Ei­ne Mil­li­ar­de für Han­no­ver

VW muss im Ab­gas-Skan­dal nun auch in Deutsch­land zah­len. Al­ler­dings wer­den ent­täusch­te Die­sel­fah­rer nichts von dem Geld se­hen – es fließt in die Lan­des­kas­se von Nie­der­sach­sen. Über ei­nen Buß­geld­be­scheid und die Fol­gen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von tho­mas fromm

Mün­chen – Man kann durch­aus der Mei­nung sein, dass die­ses Buß­geld in Hö­he von ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro mick­rig ist ver­g­li­chen mit den über 20 Mil­li­ar­den Dol­lar an Stra­fen und Scha­den­er­satz­zah­lun­gen, die Volks­wa­gen we­gen sei­nes Ab­gas­be­trugs in den USA zah­len muss­te. Und an­ge­sichts des jah­re­lan­gen Be­trugs mit fal­schen Ab­gas­mes­sun­gen. Man kann aber auch sa­gen, dass ein Buß­geld in Hö­he von ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro ziem­lich viel Geld ist.

Je nach­dem. Im­mer­hin, es geht um tau­send Mil­lio­nen Eu­ro – das höchs­te Buß­geld in ei­nem Ord­nungs­wid­rig­keits­ver­fah­ren, das je­mals in Deutsch­land ver­hängt wur­de. „Ich ge­he da­von aus, dass das na­tür­lich schmerz­haft ist“, sag­te der Braun­schwei­ger Ober­staats­an­walt Klaus Zie­he am Don­ners­tag. Und: „Wenn wir das Ge­fühl ge­habt hät­ten, das führt zum all­ge­mei­nen La­cher und ei­ner Über­wei­sung aus der Por­to­kas­se, hät­ten wir ei­nen an­de­ren Be­trag er­mit­telt.“Zum La­chen war hier al­ler­dings auch we­nig. Die Braun­schwei­ger Staats­an­walt­schaft hat­te VW „Or­ga­ni­sa­ti­ons­män­gel“und die „Ver­let­zung von Auf­sichts­pflich­ten“vor­ge­wor­fen – nur so hät­ten zwi­schen 2007 und 2015 welt­weit über zehn Mil­lio­nen Die­sel­fahr­zeu­ge ver­kauft wer­den kön­nen, de­ren Ab­gas­rei­ni­gung ma­ni­pu­liert war und die auf der Stra­ße weit­aus mehr Schad­stof­fe aus­stie­ßen als auf dem Prüf­stand. Be­trü­ge­ri­sche Die­sel-Mo­to­ren: ent­wi­ckelt, dann en mas­se ver­kauft. Und jetzt die Rech­nung.

Freu­en kann sich der Emp­fän­ger, das Land Nie­der­sach­sen. Hier, und nicht et­wa bei ei­ner ge­mein­nüt­zi­gen Or­ga­ni­sa­ti­on, lan­det näm­lich das Buß­geld. Laut Zie­he setzt es sich zu­sam­men aus „dem ge­setz­li­chen Höchst­maß ei­ner Ahn­dung“in Hö­he von fünf Mil­lio­nen Eu­ro und der „Ab­schöp­fung wirt­schaft­li­cher Vor­tei­le“in Hö­he von 995 Mil­lio­nen Eu­ro – al­les zu­sam­men an die Staats­kas­sen zu über­wei­sen bin­nen sechs Wo­chen. Man wer­de „zur Ver­wen­dung der Mit­tel“bald „ei­nen Vor­schlag un­ter­brei­ten, hieß es aus der Staats­kanz­lei.

Die Haus­halts­be­ra­tun­gen in Han­no­ver ste­hen in den nächs­ten Wo­chen an, und der Geld­se­gen für Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil und sei­nen Stell­ver­tre­ter, Wirt­schafts­mi­nis­ter Bernd Al­t­hus­mann, soll dann ein The­ma sein. Bei­de Po­li­ti­ker sit­zen üb­ri­gens gleich­zei­tig auch als Ver­tre­ter der Lan­des­re­gie­rung im Auf­sichts­rat von Volks­wa­gen.

Wie aber kam es ganz ge­nau zu die­ser Sum­me? Es sei nicht zu­ge­gan­gen wie „auf ei­nem ori­en­ta­li­schen Ba­sar“, sagt Zie­he. Son­dern: Man ha­be ge­nau be­rech­net, „was VW mehr hät­te in­ves­tie­ren müs­sen, um ein ord­nungs­ge­mä­ßes Au­to zu pro­du­zie­ren“. Al­so ein Au­to mit ei­nem Die­sel­mo­tor, der oh­ne du­bio­se Soft­ware-Ein­grif­fe auf die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Stick­oxi­dE­mis­sio­nen kommt. „Er­spar­te Auf­wen­dun­gen“nennt der Ober­staats­an­walt das. Die­ses Geld sei dann ver­rech­net wor­den et­wa mit den Kos­ten für nach­träg­li­che Soft­wareUp­dates. Eben­falls ein Kri­te­ri­um bei der Be­rech­nung: Noch sei­en zahl­rei­che zi­vil­recht­li­che Ver­fah­ren ge­gen VW an­hän­gig, und da kön­ne man ja „den Kon­zern nicht ver­ar­men las­sen und die­se An­sprü­che dann ins Lee­re lau­fen las­sen“, meint Zie­he. Mit an­de­ren Wor­ten: Das Land Nie­der­sach­sen be­kommt zwar in die­sen Ta­gen ei­ne sat­te Mil­li­ar­de aus Wolfs­burg über­wie­sen. Aber kei­ne Sor­ge: Es bleibt ei­gent­lich noch ge­nug Geld für al­le da.

