Drag­his spä­te Wen­de

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von alex­an­der ha­ge­lü­ken

Die US-No­ten­bank er­höht die Zin­sen er­neut. Wer dach­te, der von Do­nald Trump ge­kür­te Fed-Chair­man Je­ro­me Po­well agie­re lax, täuscht sich. Po­well dürf­te die Zin­sen 2018 so­gar noch zwei Mal an­he­ben. Die Fed setzt al­so den Kurs fort, ih­re Po­li­tik in gu­ten Zei­ten zu nor­ma­li­sie­ren – um nicht durch bil­li­ges Geld Fi­nanz­bla­sen auf­zu­pum­pen. Sie sen­det ex­akt das Si­gnal, das sich Be­ob­ach­ter seit Lan­gem von der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank er­hof­fen. Und sie­he da: Die EZB be­schloss am Don­ners­tag end­lich, ih­re kon­tro­ver­sen An­lei­he­käu­fe zu stop­pen.

Si­cher, von heu­te auf gleich geht da we­nig. Die No­ten­bank kürzt ihr Pro­gramm zu­nächst nur; aus­lau­fen wird es erst En­de 2018. Öko­no­men wünsch­ten sich das En­de viel frü­her. Au­ßer­dem ver­folgt die EZB auch Mo­ti­ve, die nichts mit ei­nem geld­po­li­ti­schen Si­gnal zu tun ha­ben. Sie er­reicht ja bald die Ma­xi­mal­an­tei­le, die sie an An­lei­hen ein­zel­ner Staa­ten hal­ten soll. Durch den Kauf­stopp ver­hin­dert sie, ein zu do­mi­nan­ter Gläu­bi­ger zu wer­den.

Der Aus­stieg aus den An­lei­he­käu­fen ist das rich­ti­ge Si­gnal an die Po­pu­lis­ten

Trotz all die­ser Abers bleibt es da­bei: Die No­ten­ban­ker han­del­ten am Don­ners­tag rich­tig. EZB-Prä­si­dent Ma­rio Draghi de­mons­triert spät, aber im­mer­hin, dass er die Ri­si­ken sei­ner ul­tra­lo­cke­ren Geld­po­li­tik er­kennt – und be­gren­zen will. Das Gan­ze war ja (und ist noch) ei­ne un­er­hör­te Ak­ti­on: Um Sü­d­eu­ro­pas Wirt­schaft nach der Eu­ro-Kri­se an­zu­re­gen, kauf­te die EZB Staats­an­lei­hen für 2,5 Bil­lio­nen Eu­ro. Ei­ne gi­gan­ti­sche Sum­me, die bei­na­he an die jähr­li­che Wirt­schafts­leis­tung des größ­ten Eu­ro-Mit­glieds Deutsch­land her­an­reicht.

Nun sä­he man­cher lie­ber, wenn die Zen­tral­ban­ken un­ge­bremst ex­pan­siv blie­ben. Treibt US-Prä­si­dent Trump den Erd­ball nicht ge­ra­de in ei­nen Han­dels­streit, der die Welt­wirt­schaft in die Knie zwingt? Die Kon­junk­tur­for­scher des DIW-In­sti­tuts er­war­ten 2018 für Deutsch­land nur noch ein Wachs­tum von 2,4 statt 1,9 Pro­zent. Aber: Noch weiß kei­ner, ob es wirk­lich zum Show­down kommt, bei dem sich USA, Chi­na und Eu­ro­pa mit Straf­zöl­len nicht nur auf Stahl, son­dern auf wich­ti­ge­re Pro­duk­te wie Au­tos du­el­lie­ren. Jetzt schon geld­po­li­tisch ge­gen­zu­steu­ern, wä­re ver­früht.

