Sehn­sucht nach ei­ner Il­lu­si­on

Seit Jahr­tau­sen­den wird Eu­ro­pa von sei­nen Mee­ren ge­prägt. Sie ste­hen für Flucht, Pa­ra­dies, Wirt­schaft und Krieg. Ei­ne Aus­stel­lung in Ber­lin ver­sucht, das al­les in den Griff zu be­kom­men

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von lothar mül­ler

Das Ret­tungs­schiff Aqua­ri­us mit Hun­der­ten Flücht­lin­gen an Bord hat end­lich ei­nen Ha­fen ge­fun­den, in den es ein­lau­fen darf. Wäh­rend es auf Va­len­cia zu­steu­ert, wird es im­mer mehr zum Sym­bol der Zer­ris­sen­heit zwi­schen den eu­ro­päi­schen Na­tio­nen. Wer die ge­ra­de im Deut­schen His­to­ri­schen Mu­se­um in Ber­lin er­öff­ne­te Aus­stel­lung „Eu­ro­pa und das Meer“be­sucht, hat die­ses Schiff im Kopf, sei­ne Irr­fahrt und die Auf­schrift „SOS Me­di­ter­ra­née“un­ter­halb der Ka­pi­täns­brü­cke.

In der Aus­stel­lung wird er die zer­split­ter­te Ober­flä­che des Han­dys be­trach­ten, das Mo­ham­med Ebra­hi­mi aus Af­gha­nis­tan im Schlauch­boot nach Sa­mos be­glei­te­te, den Ro­sen­kranz von Paul Nk­a­ma­ni aus Ka­me­run, und er kann den auf Vi­deo do­ku­men­tier­ten Ge­schich­ten ih­rer Flucht zu­hö­ren, in de­nen der Satz fällt: „Ich has­se das Meer.“Er kann die­se Ge­schich­ten mit den Bil­dern und Brie­fen der Aus­wan­de­rer aus Eu­ro­pa im 19. Jahr­hun­dert ver­glei­chen, kann in das düs­te­re In­ne­re der Aus­wan­de­r­er­schif­fe bli­cken, auf die Men­schen in der um 1909 ent­stan­de­nen Fo­to­se­rie „Die neue Aus­wan­de­r­er­stadt der Ha­pag auf der Ved­del in Ham­burg“.

Es scheint, als trä­fe hier ei­ne mit jah­re­lan­gem Vor­lauf ge­plan­te Aus­stel­lung zum Zeit­punkt ih­rer Er­öff­nung ins Zen­trum der Ak­tua­li­tät. Aber lei­der trügt der Schein. „Eu­ro­pa und das Meer“, der Ti­tel wird hier nicht zur Son­de, un­ter der die in­ner­eu­ro­päi­schen Kon­flikt­li­ni­en zu­ta­ge tre­ten, die jetzt in der Flücht­lings­po­li­tik im Mit­tel­meer oder im Br­ex­it mit der Ab­kop­pe­lung der bri­ti­schen In­sel vom Kon­ti­nent auf­bre­chen. Die Idee zur Aus­stel­lung hat­te der Köl­ner His­to­ri­ker Jür­gen El­vert, der ge­ra­de das Buch „Eu­ro­pa, das Meer und die

Ein Stück des Trans­at­lan­tik­ka­bels von 1858 steht für die

Ver­net­zung der Kon­ti­nen­te

Welt“pu­bli­ziert hat. Die Hin­wen­dung zum Meer als his­to­ri­schem Hand­lungs­raum ist da­rin Teil des Pro­jekts ei­ner post­na­tio­na­len Ge­schichts­schrei­bung. In der Glo­bal­ge­schich­te, die an de­ren Stel­le tritt, ist das Meer vor al­lem der Raum, in dem Eu­ro­pa über sich hin­aus­wächst, der per­spek­ti­vi­sche Fix­punkt ist die Fra­ge nach der er­folg­rei­chen eu­ro­päi­schen Ex­pan­si­on, hin­ter der al­le in­ner­eu­ro­päi­schen Bruch­li­ni­en zu­rück­tre­ten.

