Kul­tur­ar­beit ist im­mer Frie­dens­ar­beit

Mi­chel­le Mün­te­fe­ring ist seit März Staats­mi­nis­te­rin für aus­wär­ti­ge Kul­tur­po­li­tik. Ein Ge­spräch über Deutsch­lands En­ga­ge­ment in Afri­ka, den Ko­lo­nia­lis­mus und ihr Ver­hält­nis zu Mo­ni­ka Grüt­ters

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON -

Ihr Res­sort un­ter­hält in Afri­ka die Web­sei­te „Ru­mors about Ger­ma­ny“. Sie soll den Schlep­per­lü­gen et­was ent­ge­gen­set­zen. Das klingt nach Flücht­lings­prä­ven­ti­on.

Es geht um Auf­klä­rung, nicht um Ab­schre­ckung. Wir wol­len zu ei­nem rea­lis­ti­schen Deutsch­land­bild bei­tra­gen. Es hilft nie­man­dem, wenn Men­schen mit Er­war­tun­gen kom­men, die wir nicht hal­ten kön­nen.

Was ist dar­an Kul­tur­po­li­tik?

Im Aus­land ist das In­ter­es­se an un­se­rem Han­deln und un­se­ren Po­si­tio­nen ge­wach­sen, was auch be­deu­tet, dass wir un­se­re Au­ßen­po­li­tik bes­ser er­klä­ren müs­sen. Wir be­fin­den uns zu­dem mit­ten in ei­nem Wett­be­werb der Nar­ra­ti­ve et­wa mit den USA, Russ­land oder Chi­na. Des­we­gen bau­en wir die Aus­lands­kom­mu­ni­ka­ti­on aus, die im Aus­wär­ti­gen Amt zur Kul­tur­ab­tei­lung ge­hört.

Chi­na hat 2006 das ers­te Kon­fu­zi­us-In­sti­tut ge­grün­det, in­zwi­schen gibt es 500, vie­le da­von in Afri­ka. Die Zahl der Goe­the-In­sti­tu­te be­trägt nach wie vor et­wa 160. Liegt Deutsch­land nicht zu­rück?

Wir se­hen tat­säch­lich ei­ne star­ke Prä­senz der Chi­ne­sen. Chi­nas An­spruch ist es, bis 2020 ei­ne hal­be Mil­li­on Stu­die­ren­de nach Chi­na zu ho­len – aus der gan­zen Welt, auch aus Afri­ka. Dort gibt es vie­le klu­ge jun­ge Leu­te. Um die kon­kur­rie­ren wir mit Chi­na.

Das Goe­the-In­sti­tut plant zehn ge­mein­sa­me Kul­tur­in­sti­tu­te mit dem In­sti­tut français als Nuk­le­us ei­ner ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Kul­tur­po­li­tik. Wel­che ge­mein­sa­men Wer­te kann Eu­ro­pa ver­tre­ten, wenn Län­der wie Po­len und Un­garn de­zi­diert eu­ro­pa­feind­lich auf­tre­ten?

Es ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich, dass Eu­ro­pa bei­ein­an­der bleibt, aber ge­nau dar­an ent­schei­det sich un­se­re Zu­kunft. Des­halb müs­sen wir die Kraft der Kul­tur be­son­ders für die in­ner­eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on nut­zen. Das tun wir, et­wa mit dem Frei­räu­me-Pro­jekt des Goe­the-In­sti­tuts, bei dem eu­ro­päi­sche Städ­te mit­ein­an­der ar­bei­ten, mit Som­mer­schu­len für jun­ge Blog­ger in der Ukrai­ne. Auch die Koll­witz-Bar­lachAus­stel­lung in Mos­kau un­ter Be­tei­li­gung von jun­gen Men­schen aus der Ukrai­ne, Belarus und Russ­land ist ein Er­folg.

Po­len hat in der Er­in­ne­rungs­po­li­tik ei­nen jahr­zehn­te­lan­gen Kon­sens ver­las­sen und lässt nur noch ei­ne Les­art der Ver­gan­gen­heit zu. Wie re­agie­ren Sie dar­auf?

Ak­tu­ell gibt es Si­gna­le der pol­ni­schen Re­gie­rung, ins­be­son­de­re bei So­bi­bor wei­ter zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. So­bald die kon­kre­ten An­trä­ge kom­men, kön­nen wir be­gin­nen. Wir sind da­zu be­reit, uns zu en­ga­gie­ren, in­halt­lich und fi­nan­zi­ell. Au­ßer­dem ist das deutsch-pol­ni­sche Ge­schichts­buch – ein bi­la­te­ra­les Schul­buch­pro­jekt – nun fer­tig. Ei­ne sol­che ge­mein­sa­me Ar­beit ist schon ein Wert an sich. Wie schön wä­re es, wenn es bald in Schu­len ge­le­sen wür­de.

