Ich bin vie­le

Je­de ein­zel­ne Zel­le im Kör­per ent­hält den glei­chen erb­li­chen Bau­plan? Von we­gen, ein Mensch hat zahl­rei­che ge­ne­ti­sche Iden­ti­tä­ten. So­gar das Ge­hirn kennt nicht nur ein Selbst

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Von kath­rin zin­kant

Das Ba­by war sie­ben Wo­chen zu früh auf die Welt ge­kom­men, aber bis auf die ver­wach­se­nen Fin­ger und Ze­hen des Kin­des schien al­les in Ord­nung zu sein. Auch die Fin­ger der Mut­ter wa­ren auf der rech­ten Kör­per­sei­te leicht ver­wach­sen, ei­ne gut­ar­ti­ge Ano­ma­lie, die in der Fa­mi­lie wohl ver­brei­tet war – ver­mu­te­ten die Ärz­te. Doch als der Säug­ling ope­riert wur­de, ent­deck­te man zu­sätz­lich ein Herz­lei­den, und wie sich zeig­te, litt das Ba­by un­ter dem Ti­mo­thy-Syn­drom, ei­ner sel­te­nen, schwe­ren Erb­krank­heit, die von Va­ter und Mut­ter zugleich über­tra­gen wird. Der Gen­test des Kin­des be­stä­tig­te den Ver­dacht. Der Test der Mut­ter al­ler­dings wi­der­sprach ihm: Ih­re Zel­len, so schien es, wa­ren ganz nor­mal. Aber wie konn­te das Kind dann so krank wer­den?

Es gilt als Lehr­buch­wis­sen, dass al­le Zel­len ei­nes Men­schen das glei­che Set von erb­li­chen In­for­ma­tio­nen be­sit­zen. An­ge­fan­gen mit der be­fruch­te­ten Ei­zel­le, von der mit je­der Tei­lung stets an al­le neu­en Zel­len wei­ter­ge­reicht wird, was die El­tern ih­ren Kin­dern als ge­ne­ti­sche Iden­ti­tät ver­macht ha­ben. Zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen folgt die Ge­ne­tik dann den Re­geln, die der Mönch und Erb­for­scher Gre­gor Men­del for­mu­liert hat. Doch tat­säch­lich ist dem gar nicht so. For­scher ha­ben im­mer mehr Be­le­ge da­für ge­fun­den, dass je­der Mensch über meh­re­re erb­li­che Iden­ti­tä­ten ver­fügt. Die­se ver­schie­de­nen ge­ne­ti­schen Ichs ha­ben zwar kein je­weils ei­ge­nes Be­wusst­sein, aber sie füh­ren durch­aus ein Ei­gen­le­ben – von dem Mo­ment an, in dem sie ent­ste­hen. Sie sind prak­tisch das Er­geb­nis ei­ner Evo­lu­ti­on im ei­ge­nen Kör­per. Ge­trie­ben wird die­se Ent­wick­lung durch zahl­rei­che Mu­ta­tio­nen und Tei­lungs­feh­ler, die sich in den Zel­len an­häu­fen, Viel­falt er­zeu­gen – und im Kampf um ei­nen fes­ten Platz im Kör­per durch­aus mits­amt den Zel­len aus­sor­tiert wer­den. Wäh­rend die Ge­win­ner sich Raum ver­schaf­fen. Man­che mehr, man­che we­ni­ger. Sel­ten aber blei­ben sie al­lein. For­scher sa­gen, dass die un­ter­schied­li­chen Zell­grup­pen ein Mo­sa­ik im Kör­per bil­den, das Phä­no­men wird des­halb auch als Mo­sai­zis­mus be­zeich­net. Und ob­wohl ein sol­cher Mo­sai­zis­mus frü­her ein­mal als krank­haf­te Aus­nah­me galt, wis­sen Bio­me­di­zi­ner heu­te, dass er die Re­gel ist. So­wohl bei Ge­sun­den als auch bei Kran­ken.

Erst nach ei­ner kri­mi­rei­fen Fahn­dung fan­den Ärz­te den ent­schei­den­den St­ein im Mo­sa­ik

Im Fall der ge­sun­den Frau, die oh­ne ei­nen er­sicht­li­chen ge­ne­ti­schen De­fekt ein erb­kran­kes Kind be­kam, ent­deck­ten die Ärz­te erst nach ei­ner kri­mi­rei­fen Fahn­dung, dass tat­säch­lich ein Mo­sai­zis­mus die Ur­sa­che war. Nur gut sechs Pro­zent der Ei­zel­len in der Mut­ter tru­gen das krank­ma­chen­de Erb­gut, der Rest war ge­sund. Da­mit war klar, dass das Kind sehr viel Pech ge­habt hat­te – und zugleich ein we­nig Glück. Zwar über­le­ben Neu­ge­bo­re­ne mit dem Ti­mo­thy-Syn­drom oft nicht län­ger als zwei, drei Jah­re. Doch kön­nen Ärz­te zu­min­dest ver­su­chen, den Herz­feh­ler ope­ra­tiv zu be­he­ben. Da­zu müs­sen sie nur wis­sen, wo­nach sie su­chen. Und das ist sel­ten der Fall.

