Weh­mut ei­nes al­ten Wie­gen­lieds

Der Dich­ter und Kal­li­graph François Cheng macht sich Ge­dan­ken über die Exis­tenz der See­le

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - Von jo­seph hani­mann

Schlägt man in Frank­reich, dem Land der To­le­ranz, das The­ma See­le an, dann set­zen die in­tel­lek­tu­el­len Bes­ser­wis­ser so­fort ihr bei Vol­taire ge­lern­tes spöt­ti­sches Lä­cheln auf, schreibt der Au­tor die­ses Buchs. Er hät­te ge­gen die­ses Lä­cheln ein po­le­mi­sches Plä­doy­er für die Exis­tenz der See­le schrei­ben kön­nen. Doch das ist nicht sei­ne Art. Der 1949 im Al­ter von zwan­zig Jah­ren aus Chi­na nach Frank­reich ge­kom­me­ne Dich­ter, Ro­man­cier, Es­say­ist, Über­set­zer und Kal­li­graph François Cheng, Mit­glied der Aca­dé­mie Françai­se, ist kei­ne in­tel­lek­tu­el­le Kämp­fer­na­tur. Statt auf Kon­tro­ver­se setzt er auf Be­geg­nung und Aus­tausch zwi­schen den Kul­tu­ren – der chi­ne­si­schen sei­ner Her­kunft und der west­li­chen, in der er lebt.

Es gibt Le­se­ver­wei­se auf Pla­ton, Pas­cal, Si­mo­ne Weil so­wie auf chi­ne­si­sche Au­to­ren

Er neigt da­zu, sei­ne Wer­ke mit au­to­bio­gra­fi­schen Ein­schü­ben er­zäh­le­risch auf­zu­la­den, das nimmt ih­nen den An­schein theo­re­ti­scher Ab­hand­lun­gen. „Me­di­ta­tio­nen“nann­te er in den letz­ten Jah­ren man­che sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen, et­wa über die Schön­heit oder den Tod. Nun hat er sie­ben Brie­fe an ei­ne Freun­din ge­schrie­ben, die ihm nach vier­zig Jah­ren Schwei­gen ih­re Ent­de­ckung mit­teilt, ei­ne See­le zu ha­ben. Was be­deu­tet die­ses Wort, fragt er sich, das man heu­te mit al­len mög­li­chen Er­satz­aus­drü­cken wie „in­ne­re Welt“, „Selbst­ge­fühl“, „In­ti­mi­tät“, „In­di­vi­dua­li­tät“, „Ich“, „Über-Ich“zu um­ge­hen sucht. Mit de­fi­ni­to­ri­scher Vor­ab­klä­rung kommt man hier je­doch nicht wei­ter. So schlägt der Brief­au­tor den Um­weg über ei­ne frü­he Er­in­ne­rung ein. Er denkt an die ers­te Be­geg­nung mit je­ner Frau zu­rück, als er ihr, da­mals noch als un­be­kann­ter Schrift­stel­ler, auf ei­nem Klapp­sitz in der Mé­tro ge­gen­über saß und sie oh­ne Um­schwei­fe frag­te, wie man ei­ne sol­che Schön­heit auf sich neh­men kön­ne – nicht „ha­ben“oder „be­sit­zen“, son­dern auf sich neh­men, an­neh­men, tra­gen kön­ne. Der Per­spek­ti­ven­wech­sel für sein The­ma ist so­mit voll­zo­gen, die Ti­te­ler­wei­te­rung der deut­schen Aus­ga­be – „Schön­heit der See­le“– ge­gen­über dem fran­zö­si­schen Ori­gi­nal „De l’âme“ein Stück weit ge­recht­fer­tigt. Denn ähn­lich wie mit der Schön­heit, so das Fa­zit, ver­hal­te es sich mit der See­le, wenn es denn tat­säch­lich so et­was gibt. Man hat sie nicht, eher hat sie ei­nen.