Sie ver­ste­hen, dass man­chem un­heim­lich ist, wenn Kul­tur un­ter geo­stra­te­gi­schen Nut­zungs­as­pek­ten be­trach­tet wird?

Nicht der ge­sam­te Etat des Aus­wär­ti­gen Am­tes steht für Kul­tur­po­li­tik zur Ver­fü­gung, son­dern nur rund 900 Mil­lio­nen, al­so we­ni­ger als der Haus­halt der Kol­le­gin Grüt­ters. Aber um­so mehr: Un­se­re deut­schen In­ter­es­sen sind ja nicht nur rein wirt­schaft­li­cher oder geo­stra­te­gi­scher Na­tur, sie sind auch wer­te­ge­bun­den. Wir glau­ben an De­mo­kra­tie und Mei­nungs­frei­heit und die Kraft der Auf­klä­rung. Die De­mo­kra­tie ist Teil un­se­rer Kul­tur. Mir geht es dar­um, dass die Räu­me für den kri­ti­schen Aus­tausch be­ste­hen blei­ben, doch der­zeit se­hen wir eher „shrin­king spaces“, statt „open spaces“. Kul­tur­ar­beit, wie wir sie be­grei­fen, ist im­mer Frie­dens­ar­beit.

Kön­nen Sie sich ei­ne Kul­tur oh­ne frie­dens­po­li­ti­sche Funk­ti­on vor­stel­len?

Kunst ist ein Spie­gel der Ge­sell­schaft. Ich ge­hö­re zur jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on in der Po­li­tik – was nicht schwer ist –, und das po­si­ti­ve Deutsch­land­bild im Aus­land ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, son­dern hat mei­ner Mei­nung nach viel mit der Au­f­ar­bei­tung der ei­ge­nen Ge­schich­te zu tun. Der Po­pu­lis­mus, den wir nun welt­weit se­hen und der sei­nen Hö­he­punkt wo­mög­lich noch nicht er­reicht hat, muss ei­nem Sor­gen be­rei­ten. Als Bür­ge­rin wün­sche ich mir, dass In­tel­lek­tu­el­le und al­le De­mo­kra­ten sich ent­schie­de­ner ein­mi­schen. Wir dür­fen nicht den Rechts­po­pu­lis­ten die Deu­tungs­ho­heit dar­über über­las­sen, was Hei­mat, was Volk, was Iden­ti­tät be­deu­tet. Mich ha­ben Künst­ler wie Sch­lin­gen­sief und Brecht be­ein­flusst. „Al­le zehn Jah­re ein gro­ßer Mann – und wer zahl­te die Spe­sen?“

Sch­lin­gen­sief und Brecht – da­mals galt Kul­tur als links. Das Staats­mi­nis­te­ri­um für Kul­tur führt Mo­ni­ka Grüt­ters von der CDU. Gibt es über­haupt Un­ter­schie­de zwi­schen so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Kul­tur­po­li­tik und christ­de­mo­kra­ti­scher?

Das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche oder christ­so­zia­le Welt­bild fließt auch in die Kul­tur­po­li­tik ein, aber na­tür­lich ha­ben wir ei­nen de­mo­kra­ti­schen Kon­sens. Ich wür­de ei­nen Be­griff der zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Di­men­si­on von Kul­tur für mich in An­spruch neh­men, dass sich Kul­tur nicht auf Äs­t­he­tik re­du­zie­ren lässt. Aber das will ich na­tür­lich an­de­ren nicht ab­spre­chen.

Das schwie­rigs­te Ter­rain für die Zu­sam­men­ar­beit mit Mo­ni­ka Grüt­ters dürf­te das Hum­boldt-Fo­rum sein. Das Pro­jekt be­fin­det sich nach An­sicht man­cher Kom­men­ta­to­ren im Sta­di­um der „Ago­nie“. Nun kreu­zen sich dort Ih­re Zu­stän­dig­kei­ten. Was ge­nau wol­len Sie dort?

Zu­nächst muss man jetzt den neu­en Ge­ne­ral­in­ten­dan­ten Hart­mut Dor­ger­loh un­ter­stüt­zen. Na­tür­lich ha­be ich ein In­ter­es­se dar­an, die in­ter­na­tio­na­le Kom­po­nen­te zu stär­ken. Wir brau­chen die Mitt­ler, die Bot­schaf­ter aus dem Aus­land, in­ter­na­tio­na­le Köp­fe.