Statt­des­sen be­trach­tet die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank zu­recht, wie die be­last­ba­ren Wirt­schafts­da­ten aus­se­hen. Da zeigt sich: Die Eu­ro­zo­ne ist längst raus aus der Kri­se. Sie wächst zwar nicht be­geis­ternd, aber so­li­de. Und die Preis­stei­ge­rung er­reich­te im Mai fast je­ne zwei Pro­zent, mit de­nen die No­ten­bank ei­ne läh­men­de De­fla­ti­on, al­so fal­len­de Prei­se, zu ver­mei­den sucht. Es war al­so über­fäl­lig, die Ab­kehr von der ul­tra­lo­cke­ren Geld­po­li­tik aus­zu­ru­fen.

Wel­che Ge­fah­ren die­se Po­li­tik birgt, soll­te nie so klar sein wie 2018, da sich der Leh­man-Crash zum zehn­ten Mal jährt: Bil­li­ges Geld lädt ein, hem­mungs­los zu spe­ku­lie­ren. Vor zehn Jah­ren kam es auch des­halb zur Fi­nanz­kri­se mit ih­ren Mil­lio­nen Job­ver­lus­ten, weil die US-No­ten­bank zu lan­ge bil­li­ges Geld un­ters An­le­ger­volk streu­te. Nach der Fi­nanz- und Eu­ro­kri­se agier­ten die Zen­tral­ban­ken in den USA und Eu­ro­pa dann er­neut ex­pan­siv, um, Iro­nie der Ge­schich­te, die Fol­gen der Kri­sen zu be­he­ben. Die­se Geld­ka­no­nen bläh­ten Ak­ti­en­kur­se und Im­mo­bi­li­en­prei­se in den ver­gan­ge­nen Jah­ren un­ge­sund auf, auch in Deutsch­land.

Be­vor sie die nächs­te Fi­nanz­kri­se her­auf­be­schwört, muss­te die EZB drin­gend auf die Brem­se tre­ten. Sie tut das in Wirk­lich­keit nur zö­gernd. Das An­lei­hen­pro­gramm läuft nur lang­sam aus, und nur, wenn Wachs­tum und In­fla­ti­on bis En­de des Jah­res pas­sa­bel blei­ben. Und, das wird leicht ver­ges­sen: Die Zin­sen sol­len noch län­ge­re Zeit auf null Pro­zent blei­ben. Das ist für sich schon ex­pan­siv, bil­li­ger als null kann Geld nicht wer­den.

Man­che hät­ten es trotz­dem be­vor­zugt, wenn die EZB erst mal wei­ter Staats­an­lei­hen kau­fen wür­de. Denn durch den An­tritt der po­pu­lis­ti­schen Re­gie­rung in Ita­li­en steht die nächs­te Eu­ro­kri­se im Raum. In Wahr­heit ist der Aus­stieg aus den Käu­fen ge­nau das rich­ti­ge Si­gnal an die Po­pu­lis­ten. An Ita­li­en zei­gen sich die Tü­cken der bis­he­ri­gen EZB-Po­li­tik. Das bil­li­ge Geld soll­te den Kri­sen­staa­ten ei­nen An­schub ver­lei­hen, um ih­re Wirt­schaft zu re­for­mie­ren. In Spa­ni­en et­wa hat das funk­tio­niert. In Ita­li­en aber hat es of­fen­bar die Il­lu­si­on ge­nährt, dass sich die Renten- und Ar­beits­markt­re­for­men wie­der zu­rück­dre­hen las­sen und mun­ter Schul­den ge­macht wer­den dür­fen – weil ja die EZB be­reit­steht, al­le Pro­ble­me zu lö­sen.

Da­bei darf die Zen­tral­bank im­mer nur kurz­fris­tig hel­fen. Und nur dann, wenn ein Land sich auch re­for­miert. Das ha­ben die Po­pu­lis­ten in Rom nicht ver­stan­den. Es wä­re des­halb ge­ra­de­zu ei­ne Ka­ta­stro­phe ge­we­sen, hät­te die EZB am Don­ners­tag den Stopp ih­res An­lei­hen­pro­gramms noch mal ver­tagt.

FO­TO: DA­NI­EL REIN­HARDT / DPA

Für Grie­chen­land wer­de es noch was „Klei­nes“ge­ben, be­ant­wor­tet Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz die Fra­ge nach Fi­nanz­hil­fen für die Re­gie­rung in At­hen.

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