Wer hier ver­sucht ist, das Buch als Er­bau­ungs­li­te­ra­tur für be­sinn­li­che St­un­den bei­sei­te­zu­le­gen, soll­te den­noch wei­ter­le­sen. Mit prä­gnan­ten Le­se­ver­wei­sen auf Pla­ton, Hil­de­gard von Bin­gen, Pas­cal, Kier­ke­gaard, Si­mo­ne Weil so­wie auf chi­ne­si­sche Au­to­ren hebt Cheng un­se­re ein­ge­spiel­ten Leib-See­le-Vor­stel­lun­gen sanft aus den An­geln. Die mo­der­ne Rea­li­täts­auf­fas­sung, die ih­re Be­grif­fe der zer­split­ter­ten Welt stän­dig neu um­sor­tiert, sucht er auf Hin­wei­se ei­ner ver­bor­ge­nen Ein­heit ab. Hin­ter den Le­bens­funk­tio­nen des At­mens, Sich-Er­näh­rens, Sich-Be­we­gens, Füh­lens, Den­kens, Ban­gens, Sich-Er­in­nerns fin­det er ein nicht zu un­ter­drü­cken­des Be­dürf­nis und Be­geh­ren zu at­men, sich zu er­näh­ren, sich zu be­we­gen, ei­ne Kraft, die das Dis­pa­ra­te der Welt um uns her­um in der Wahr­neh­mung auf ei­nen Zu­sam­men­hang bün­delt. Die­se Spur des ver­bor­ge­nen Mit­tel­punkts führt François Cheng zu­fol­ge zur Rea­li­tät der See­le.

Wie dem Leib wird die See­le gern auch dem Geist ge­gen­über­ge­stellt. So per­sön­lich die­ser in je­dem Men­schen auch an­ge­legt sein mag, er hat doch, so Chengs Brief­au­tor, ei­nen all­ge­mei­nen Cha­rak­ter. Geist ist auf Spra­che ge­grün­det, auf den Er­fah­rungs­schatz ei­ner kul­tu­rel­len Um­ge­bung, er ent­springt Tra­di­tio­nen, ent­fal­tet sich im Kon­text von Ge­mein­schaft und Aus­tausch. Die See­le hin­ge­gen ha­be et­was Ori­gi­nä­res, wur­ze­le tief im Un­be­wuss­ten, lie­ge dies­seits – oder jen­seits – der Spra­che, sei das Zei­chen der Ein­zig­ar­tig­keit des Ein­zel­we­sens

Stärkt die See­le, so un­greif­bar sie ist, die Men­schen­rech­te? François Cheng hofft dar­auf.

im Ho­ri­zont des Uni­ver­sa­len. Un­se­re Epo­che in­des­sen setz­te vor al­lem auf die Qua­li­tä­ten des Geis­tes. Man möch­te geist­reich sein, mit dem an­ge­eig­ne­ten Erb­schatz bril­lie­ren und stellt, was als Rüh­rung über die Schön­heit ei­nes Ge­sichts, Be­glü­ckung durch ei­nen Vo­gel­ruf, Er­grif­fen­heit vor ei­ner Land­schaft, Weh­mut aus ei­nem

al­ten Wie­gen­lied nicht un­mit­tel­bar ver­wert­bar ist, als zweit­ran­gig dis­kret „in den Kel­ler oder auf den Dach­bo­den un­se­rer Seins­be­hau­sung“.

Die­se Ve­ren­gung des Blicks auf den ab­ge­nutz­ten Dua­lis­mus von Geist und Ma­te­rie oh­ne Raum für so et­was wie die See­le führt nach An­sicht des Au­tors in die ge­gen­wär­ti­ge