Da­bei ist Mo­sai­zis­mus nicht mal wirk­lich neu. Be­reits zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts be­rich­te­ten Zoo­lo­gen von Tie­ren, die in ih­ren äu­ße­ren Merk­ma­len wie aus ver­schie­de­nen Tei­len zu­sam­men­ge­setzt aus­sa­hen, zum Bei­spiel in der Fell­far­be. Als Fol­ge ei­nes ge­ne­ti­schen Mecha­nis­mus wur­de Mo­sai­zis­mus erst­mals in den 1940er-Jah­ren be­schrie­ben, als die spä­te­re No­bel­preis­trä­ge­rin Bar­ba­ra McCl­in­tock das Phä­no­men in ge­streif­ten oder sche­cki­gen Mais­pflan­zen durch sprin­gen­de Ge­ne er­klär­te. In den 1970er-Jah­ren er­kann­te man Mo­sai­zis­mus schließ­lich als je­nen Mecha­nis­mus, der die An­pas­sungs­fä­hig­keit von mensch­li­chen Immun­zel­len er­mög­licht. Das Ge­nom wird im­mer neu ge­mischt, bis vie­le ver­schie­de­ne Waf­fen ge­gen Krank­heits­er­re­ger be­reit­ste­hen. Und längst ist klar, dass auch das Wachs­tum von Krebs den Re­geln der Mo­sa­ik­bil­dung folgt. An­statt von ei­ner Krebs­zel­le aus­zu­ge­hen, die sich un­ge­hemmt im­mer und im­mer wei­ter teilt, be­trach­tet man ei­nen Tu­mor heu­te als ei­nen Schau­platz ei­nes er­bit­ter­ten Über­le­bens­kampfs: Nur Tu­mor­zel­len, die vie­le ge­ne­ti­sche Ve­rän­de­run­gen an­ge­häuft ha­ben, kön­nen sich in die­sem Kampf durch­set­zen. Der Krebs, der spä­ter zum To­de führt, sieht in sei­ner Erb­sub­stanz des­halb oft sehr an­ders aus als der ur­sprüng­li­che Tu­mor.

Was aber noch lan­ge nicht al­les zu sein scheint. Neue­re Stu­di­en de­cken wei­te­re Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Krank­hei­ten und Mo­sai­zis­mus auf. In der Der­ma­to­lo­gie et­wa las­sen sich in­zwi­schen Dut­zen­de Krank­hei­ten, bei de­nen zum Teil sehr deut­lich ab­ge­grenz­te Re­gio­nen der Haut be­trof­fen sind, auf das Phä­no­men zu­rück­füh­ren. „Es war ein lan­ger Weg, bis wir er­kannt ha­ben, dass je­der Mensch bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ein Mo­sa­ik dar­stellt“, schreibt der Der­ma­to­lo­ge Ru­dolf Happ­le vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Frei­burg. „Die­ses fas­zi­nie­ren­de Feld wächst nun von Jahr zu Jahr schnel­ler.“Mitt­ler­wei­le hat es auch die Hirn­for­schung er­reicht. Der is­rae­li­sche Neu­ro­psych­ia­ter Gi­l­ad Evro­ny, der am in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten Mount Si­nai Ho­s­pi­tal forscht, er­hielt vor zwei Jah­ren ei­nen hoch­do­tier­ten Wis­sen­schafts­preis für Stu­di­en, die es in­zwi­schen er­mög­li­chen, Hirn­zel­len ein­zeln ge­ne­tisch zu un­ter­su­chen.

So­gar das Ge­hirn setzt sich aus ge­ne­tisch ver­schie­de­nen Zel­len zu­sam­men

Env­roy konn­te mit sei­ner Me­tho­de nicht nur die Mo­sa­ik­struk­tur von Ge­hir­nen prä­zi­se be­schrei­ben. Ge­mein­sam mit Kol­le­gen ge­lang es ihm, das Schick­sal ein­zel­ner Zel­len zu ver­fol­gen und zu be­ob­ach­ten, wie viel Ge­we­be aus ih­nen spä­ter her­vor­ging. „Da­bei zei­gen sich sehr deut­li­che räum­li­che Mus­ter“, er­klärt der Neu­ro­for­scher. So gibt es Mo­sa­ik­tei­le, die das Ge­hirn eher groß­räu­mig fül­len, weil sie sehr früh in der Ent­wick­lung ent­ste­hen und ent­spre­chend mehr Zeit ha­ben, sich durch­zu­set­zen. Und es gibt auf sehr klei­ne Ab­schnit­te des Ge­hirns kon­zen­trier­te Neu­ro­nen­ty­pen, de­ren be­son­de­re ge­ne­ti­sche Ei­gen­schaf­ten nur ei­nen re­la­tiv be­grenz­ten Ein­fluss aus­üben kön­nen. Aber ge­ra­de die­se so­ge­nann­ten fo­ka­len Mo­sai­ke sind für die For­scher span­nend. „Es ist mög­lich, dass sol­che Ve­rän­de­run­gen bei ei­ni­gen sel­te­nen, so­gar bei noch un­be­kann­ten Er­kran­kun­gen ei­ne klei­ne Re­gi­on be­tref­fen, die für ei­ne kon­kre­te ko­gni­ti­ve Funk­ti­on zu­stän­dig ist. Und über­all sonst ist das Ge­hirn nor­mal“, sagt Env­roy. Viel­leicht las­sen sich so­gar nor­ma­le per­sön­li­che Ver­hal­tens­mus­ter auf Mo­sai­ke zu­rück­füh­ren.

Was am En­de wo­mög­lich hie­ße, dass der Mensch doch nicht nur meh­re­re ge­ne­ti­sche Iden­ti­tä­ten be­sitzt, son­dern auch meh­re­re Per­sön­lich­kei­ten. Und die hie­ßen dann bloß in der Sum­me: Ich.

FO­TO: PE­DRO ARMESTRE / AFP

Der Mensch – hier ei­ne Darstel­lung des spa­ni­schen Kö­nigs­paars Fe­li­pe und Le­ti­zia – ist nicht nur in der Kunst ein Mo­sa­ik. Fast je­des Ge­we­be im Kör­per be­steht aus ver­schie­de­nen Li­ni­en von Zel­len, die ge­ne­tisch klar zu un­ter­schei­den sind.

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