na­les Per­so­nal zu­rück nach Ho­deidah ge­schickt. „Der­zeit la­den wir mit Gra­nat­feu­er und Luft­an­grif­fen in we­ni­gen Ki­lo­me­tern Ent­fer­nung 18 000 Ton­nen Le­bens­mit­tel ab“, sag­te Gran­de. Al­ler­dings sind die Le­bens­mit­tel­im­por­te laut Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen be­reits vor Aus­bruch der Kämp­fe auf das nied­rigs­te Ni­veau seit Be­ginn des Kon­flik­tes im März 2015 ge­sun­ken, die Prei­se für Gr­und­nah­rungs­mit­tel noch­mals um ein Drit­tel ge­stie­gen. Aus Sanaa und an­de­ren Or­ten gibt es Be­rich­te über Hams­ter­käu­fe.

Die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te, trei­ben­de Kraft hin­ter der Of­fen­si­ve, ver­si­chern, al­les zu tun, um den Ha­fen of­fen­zu­hal­ten. Die Hut­his ver­such­ten, den UN-Son­der­ge­sand­ten Mar­tin Grif­fiths in lang­wie­ri­ge Dis­kus­sio­nen über tech­ni­sche De­tails zu ver­stri­cken, sag­te der Staats­mi­nis­ter für Aus­wär­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten, An­war Gar­gasch, der SZ am Te­le­fon. „Das ein­zi­ge, was

US-Se­na­to­ren dro­hen Abu Dha­bi und Ri­ad mit Kür­zung von Mi­li­tär­hil­fe

„Wenn sie Ho­deidah ver­lie­ren, wer­den sie ein­se­hen, dass sie kei­ne Wahl ha­ben, als an den Ver­hand­lungs­tisch zu kom­men“, pro­phe­zeit Gar­gasch. Stäm­me, die der­zeit noch auf Sei­ten der Hut­his stün­den, wür­den sich ab­wen­den. Zu­dem wür­den sie ih­re wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le ver­lie­ren und den Zu­gang zu mo­der­nen ira­ni­schen Waf­fen, die laut den Emi­ra­ten und Sau­diA­ra­bi­en trotz Kon­trol­len im­mer wie­der durch den Ha­fen ge­schmug­gelt wer­den.

Die Sor­gen über die Fol­gen der Of­fen­si­ve sei­en be­rech­tigt, sag­te Gar­gasch – soll­ten aber nicht über­trie­ben wer­den. Die Emi­ra­te hät­ten Not­fall­plä­ne aus­ge­ar­bei­tet, um in Kon­vois über Land Le­bens­mit­tel nach Je­men zu brin­gen und auch ein­zu­flie­gen oder aus der Luft ab­zu­wer­fen. Zu­dem ha­be man Vor­keh­run­gen ge­trof­fen, um den Ha­fen ent­mi­nen und even­tu­ell be­schä­dig­te In­fra­struk­tur wie Krä­ne schnell re­pa­rie­ren oder er­set­zen zu kön­nen. Der Ha­fen wer­de „nicht über Wo­chen au­ßer Be­trieb sein“, ver­si­cher­te er, und die Mi­li­tär­ope­ra­ti­on „nicht Mo­na­te dau­ern, son­dern kür­zer“.

West­li­che Di­plo­ma­ten zei­gen sich skep­tisch, dass dies ge­lingt. „Wir ha­ben kei­nen Ein­blick in die tat­säch­li­chen Plä­ne der Hut­his“, sag­te ei­ne mit der Si­tua­ti­on ver­trau­te Per­son. „Wir wis­sen nicht, ob sie kämp­fen wer­den, ob sie den Ha­fen vor ei­nem Ab­zug be­schä­di­gen oder ver­mi­nen, ob sie ei­nen tak­ti­schen Rück­zug in Er­wä­gung zie­hen.“Ein Spre­cher der Re­bel­len warn­te, Schif­fe soll­ten sich von der emi­ra­ti­schen Ma­ri­ne vor der Küs­te fern­hal­ten. Man ha­be ei­ne ver­such­te Lan­dungs­ope­ra­ti­on mit Ra­ke­ten zu­rück­ge­schla­gen. Be­woh­ner der Stadt be­rich­ten, die Hut­his hät­ten ih­re Stel­lun­gen am Ha­fen ver­stärkt und Scharf­schüt­zen an Zu­gangs­stra­ßen po­si­tio­niert. Die Men­schen ver­such­ten, sich in den na­he­ge­le­ge­nen Ber­gen in Si­cher­heit zu brin­gen.

Am Abend soll­te sich der UN-Si­cher­heits­rat mit der Kri­se be­schäf­ti­gen. Di­plo­ma­ten sag­ten, es ge­be wei­ter Ver­hand­lun­gen über ei­ne Lö­sung, an de­nen sich auch die Emi­ra­te be­tei­lig­ten. Druck auf Abu Dha­bi und Sau­di-Ara­bi­en kommt der­zeit vor al­lem aus dem US-Kon­gress. In ei­nem ge­mein­sa­men Brief dro­hen neun Se­na­to­ren der De­mo­kra­ten und der Re­pu­bli­ka­ner, die Mi­li­tär­hil­fe für die bei­den engs­ten US-Al­li­ier­ten am Golf zu kap­pen, dar­un­ter die Haus­halts­pos­ten, aus de­nen die Luft­be­tan­kung von Kampf­jets der Ko­ali­ti­on durch US-Ma­schi­nen be­zahlt wird. Un­ter­zeich­net ha­ben ihn un­ter an­de­rem der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses, der Re­pu­bli­ka­ner Bob Cor­ker, und sein de­mo­kra­ti­scher Vi­ze, Ro­bert Me­nen­dez.

Die Re­gie­rung von Prä­si­dent Do­nald Trump hat sich dem An­griff nicht of­fen ent­ge­gen­ge­stellt. Wäh­rend Wei­ßes Haus und das Au­ßen­mi­nis­te­ri­um sich da­von mehr Druck auf Iran ver­spre­chen, ist das Pen­ta­gon skep­tisch und sieht die Mi­li­tär-Ko­ope­ra­ti­on in der Re­gi­on durch die kri­ti­sche Hal­tung et­li­cher Se­na­to­ren ge­fähr­det. Laut dem Wall Street Jour­nal über­mit­tel­te das US-Mi­li­tär Sau­di-Ara­bi­en und den Emi­ra­ten Ko­or­di­na­ten wich­ti­ger In­fra­struk­tur­ein­rich­tun­gen, die sie kei­nes­falls bom­bar­die­ren sol­len.

FO­TO: MO­HAM­MED MO­HAM­MED/DPA

Ver­tei­lung von Hilfs­gü­tern in Je­mens Haupt­stadt Sanaa. Die meis­ten Le­bens­mit­tel kom­men über den Ha­fen von Ho­deidah ins Land. wir ak­zep­tie­ren, ist ein be­din­gungs­lo­ser Rück­zug der Mi­li­zen, die ei­ne gan­ze Stadt und den Ha­fen als Gei­sel hal­ten.“Wenn die...

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