Hilf­lo­sig­keit ge­gen­über dem Aus­ein­an­der­tre­ten von enor­mem Wis­sens­stand und wach­sen­dem Sinn­be­darf. Der Fas­zi­na­ti­on durch die Astro­phy­sik, Bio­lo­gie, Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und ih­re bril­lan­ten Be­gleit­phi­lo­so­phi­en steht das Un­be­ha­gen ge­gen­über, als Mo­le­kül­hau­fen und Neu­ro­nen­bün­del in ei­nem Spi­ral­ne­bel­sys­tem zu le­ben. Die Grat­wan­de­rung die­ses Buchs zwi­schen Kon­tem­pla­ti­on, Dich­tung, hy­po­the­ti­schem Brief­wech­sel und phi­lo­so­phi­schem Dia­log der Kul­tu­ren streift manch­mal haar­scharf den Ton er­bau­li­cher Be­sin­nungs­li­te­ra­tur, kippt aber nie in die­ses Gen­re. Da­für ist der Au­tor François Cheng zu be­le­sen, sein Stil – vom Über­set­zer sorg­fäl­tig wie­der­ge­ge­ben – zu raf­fi­niert. Doch hät­te man bei ihm mit­un­ter statt der stil­len Ab­ge­klärt­heit gern et­was mehr von der auf­ge­wühl­ten Un­ge­wiss­heit Pas­cals ge­spürt. Nicht ge­nug dan­ken kann man aber dem Au­tor da­für, dass er ei­nen sei­ner sie­ben Brie­fe ganz der viel zu we­nig ge­le­se­nen Phi­lo­so­phin Si­mo­ne Weil ge­wid­met hat. Er zeigt, wie in ih­ren post­hum ver­öf­fent­lich­ten „Mar­seil­ler Hef­ten“der Be­griff „Geist“sel­te­ner wird und das Wort „See­le“an Be­deu­tung ge­winnt.

Wo sonst als in der See­le lie­ßen sich die Men­schen­rech­te kon­zep­tu­ell ver­an­kern?

Zu ih­ren letz­ten Tex­ten, be­vor sie 1943 drei­und­drei­ßig jäh­rig in ih­rem Lon­do­ner Zim­mer er­schöpft zu­sam­men­brach, ge­hört ei­ne im Auf­trag von de Gaulles „Fran­ce li­bre“ver­fass­te Skiz­ze für ei­ne neue Er­klä­rung der Men­schen­rech­te, die Al­bert Ca­mus nach dem Krieg un­ter dem Ti­tel „Die Ver­wur­ze­lung“pu­bli­zier­te. Der mensch­li­che Kör­per be­nö­ti­ge Nah­rung, Wär­me, Schlaf, Hy­gie­ne, Ru­he, Be­we­gung, rei­ne Luft, heißt es da­rin, die Be­dürf­nis­se der See­le hin­ge­gen sei­en ge­gen­sätz­li­cher Na­tur: exis­ten­zi­el­le Si­cher­heit und Ri­si­ko, Gleich­heit und Hier­ar­chie, freie Mei­nungs­äu­ße­rung und ver­bind­li­che Wahr­heit, In­ti­mi­tät und ge­sell­schaft­li­cher Um­gang, per­sön­li­ches und kol­lek­ti­ves Ei­gen­tum, Re­spekt und Stra­fe für be­gan­ge­ne Ver­ge­hen.

Al­le die­se Be­dürf­nis­se sei­en „hei­lig“, er­klärt François Cheng, we­der durch die Staats­rai­son noch durch fi­nan­zi­el­le, na­tio­na­le, tech­ni­sche oder sons­ti­ge äu­ße­re Er­wä­gun­gen re­la­ti­vier­bar. An­ders ge­sagt: Wo sonst als in der See­le, der zugleich per­sön­lichs­ten und all­ge­meins­ten In­stanz, lie­ßen sich die Men­schen­rech­te kon­zep­tu­ell ver­an­kern? Die Fra­ge hat ih­re Ak­tua­li­tät nicht ver­lo­ren.

François Cheng: Über die Schön­heit der See­le. Sie­ben Brie­fe an ei­ne wie­der­ge­fun­de­ne Freun­din. Aus dem Fran­zö­si­schen von Tho­mas Schultz. C. H. Beck Ver­lag, Mün­chen 2018. 157 Sei­ten, 18 Eu­ro.

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