Pil­len für den Zap­pel­phil­ipp

Neue Leit­li­nie: Mehr Me­di­ka­men­ten­ga­be ge­gen ADHS

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Chris­ti­na berndt

Kin­der sol­len künf­tig schnel­ler und leich­ter Me­di­ka­men­te wie Ri­ta­lin ge­gen das „Zap­pel­phil­ipp-Syn­drom“ver­ab­reicht be­kom­men. Das sieht die neue Be­hand­lungs­leit­li­nie für die Auf­merk­sam­keits­de­fi­zitHy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung (ADHS) vor, die in Kür­ze er­schei­nen wird und der SZ be­reits vor­liegt. Bis­lang galt, dass Kin­der nur dann Me­di­ka­men­te ge­gen ei­ne ADHS er­hal­ten sol­len, wenn sie in schwe­rem Ma­ße hy­per­ak­tiv, im­pul­siv und un­kon­zen­triert sind. Bald soll die Ver­schrei­bung für Schul­kin­der auch bei mit­tel­schwe­rer Au­s­prä­gung mög­lich sein; hier war bis­her ei­ne Ver­hal­tens­the­ra­pie emp­foh­len, be­vor zu Me­di­ka­men­ten ge­grif­fen wur­de.

Pil­len ge­gen ADHS sor­gen seit Jah­ren für Zünd­stoff in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on. Es darf er­war­tet wer­den, dass die neu­en Emp­feh­lun­gen Em­pö­rung aus­lö­sen wer­den. „Häu­fig wird an­ge­nom­men, dass da­mit nur leb­haf­te Kin­der ru­hig­ge­stellt wer­den sol­len“, sagt To­bi­as Ba­na­schew­ski, Di­rek­tor der Kli­nik für Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie am Zen­tral­in­sti­tut für see­li­sche Ge­sund­heit in Mann­heim, der fe­der­füh­ren­de Au­tor der neu­en Leit­li­nie. „Aber bei ei­ner ech­ten ADHS darf auf ei­ne ef­fek­ti­ve The­ra­pie nicht ver­zich­tet wer­den.“Und die wis­sen­schaft­li­che Li­te­ra­tur zei­ge, dass Me­di­ka­men­te deut­lich wirk­sa­mer sei­en als Psy­cho­the­ra­pie – und in der Re­gel gut ver­träg­lich.

Zahl­rei­che Kin­der­psych­ia­ter und ADHSEx­per­ten tei­len die­se Ein­schät­zung. Selbst der einst sehr Ri­ta­lin-kri­ti­sche Kin­der­psy­cho­lo­ge Man­fred Döpf­ner von der Uni­ver­si­tät Köln hält ei­ne Phar­ma­ko­the­ra­pie in­zwi­schen in vie­len Fäl­len für ei­nen Se­gen: „Die Kern­sym­pto­me der ADHS, die Hib­be­lig­keit und Un­kon­zen­triert­heit, sind oh­ne Me­di­ka­men­te schwer in den Griff zu be­kom­men“, sagt Döpf­ner. Au­ßer­dem sei­en die neu­en Emp­feh­lun­gen im­mer noch er­heb­lich zu­rück­hal­ten­der, was die Ga­be von Ta­blet­ten be­trifft, als die Pra­xis in den USA und im eu­ro­päi­schen Aus­land.

Es gibt aber auch Ge­gen­stim­men aus der Fach­welt. Die Kin­der­psy­cho­lo­gin Sil­via Schnei­der von der Uni­ver­si­tät Bochum zwei­felt die Über­le­gen­heit der Me­di­ka­men­te ge­gen­über der Psy­cho­the­ra­pie an. Sie ver­weist auf ei­ne – al­ler­dings um­strit­te­ne – Ana­ly­se der Coch­ra­ne Col­la­bo­ra­ti­on. Vor al­lem aber be­rei­te ihr Sor­ge, dass Kin­der oft fal­sche Dia­gno­sen er­hiel­ten. Für ei­ne Stu­die hat­te sie vor ei­ni­gen Jah­ren Ärz­ten fik­ti­ve Fall­be­schrei­bun­gen zu­ge­schickt und die Me­di­zi­ner um Dia­gno­sen ge­be­ten – er­schre­ckend vie­le Ein­schät­zun­gen la­gen krass da­ne­ben. „ADHS wird häu­fig über­dia­gnos­ti­ziert – auch von Ex­per­ten“, fol­gert Schnei­der. Sie for­dert kla­re­re An­for­de­run­gen, be­vor ei­nem Kind der Stem­pel ADHS auf­ge­drückt wird.