Die Fra­ge ist nur, ob am En­de auch al­le et­was be­kom­men. Die Die­sel­fah­rer, die An­le­ger, die Händ­ler. Oder ob VW am En­de mit ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro da­von­kommt. Dann wä­re es wahr­schein­lich: we­nig.

VW hat­te das Buß­geld in die­sen Ta­gen oh­ne Wenn und Aber ak­zep­tiert. Das legt durch­aus die An­nah­me na­he, dass es für den Kon­zern wohl noch weit­aus schlim­mer hät­te kom­men kön­nen. Kon­zern­chef Her­bert Diess sprach da­von, dass man „sich da­mit zu sei­ner Ver­ant­wor­tung für die Die­sel­kri­se“be­ken­ne. Das klang noch

Das Ma­nage­ment hofft, dass nun auch bei an­de­ren Ver­fah­ren Schluss ist

nicht nach ei­nem En­de der Af­fä­re. Auch weil man weiß, dass dies für den Kon­zern nur ein wei­te­rer Schritt ist, wei­te­re Mil­li­ar­den­kla­gen, zum Bei­spiel von An­le­gern, hän­gen noch in der Luft. Bei VW hieß es am Don­ners­tag: Ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro, das ent­spre­che – zum Bei­spiel – den Ent­wick­lungs­kos­ten für ein neu­es Fahr­zeug­pro­jekt. Geld, das nun feh­le. Ganz zu schwei­gen von der Tat­sa­che, dass die gan­ze An­ge­le­gen­heit mit dem Buß­geld­be­scheid „noch nicht er­le­digt“sei. Da sind nicht zu­letzt die straf­recht­li­chen Er­mitt­lun­gen ge­gen der­zeit ins­ge­samt 49 Per­so­nen bei Volks­wa­gen, die nun wei­ter­lau­fen.

Der Kon­zern hofft zu­min­dest, dass der Buß­geld­be­scheid aus Braun­schweig auch ei­nen Schluss­strich un­ter an­de­re, ver­gleich­ba­re Buß­geld­ver­fah­ren in Eu­ro­pa setzt, da man nicht mehr­mals in der­sel­ben Sa­che be­langt wer­den kann. Ganz so ein­fach aber ist es nicht. Da ist zum Bei­spiel ein Buß­geld­ver­fah­ren ge­gen die VW-Toch­ter Au­di in Mün­chen an­hän­gig, wo es in der Sa­che um die grö­ße­ren, von Au­di ent­wi­ckel­ten Mo­to­ren aus In­gol­stadt geht. Da sind die VW-An­le­ger, die Mil­li­ar­den an Scha­den­er­satz for­dern; und da sind be­trof­fe­ne VW-Fah­rer, die von dem Au­to­bau­er ent­schä­digt wer­den wol­len, bis­lang aber nicht mehr als ein Soft­ware-Up­date be­kom­men. Die Fra­ge treibt da­her jetzt vie­le VW-Be­sit­zer um: Wenn der Kon­zern mit ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro büßt – was springt dann für die Die­sel­fah­rer da­bei her­aus, die ge­ra­de auf ei­nem Fahr­zeug sit­zen, des­sen Rest­wert im Kel­ler ist und mit dem man viel­leicht ei­nes Tages nicht mal mehr in die In­nen­städ­te fah­ren darf? Die Ant­wort ist ein­fach: gar nichts. Das auf­er­leg­te Buß­geld geht an das Land Nie­der­sach­sen, nicht an pri­va­te Die­sel­fah­rer. Es ist nicht ein­mal ge­sagt, dass sich der Buß­geld­be­scheid von Braun­schweig un­mit­tel­bar po­si­tiv auf die vie­len Kla­gen von Au­to­be­sit­zern aus­wirkt. Im Kon­zern wird be­tont, dass die Tat­sa­che, dass man den Be­scheid ak­zep­tie­re, nicht au­to­ma­tisch „ein Schuld­ein­ge­ständ­nis“sei.

Angst ha­ben braucht man je­den­falls kei­ne um die­ses Un­ter­neh­men. Im ver­gan­ge­nen Jahr fuhr VW ei­nen Ge­winn von elf Mil­li­ar­den Eu­ro ein. Da ist ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro Buß­geld nicht wirk­lich sehr viel.

FO­TO: HAU­KE-CHRIS­TI­AN DITTRICH / DPA

Zwei Jah­re er­mit­tel­te die Staats­an­walt­schaft ge­gen VW. In der Kon­zern­zen­tra­le in Wolfs­burg lie­gen die Ner­ven blank.

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