Ei­ne klei­ne Ter­ra­kot­ta­fi­gur, Eu­ro­pa auf dem Stier, steht am Be­ginn des Par­cours. Dann wird über 2500 Jah­re hin­weg der Bo­gen ge­schla­gen, wird in vier Ab­tei­lun­gen das Meer als Herr­schafts- und Han­dels­raum, als Brü­cke und Gren­ze, als Res­sour­ce und schließ­lich, seit dem 18. Jahr­hun­dert, als Sehn­suchts- und Ima­gi­na­ti­ons­ort er­kun­det. Zwölf Ha­fen­städ­te wur­den aus­ge­wählt, als Schau­plät­ze der Selbst­er­schlie­ßung Eu­ro­pas und Aus­gangs­punkt sei­ner Ex­pan­si­on. Pi­rä­us, mit Odys­seus­kopf und Si­re­ne-Sta­tu­et­te und Mün­zen mit ma­ri­ti­men Mo­ti­ven, steht für die grie­chisch-rö­mi­sche An­ti­ke, Ve­ne­dig mit Nach­bau des Do­gen­schif­fes Bu­cen­to­ro und St­ein­re­lief des Mar­kus­lö­wen für die noch im Mit­tel­al­ter wur­zeln­de, auf dem Han­del ba­sie­ren­de See­macht, Se­vil­la für die Ero­be­rung der Ka­na­ri­schen In­seln, des Vor­griffs auf die Ex­pan­si­on über den At­lan­tik hin­aus, Lis­s­a­bon für das Aus­schwär­men der Mis­sio­na­re in den Fer­nen Os­ten.

Be­ein­dru­ckend gut er­hal­ten lie­gen im Raum „Dan­zig“, der in die Welt der Han­se führt, die Ei­sen­stan­gen, Holz­fäs­ser und Kup­fer­plat­ten da, die in ei­nem zu Be­ginn des 15. Jahr­hun­derts ge­sun­ke­nen Schiff

Schnell tritt im Gang durch die Aus­stel­lung her­vor, wie viel sie sich vor­ge­nom­men hat. Sie will nicht nur Ein­blick in die eu­ro­päi­sche Ex­pan­si­on ge­ben, son­dern zugleich die Wis­sen­schafts­ge­schich­te der Er­for­schung der Mee­re zei­gen, ih­re zu­neh­men­de Ver­schmut­zung an­pran­gern und schließ­lich auch noch zur Kunst­aus­stel­lung wer­den, die – un­ter der Chif­fre „Brigh­ton“– in Strand­ge­mäl­den vor al­lem aus dem 19. Jahr­hun­dert so­wie Pla­ka­ten und Fo­to­gra­fi­en auch noch die Ge­schich­te der äs­the­ti­schen An­eig­nung des Mee­res er­zählt, die Apo­ri­en des Mas­sen­tou­ris­mus und die Ver­schmut­zung der Welt­mee­re mit Plas­tik­müll.

Die Ku­ra­to­ren un­ter der Lei­tung von Dor­lis Blu­me ha­ben ver­sucht, die­se Fül­le von The­men in ei­ner Ab­fol­ge klei­ner Ka­bi­nett­aus­stel­lun­gen zu bän­di­gen. In man­chem Ka­bi­nett, et­wa im Ve­ne­dig-Raum, ent­steht der Ein­druck, dass sich hier ein gro­ßes The­ma mit ei­ner sehr kur­so­ri­schen Darstel­lung be­gnü­gen muss. Und zugleich ent­hüllt der Ti­tel „Eu­ro­pa und das Meer“