Auch die Kin­der­psy­cho­lo­gin Han­na Chris­ti­an­sen von der Uni­ver­si­tät Mar­burg weiß von sol­chen Fäl­len zu er­zäh­len. So­eben sei ein 13-Jäh­ri­ger bei ihr ge­we­sen, der seit neun Jah­ren Ri­ta­lin be­kom­me. Da­bei ha­be der Jun­ge ei­ne Angst­stö­rung und kei­ne ADHS. „Es ist im­mer wich­tig, an­de­re mög­li­che Dia­gno­sen aus­zu­schlie­ßen“, be­tont Chris­ti­an­sen. Un­kon­zen­triert und hib­be­lig ist auch, wer den Kopf vol­ler Ängs­te hat oder Schwie­rig­kei­ten mit dem Le­sen. Dra­ma­tisch ist dann, dass sol­che Kin­der Me­di­ka­men­te be­kom­men, die sie nicht brau­chen, die Nach­tei­le brin­gen und die ei­gent­li­chen Pro­ble­me nicht be­han­deln.

Selbst­ver­ständ­lich sei es wich­tig, die me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung mit al­ler Sorg­falt aus­zu­füh­ren, be­tont auch Ba­na­schew­ski: „Das muss in­di­vi­du­ell do­siert und kon­trol­liert wer­den.“Man­che Kin­der ver­tra­gen die The­ra­pie nicht; sie lei­den dann un­ter Ap­pe­tit­man­gel oder Ein­schlaf­stö­run­gen. Auch mit höchs­ten An­for­de­run­gen wird es aber im­mer ei­ne dia­gnos­ti­sche Un­ge­nau­ig­keit ge­ben. Na­tur­ge­mäß bleibt In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum dar­über, ob ein Kind „in ei­nem mit sei­nem Ent­wick­lungs­stand nicht zu ver­ein­ba­ren­den und un­an­ge­mes­se­nen Aus­maß“her­um­zap­pelt. „Die Gren­zen sind nun ein­mal flie­ßend“, sagt Döpf­ner, „wie bei je­der psy­chi­schen Stö­rung.“

„Die Gren­zen sind flie­ßend wie bei je­der psy­chi­schen Stö­rung.“

Und spielt der Zeit­geist nicht auch ei­ne Rol­le? Oft heißt es, heut­zu­ta­ge wer­de stän­dig von ADHS ge­spro­chen, weil Kin­der funk­tio­nie­ren müss­ten. Frü­her ge­hör­te der Klas­sen­kas­per da­zu, heu­te gel­ten Hib­be­lig­keit und Im­pul­si­vi­tät als re­gel­rech­te Be­hin­de­rung auf dem Weg zu ei­nem er­folg­rei­chen, er­fül­len­den Le­ben. „Ich weiß um das Schind­lu­der, das mit die­ser Dia­gno­se mit­un­ter ge­trie­ben wird“, sagt Mar­tin Holt­mann von der LWL-Kli­nik für Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie in Hamm. Aber ein bis zwei Pro­zent al­ler Kin­der hät­ten „de­fi­ni­tiv ei­ne ADHS“. Sol­che Kin­der ha­be es auch schon vor 200 Jah­ren ge­ge­ben, und sie bräuch­ten Hil­fe: „Ei­ne ADHS falsch zu dia­gnos­ti­zie­ren, ist ein kla­rer Ver­stoß ge­gen das Kin­des­wohl“, so Holt­mann. „Ei­ne ADHS zu über­se­hen aber auch.“

Für die be­trof­fe­nen Kin­der kann die Be­hand­lung je­den­falls ei­ne gro­ße Hil­fe sein. ADHS zu ha­ben, be­deu­tet: stän­dig ne­ga­tiv auf­fal­len, täg­lich zu­recht­ge­wie­sen wer­den, dau­ernd ein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben – oft mit ei­nem ent­spre­chend an­ge­schla­ge­nen Selbst­be­wusst­sein. Mit Me­di­ka­men­ten kön­nen schwe­rer be­trof­fe­ne Kin­der end­lich wie­der am so­zia­len Le­ben teil­neh­men. „Plötz­lich wer­den sie wie­der zum Spie­len ein­ge­la­den, zu Ge­burts­ta­gen und dür­fen wie­der zum Fuß­ball­trai­ning kom­men“, sagt Holt­mann. „Es be­ginnt für sie ei­ne neue Zeit.“

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