Mit Ver­laub, das er­in­nert stark an ein Ge­spräch mit dem da­ma­li­gen Au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er vor drei Jah­ren, der be­reits da­mals von ei­ner in­ter­na­tio­na­len Kom­po­nen­te im Hum­boldt-Fo­rum sprach. Hat sich da nicht mehr ge­tan?

Da­mit hat er nach wie vor recht. Vor drei Wo­chen war ich zum ers­ten Mal im Stif­tungs­rat, und wir ha­ben fest­ge­legt, dass es ei­nen Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trag mit dem Goe­the-In­sti­tut ge­ben soll und ei­nen Prüf­auf­trag for­mu­liert, ob da­zu ei­ne St­abs­stel­le In­ter­na­tio­na­les im­ple­men­tiert wer­den kann.

Und über all die­se The­men tau­schen Sie sich mit Frau Grüt­ters re­gel­mä­ßig aus? Hin­ter­grund der Fra­ge ist na­tür­lich, dass vie­le sich fra­gen, ob Sie und die mäch­ti­ge Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Part­ner oder Kon­kur­ren­tin­nen sind.

Un­ser Aus­tausch hat wäh­rend der Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen be­gon­nen. Wir sind bei­de Pro­fis, sit­zen jetzt ge­mein­sam am Ka­bi­netts­tisch, spre­chen und sim­sen mit­ein­an­der – und dar­über hin­aus ha­ben wir noch ei­ne Ge­mein­sam­keit: Wir wol­len ei­ne gu­te Kul­tur­po­li­tik ma­chen.

Ein wei­te­res bri­san­tes The­ma für Sie bei­de ist die Fra­ge der ko­lo­nia­len Ver­gan­gen­heit hie­si­ger Samm­lun­gen. Im Mai hat die Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz erst­mals ge­raub­te in­dia­ni­sche Mas­ken zu­rück­ge­ge­ben, Frau Grüt­ters ist ins­ge­samt eher zu­rück­hal­tend. Sie auch?

Wir sind ganz am An­fang ei­ner De­bat­te. Schlimm ge­nug, kann man sa­gen, wir ha­ben da et­was nach­zu­ho­len. Aber sie nimmt Fahrt auf. Es geht dar­um, ei­nen ge­mein­sa­men Weg der Bun­des­re­gie­rung zu fin­den.

Wo­hin wol­len Sie?

Ich kann mir vor­stel­len, dass wir et­was mit der Unesco ent­wi­ckeln, ana­log zu den Wa­shing­to­ner Kri­te­ri­en.

Die Wa­shing­to­ner Er­klä­rung re­gelt die Rück­ga­be von NS-Raub­kunst aus Mu­se­en, sie wur­de 1998 von vie­len Staa­ten ra­ti­fi­ziert. Was wür­de das für den Um­gang mit Ex­po­na­ten aus der Ko­lo­ni­al­zeit be­deu­ten?

Wir ha­ben noch kei­ne Stel­le, die das ma­chen könn­te. Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg soll­te man aus­bau­en, das ist auch im Ko­ali­ti­ons­ver­trag an­ge­legt.

„Das Hum­boldt-Fo­rum muss

et­was Neu­es sein, auch in der Fra­ge, wie wir ku­ra­tie­ren.“

Ist es nicht Zeit für ei­ne groß­zü­gi­ge Ges­te: Deutsch­land wür­de wie der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Ma­cron sa­gen, in fünf Jah­ren ge­ben wir gan­ze Samm­lun­gen zu­rück?

Ma­cron hat ein star­kes Zei­chen ge­setzt und per­sön­lich zwei Sach­ver­stän­di­ge be­ru­fen. Wir ha­ben mit dem Aus­wär­ti­gen Amt ei­nen Auf­schlag mit der Kon­fe­renz in Ham­burg ge­macht, wo wir ver­schie­de­ne Ex­per­ten an­ge­hört und breit dis­ku­tiert ha­ben. Mo­ni­ka Grüt­ters hat zu­dem mit dem Mu­se­ums­bund ers­te Vor­schlä­ge er­ar­bei­tet – das al­les muss jetzt mit­ein­an­der be­ra­ten und zu­sam­men­ge­führt wer­den.

FO­TO: RE­GI­NA SCHMEKEN

Brecht und Sch­lin­gen­sief hät­ten sie be­ein­flusst, sagt Mi­chel­le Mün­te­fe­ring. Seit März ver­ant­wor­tet die 38-Jäh­ri­ge die aus­wär­ti­ge Kul­tur­po­li­tik. Das Haus soll ein „Fens­ter in die Welt“sein, da­zu brau­chen wir Ex­per­ten von au­ßen, Kul­tur­schaf­fen­de, die...

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