Nur va­ge wird greif­bar, wel­che Rol­le die Mee­re beim Auf­bau des Ak­teurs „Eu­ro­pa“ge­spielt ha­ben

sei­ne Tü­cken. Denn „das Meer“ist we­der ein his­to­ri­scher Ak­teur noch ein his­to­ri­scher Schau­platz, es ist ei­ne Abs­trak­ti­on, bei nä­he­rer Be­trach­tung gibt es nur „Eu­ro­pa und die Mee­re“: das Mit­tel­meer, die Nord­see, den At­lan­tik, das Schwar­ze Meer, das Kas­pi­sche Meer bis hin zum In­di­schen Oze­an und zum Pa­zi­fik. Sie al­le kom­men hier vor, nur va­ge wird greif­bar, wel­che Rol­le sie beim Auf­bau des Ak­teurs „Eu­ro­pa“ge­spielt ha­ben, der sei­ner­seits bei nä­he­rer Be­trach­tung in ein Ge­flecht ri­va­li­sie­ren­der Mäch­te zer­fällt. Das Bal­ti­kum et­wa spielt in die­ser Ab­fol­ge von Ka­bi­net­ten trotz des Han­se-Ka­pi­tels al­len­falls ei­ne klei­ne Ne­ben­rol­le.

Ra­pha­el Gross, der Prä­si­dent des Deut­schen His­to­ri­schen Mu­se­ums, der erst seit Kur­zem im Amt ist, emp­fiehlt im Vor­wort des Ka­ta­logs die Aus­stel­lung als Fort­set­zung der Mit­tel­meer-For­schun­gen der fran­zö­si­schen An­na­les-Schu­le, zu­mal des Opus Magn­ums „Das Mit­tel­meer und die me­di­ter­ra­ne Welt in der Epo­che Phil­ipps II.“von Fer­nand Brau­del. Die phy­sio­gno­mi­sche Kon­kre­ti­on im Blick auf das Ge­flecht der Mee­re in der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te, auf die In­seln und Halb­in­seln er­reicht die Aus­stel­lung nicht.

Die be­grün­de­te Sehn­sucht nach ei­ner post­na­tio­na­len Ge­schichts­schrei­bung führt hier da­zu, dass das Deut­sche His­to­ri­sche Mu­se­um zum Mo­de­ra­tor der Glo­bal­ge­schich­te wird. Die Deut­sche Flot­ten­po­li­tik am Be­ginn des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts wür­digt die Aus­stel­lung kaum ei­nes Bli­ckes. Und man geht zwar durch die Tür ei­nes Con­tai­ner­schiffs, kann aber auch die ak­tu­el­len De­bat­ten um Deutsch­land als Ex­port­na­ti­on al­len­falls ah­nen. Und so ein­dring­lich im Blick auf die fran­zö­si­sche Ha­fen­stadt Nan­tes als ei­nem Zen­trum des Skla­ven­han­dels noch ein­mal der Drei­ecks­han­del der Frü­hen Neu­zeit bis in die Bau­ge­schich­te der Skla­ven­schif­fe hin­ein vor­ge­stellt wird, so we­nig ist im Raum mit den Ruck­sä­cken, Bauch­ta­schen und Han­dys der ak­tu­el­len Flücht­lin­ge über et­wai­ge Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Wa­ren­strö­men und Ka­pi­tal­strö­men auf der ei­nen und Flücht­lings­strö­men auf der an­de­ren Sei­te des Mit­tel­mee­res zu er­fah­ren. Die Übungs­sta­ti­on zum Schiffs­kno­ten­knüp­fen, so reiz­voll sie ist, ent­schä­digt da­für nicht.

FO­TOS: DHM, BER­LIN. NA­TIO­NAL MA­RI­TI­ME MU­SE­UM, GRE­EN­WICH, LON­DON.

Der Mee­res­tou­ris­mus ge­hört zu den Groß­mäch­ten im 20. Jahr­hun­dert, wie auf die­sem Pla­kat von 1928,

und der Schiffs­zwie­back zur eu­ro­päi­schen Schiffs­kü­che.

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